Die Gründerin und Philosophin Melusine Reimers zu neuen Arbeitskonzepten und ihren Herausforderungen
Ich hatte das Glück, Melusine Reimers im Jahr 2013 als Co-Founderin von academic experience Worldwide an meiner Seite zu haben. Mittlerweile ist sie CEO von READYMADE und promoviert in der Philosophie. Mit mir sprach sie per Voice Mail über die Themen New Work, Führung im modernen Verständnis und Leidenschaft.
Melusine, wie kamst Du dazu, READYMADE zu gründen?
Gegründet habe ich READYMADE gemeinsam mit Julian Kordt. Julian ist Tischler, ich habe Philosophie studiert. Schon während des Studiums habe ich ja mit Dir zusammen die NGO academic experience Worldwide e.V. gegründet, die jetzt gerade ihr fünfjähriges Bestehen feiert. Diese Erfahrung hat mich infiziert: Ich wollte nur noch auf diese Art und Weise arbeiten. Deshalb hatte ich gar keine Wahl: Ich musste wieder gründen!
Was genau meinst Du denn mit „auf diese Art und Weise arbeiten“?
Nun, ich war noch Studentin als wir aeWorldwide gegründet haben. Nach meinem Abschluss war ich davon überzeugt, dass ich mir jetzt – wie alle anderen – einen festen Vollzeitjob suchen, ein festes Gehalt und genau abgezählte Urlaubstage haben würde. Ich träumte davon, meine 40 Wochenstunden abzuarbeiten und danach meine Freizeit genießen zu können. In einer Stiftung meinte ich genau das gefunden zu haben. Jedoch hielt ich es kaum mehr als ein paar Monate aus. Erst als ich es nicht mehr hatte, wurde mir klar, was ich brauchte: eine gewisse Autonomie. Ich möchte Entscheidungen treffen können, die für mein Projekt relevant sind. Das bedeutet für mich, dass ich den Projekten entsprechend schnell und agil agieren kann, sodass meine Arbeit auch wirklich weiterhilft. Ich glaube einfach nicht daran, dass Vorgesetzte, die meist weit weg von den Projekten arbeiten, besser Entscheidungen treffen können als die Menschen, die sich als Expertinnen und Experten jeden Tag mit den Problemen auseinandersetzen. Wenn Entscheidungen immer erst x Hierarchiestufen hoch und dann wieder runter klettern müssen, dann behindert das das ganze Unternehmen. Für mich war diese Arbeitsweise nach dem Studium vollkommen neu – und das obwohl ich schon so viel während meines Studiums gearbeitet habe. Aber bei aeWorldwide haben wir mit sehr flachen Hierarchien gearbeitet und waren als Gründerinnen auch wirklich froh, wenn die Mitarbeitenden mitgedacht und eigenständig Entscheidungen getroffen haben. Das ganze kann und soll dabei natürlich im Dialog stattfinden, das ist ja auch der Kern von agilem Arbeiten: die Transparenz.
Mir wird bis heute nicht klar, wieso Organisationen anders arbeiten. Ich sehe den Sinn nicht, dass es einerseits Menschen gibt, die Entscheidungen treffen und andererseits solche, die sie umsetzen. In der Start-Up-Szene habe ich dann zum Glück noch mal bestätigt bekommen, dass es auch anders geht. Es gibt viel weniger spezialisierte Mitarbeitende, sondern eher Allrounder mit Fokus. Aber dadurch können alle Menschen sich immer auch in alle Themen mit einarbeiten und sehr schnell reagieren. Mein Eindruck ist, dass dies dazu führt, dass die Mitarbeitenden viel stärker von Eigenmotivation geprägt sind. Da guckt niemand auf die Uhr, ob es endlich 17 Uhr ist und er oder sie Feierabend machen kann. Es geht darum, die Projekte bis zum Ende umzusetzen und das mit Herzblut – ohne dabei von Vorgesetzten ausgebremst zu werden, die plötzlich doch einen anderen Fokus setzen wollen.
Ich sehe dabei eine erhöhte Effizienz, aber auch mehr Autonomie und Eigenständigkeit und dadurch auch mehr Leidenschaft. All das kommt dem Unternehmen doch zu Gute!
Das klingt spannend! Aber ist das denn wirklich auf alle Unternehmen übertragbar?
Ich glaube schon, dass das für jede Branche und jedes Projekt möglich ist. Natürlich ist es einfacher, so etwas bei einer Neugründung umzusetzen. Du kannst die Mitarbeitenden danach auswählen und die richtigen Mitarbeitenden wählen Dich aus. Bei einem bestehenden Unternehmen mit stabiler Belegschaft ist das sicherlich eine größere Herausforderung zu sagen: „So, wir machen jetzt alles anders!“ Dafür sind sehr viele kleine Prozesse notwendig. Es gilt erst mal zu verstehen, dass Arbeit einen enormen Teil unseres Lebens einnimmt und wir unsere Persönlichkeit nicht einfach so zu Hause lassen können. Wenn es um New Work geht, dann hat das auch immer ganz viel mit den Persönlichkeiten der einzelnen Mitarbeitenden zu tun. Der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin muss also in der Lage sein, all diese Persönlichkeiten mit an den Tisch zu holen und Teil des Changeprozesses werden zu lassen. Natürlich bringt das Risiken mit sich, aber nicht nur auf unternehmerischer Seite. Oftmals wird an New Work kritisiert, dass das ganze Subjekt mit seiner Persönlichkeit plötzlich Teil des kapitalistischen Lohnarbeitsprozesses werden soll und verwertet wird. Ich denke aber, dass unser Arbeitsmodell von mindestens 40 Wochenstunden uns quasi dazu zwingt, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was unsere Persönlichkeit in der Zeit macht. Ich habe für mich festgestellt, dass ich mein privates Ich ungern so viele Stunden meines Lebens im Schrank lassen möchte und dann nur abends für vier Stündchen wieder raus hole. Trotzdem zeigt sich, was das für ein schwieriger Prozess in Unternehmen ist und wie behutsam man damit umgehen muss. Nicht alle Menschen wollen so arbeiten.
Du sprichst die Themen Herzblut und Leidenschaft an. Ich bezweifle, dass alle Lohnarbeitsstellen so viel Sinn bieten können, dass die Menschen wirklich jeden Tag leidenschaftlich arbeiten. Ist das nicht auch ein großer Vorteil Eures Themas „Nachhaltigkeit“?
Klar haben wir da einen großen Vorteil mit einem solchen Thema und in der Start Up-Szene! Auch der Reiz „Klappt das jetzt?“ bei einer Neugründung passioniert natürlich. Wir locken dadurch ganz andere Leute an.
Aber ich glaube, dass auch bestehende Unternehmen mit bestimmten Themen motivieren können. Etwa mit dem Team! Ich habe eben über den großen Teil des Lebens gesprochen, den wir bei der Arbeit verbringen. Natürlich ist es viel schöner, diese Zeit mit einem netten Team zu verbringen, mit dem man viel teilt. Früher, wenn ich in der Schule den ganzen Tag mit meinen Freunden verbracht habe, war der Unterricht fast schon nebensächlich und ich bin irgendwie gerne hingegangen, weil ich meine Freunde sehen wollte. Es gilt also menschliche Verbindungen im Team herzustellen, die über Small Talk hinausgehen. Das heißt für Führungskräfte auch, sich die Frage zu stellen: „Was habe ich hier für ein Team? Passen die Leute zusammen?“ Das Verständnis für Persönlichkeit sollte also auch Teil von Bewerbungsgesprächen sein. Das kann unter Umständen bedeuten, Fragen zu stellen wie: „Was hören Sie gerne für Musik?“. Es müssen zudem Räume geschaffen werden, in denen sich die Menschen entspannt begegnen können.
Ein anderer Anreiz ist auch das Thema „Standort“. Wir arbeiten mit ReadyMade zum Beispiel in einem sehr großen Coworking-Space. Hier werden immer wieder Räumlichkeiten von großen Unternehmen angemietet. Ganze Teams werden einfach mal in eine andere Umgebung gesetzt, um Abwechslung und neue Denkräume zu schaffen.
Studien zeigen aber auch, dass Weiterbildungen zentral sind. Führungskräfte sollten den Mitarbeitenden ermöglichen, sich auf Konferenzen, Barcamps, in Seminaren oder Ähnlichem zu vernetzten und fortzubilden. Auch ruhig mal über den eigenen Arbeitsradius hinaus. Es geht darum, Teil der Diskurse zu werden, die im weitesten Sinne mit den Fachthemen zu tun haben. Zu oft werden leider nur die Führungskräfte zu Fortbildungen geschickt.
Was würdest Du Führungskräften aus klassischen Unternehmen raten, die Lust haben, sich auf New Work einzulassen, jedoch im Team dafür keinen Rückhalt finden? Kommen die Ideen da nicht an ihre Grenzen?
Unser Interview via Voice Mail
Ist man nicht gerade dafür Führungsperson, um sich in solchen Momenten etwas auszudenken? Sicherlich ist es kein gutes Mittel, dann einfach die Belegschaft auszutauschen. Ich glaube, dass jeder Mensch durch etwas zu motivieren ist, das außerhalb von Urlaub und Geld liegt. Und wenn es wirklich an den finanziellen Bedingungen liegt, dann gibt es auch fortschrittliche Führungskräfte, die selbst gewählte Lohn- und Urlaubsstrukturen einführen. Diese plötzliche Eigenständigkeit kann sehr motivierend sein. Bisher gibt es meines Wissens auch noch kein Unternehmen, welches das eingeführt hat und in welchem die Mitarbeitenden plötzlich nur noch im Urlaub sind. Ganz im Gegenteil wird den Menschen plötzlich klar, was das für das Unternehmen und somit auch ihre Stelle bedeutet. Es ist ja sehr einfach in einer Struktur zu arbeiten, in der man immer nur das tut, was einem gesagt wird. Das ist durchaus sehr angenehm: Du musst Dich nicht mit Dir und Deinen Bedürfnissen auseinandersetzen und kannst den Vorgesetzten immer den schwarzen Peter zuschieben. Und plötzlich bist Du selbst in der Verantwortung. Du musst Dich fragen: „Wieviel brauche ich? Wieviel will ich? Wieviel ist meine Arbeit innerhalb des Teams wert?“ Und darüber passiert ganz viel!
Und ein noch viel wichtiger Schritt ist es, herauszufinden, wie man die einzelnen Mitarbeitenden motivieren kann. Gerade bei kleinen Teams unter 30 Leuten sollte man die Menschen ja auch kennen und ins Gespräch gehen. Externe Beraterinnen und Berater können in solchen Momenten gut helfen. Es gibt heutzutage glücklicherweise Beratungen für alles und jeden!
Führungskräfte sollten nicht in eine „Nun stellt Euch doch nicht so an“-Haltung verfallen, sondern den Individuen im Team zuhören und herausfinden, wo der Schuh drückt. Das hat ja auch ganz viel mit Wertschätzung des Einzelnen zu tun. Dafür sollte es Führungspersonen geben!
Bald spreche ich mit Melusine noch mal genauer darüber, was eine Führungsperson für sie ausmacht und wie sie sich selbst in der Rolle wahrnimmt.
Melusine Reimers und Merle Becker sprechen an der Hochschule Hamm-Lippstadt über aeWorldwide, Postkolonialismus, Othering und Flüchtlinge (2016)
Vergangene Woche durfte ich für den Blog Mamaaempf einen Gastbeitrag schreiben. Dabei ging es um das Thema Gewalt unter der Geburt, welches immer Ende November besonders Aufmerksamkeit bekommen.
Der Roses Revolution Day möchte darauf aufmerksam machen, dass etwa jede dritte Frau, die Kinder bekommen hat, mit Gewalt im Kreißsaal konfrontiert wurde. Während im allgemeinen Diskurs Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett romantisiert wird, werden viel zu häufige traumatisierende Ereignisse in Momenten des völligen Ausgeliefertseins verschwiegen. Ich wollte dies nicht so belassen und entschied mich, über meine eigenen Erfahrungen zum Thema Gewalt unter der Geburt zu berichten. Ninas Blog erschien mir der richtige Ort dafür.
Nachdem ich nun schon viele Jahre immer mal wieder (neben dem Studium oder dem Job) kurz- oder längerfristig auch als freie Redakteurin und Moderatorin gearbeitet habe, ist nun endlich die Entscheidung gefallen: raus aus der Sicherheit, rein in die Selbstständigkeit. Als Mutter. Als Unter-30-Jährige. Als Sicherheitsfanatikerin.
Anfang letzten Jahres an einem Märzmorgen, 10 vor 8, kam der Moment, der mein Leben auf den Kopf stellen sollte. Ein eher zufällig gemachter Schwangerschaftstest stellte sich als positiv heraus (und die folgenden drei auch noch…). Heute bin ich Mutter eines einjährigen kleinen Jungen, der mein Leben bereichert. Und ich bin so froh, dass er einfach entschieden hat, zu uns zu stoßen – ohne, dass wir die Entscheidung hätten fällen müssen. Ich ging nach der Geburt in Elternzeit und zwar direkt ganze 12 Monate. Was mir gerne als unfeministisch vorgeworfen wird, hat bei mir einfach direkt Sinn gemacht. Ich sah das Jahr berufliche Auszeit als Chance, mir bewusst zu werden, was ich eigentlich will.
Seit einigen Jahren war ich nun in einer beruflichen Schiene, die zwar nett war, aber eigentlich nicht dem entsprach, von dem ich als Jugendliche und als Studentin träumte. Ich wähnte mich in einem goldenen Käfig: nette Kolleginnen und Kollegen, nette Projekte, nette Bezahlung… Aber irgendwie fehlte mir die Leidenschaft. Durch meine vorhergegangene Arbeit in verschiedenen Non-Profits, in Start Ups und ganz besonders auch bei academic experience Worldwide (als Gründerin), wusste ich, was leidenschaftliches Arbeiten bedeutet. Und genau danach sehnte ich mich.
Nun sollte dieses Jahr mir helfen, wieder zurück auf meinen Weg zu finden. Ich überlegte, in Teilzeit weiter zu machen. Ich überlegte, mit meinen Vorgesetzten nach Möglichkeiten zu suchen. Ich überlegte, meinen jugendlichen Leichtsinn einfach zu ignorieren. Doch all dies hatte keine Chance. Nachdem ich im August ein sehr nettes Gespräch mit einer selbstständigen Kommunikationsberaterin hatte, stand die Entscheidung fest: Ich würde kündigen und alles riskieren. Und das mit meinem kleinen Sohn.
Und genau so kam es. Nun bin ich offiziell ab dem 1.12. selbstständig mit Wertschatz Kommunikation unterwegs. Auf Basis von wertschätzender Kommunikation entwickle ich mit sozialen und ökologischen Institutionen und Unternehmen das passende Kommunikationskonzept. Ich verbinde dabei Storytelling mit Fundraising, klassischer PR und Employer Branding. Und all dies auf einer wertschätzenden Basis.
Seit Jahren beschäftige ich mich damit, dass im Marketing und im Fundraising leider gerade auch bei sozialen und ökologischen Institutionen Machthierarchien und Vorurteile verschärft werden. Dazu habe ich geforscht und auch aktiv versucht, dagegen an zu arbeiten. Etwa bei aeWorldwide, welches den Fokus darauf hat, das Bild des „Flüchtlings“ in den Medien zu beeinflussen. Oftmals heißt es, dass die Darstellung von Stereotypen dem Fundraising zu Gute kommen würde. Doch das muss nicht so sein! Eine Organisation und auch ein Unternehmen wird viel glaubwürdiger, wenn es konsequent Werte vertritt, auf die man sich verlassen kann. Und dann spenden die Menschen auch nachhaltig und langfristig und suchen sich das Unternehmen als Arbeitgeber.
Ich habe eine große Leidenschaft für das Thema und bin sehr aufgeregt, dieses nun als meinen Job umzusetzen. Die ungläubigen Blicke, die mir immer wieder entgegen kommen („Was? Du gründest? Obwohl Du einen kleinen Sohn hast? Du hast doch jetzt Verantwortung!“), gehen natürlich nicht spurlos an mir vorbei. Doch ich finde es wichtig, sich als Frau und Mutter nicht verunsichern zu lassen. Denn ich glaube ganz fest daran, dass sich die Selbstständigkeit super mit meiner Rolle als Mutter vereinbaren lässt. Und ich werde die Schranken, die sich vor mir schließen werden, einfach so lange bearbeiten, bis sie sich wieder öffnen.
Emmanuel Jal ist ein gefeierter Rapper und Schauspieler. Er verbindet amerikanischen Hip-Hop mit afrikanischen Klängen und wird dafür international gefeiert. Doch hinter Emmanuel Jal steht viel mehr als ein musikalisch begabter Mann: Er hat eine Geschichte zu erzählen, die es wert ist, gehört zu werden.– Dieser Artikel erschien zuerst im Repekt!-Magazin der IG Metall (Photo Credit: Che Kothari).
»Musik macht mich froh und beschäftigt mich: Für mich ist sie wie eine Therapie.«, sagt Emmanuel Jal, der in den frühen Achtzigerjahren im kriegsgebeutelten Sudan geboren wurde. Nachdem seine Mutter bei einem Überfall auf sein Dorf starb, wurde der gerade einmal siebenjährige Emmanuel Jal zusammen mit vielen anderen Kindern nach Äthiopien verschleppt und in einem Camp zum Kindersoldaten ausgebildet. Er trug eine AK-47, die fast größer war als er selbst, während er für die Befreiungsarmee kämpfte und viele Freunde sterben sah. 1991 schaffte er es mit etwa 300 anderen Kindern wegzurennen. Nur sechzehn von ihnen sollten diese gewagte Flucht überleben. »Wir waren konfrontiert mit Hunger und Durst. Manche von uns starben in Minenfeldern, es gab Krankheiten und giftiges Essen, weil wir wilde Pflanzen aßen. Dass ich das überlebt habe, ist ein Wunder! Ich habe mir selbst immer wieder gesagt, dass ich nicht sterben würde. Ich würde am Leben bleiben!«, beschreibt Emmanuel Jal seine Erlebnisse heute.
Emmanuel Jal hatte Glück. Er traf auf eine Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, die den desertierten Kindersoldaten bei sich aufnahm, adoptierte und ihn über die Grenze nach Nairobi schmuggelte. Hier schickte sie den Jugendlichen zur Schule und versuchte, ihm etwas Kindheit zurückzugeben. Aber lange sollte das Glück nicht halten, denn schon wenige Monate später starb seine Adoptivmutter bei einem Autounfall und Emmanuel Jal war in den Slums Nairobis auf sich alleine gestellt. Doch die Musik, die er dort kennenlernen sollte, half dem Waisen, das Erlebte zu verdrängen und später auch zu verarbeiten. Gospel-Musik und Hip-Hop wurden zu seiner Leidenschaft und gaben dem Jungen neue Hoffnung. 2004 veröffentlichte er sein Debütalbum mit dem Namen »Gua« (deutsch: Frieden beziehungsweise Kraft). Heute sagt er: »Als ich in Kenia war, schrieb ich ein einziges Lied, das ein Hit wurde. Und dieses Lied wurde der Wendepunkt meines Lebens. Ich wurde eingeladen bei Live8 aufzutreten und wurde von Peter Gabriel auf der großen Bühne vorgestellt. Und dann passierten viele große Dinge, wie etwa Nelson Mandelas 90. Geburtstag. Ich begann über alles zu sprechen und ging dafür in Schulen. Seitdem versuche ich, bei jungen Menschen Bewusstsein zu schaffen und nutze meine Geschichte für soziales und emotionales Lernen.« Seine Musik vereint Hip-Hop mit afrikanischen Rhythmen und Weltmusik. Emmanuel Jal ist auf der ganzen Welt bekannt. »Ich habe mit Nelly Furtado und mit Niles Rodgers kooperiert – er ist der heißeste Produzent da draußen!«, erzählt der sympathische Musiker stolz. Jal singt sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch, Suaheli, Dinka und Nuer. Die Thematik des Bürgerkriegs sowie die Aufforderung zu mehr Frieden und Toleranz auf der ganzen Welt ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Musik. Das 2006 veröffentlichte Album »Warchild« wird begleitet von einer Biografie und einer Dokumentation, in denen Jal aus seinem Leben erzählt und versucht, die Welt auf die Problematik der Kindersoldaten hinzuweisen.
Doch er kritisiert auch das Musikbusiness: »Musik ist unschuldig, das Problem sind die Texte. Mit den Texten kann man die Menschen dazu bringen, einander umzubringen oder einander zu vergeben.« Er hat bei Freunden gesehen, wie Musik negativ beeinflussen und Hass schüren kann. Diese Macht der Musik will Jal positiv nutzen. Dafür schrieb er sogar einen Song an 50 Cent und forderte ihn auf, ein besseres Vorbild zu sein. Geantwortet hat 50 Cent auf den Song nie, aber: »Ich bin tatsächlich überrascht, denn 50 Cent macht mittlerweile eine Reihe sehr guter Sachen für Kinder. Er gibt also der Gesellschaft auch etwas zurück.«, erzählt Jal. Ob das soziale Engagement des Gangster-Rappers auf das Lied zurückzuführen ist, weiß Emmanuel Jal nicht, aber darauf kommt es ihm auch gar nicht an. Er hat sich eine Aufgabe gestellt: »Ich glaube, dass ich aus einem Grund überlebt habe: um meine Geschichte zu erzählen und andere Menschen zu beeinflussen.« In seinem Lied »Forced to sin« berichtet der Musiker von seiner verlorenen Kindheit. Er erzählt, wie er um sein Leben lief und seine besten Freunde sterben sah. »Es sterben noch immer viel zu viele Menschen in Bürgerkriegen und dagegen wird zu wenig getan! Mit meiner Musik möchte ich auf diese Probleme aufmerksam machen. Ich hoffe, das Herz der Menschen zu berühren. Wenn du das Herz von jemandem berührst, dann bleibt das ein Leben lang. Wenn du ihren Geist berührst, dann ist das nur kurzfristig.«, erklärt Jal. Aber Emmanuel Jal macht nicht nur Musik, um sich für den Frieden einzusetzen, sondern er ist auch vielfältig dafür aktiv, dass es anderen Menschen besser geht. Er engagiert sich für Straßenkinder, gegen Kindersoldaten und Waffenexporte. Er ist Botschafter für Oxfam und gründete seine eigene Hilfsorganisation »Gua Africa«. Und ganz nebenbei macht sich Jal auch in Hollywood einen Namen: Bald ist er an der Seite von Reese Witherspoon in »The Good Lie« auf der Leinwand zu sehen.
Bis heute leidet der junge Mann an Albträumen. Doch die Musik gibt ihm Hoffnung. Sie hilft nicht nur, Erlebtes zu verarbeiten, sondern beschäftigt Emmanuel Jal auch. Denn dann hat er keine Zeit, über seine verlorene Kindheit nachzudenken.
Boris Palmer, Tübinger Oberbürgermeister für die Bündnis 90/Die Grünen, polarisiert. Sein Buch „Wir können nicht allen helfen“ sorgte nicht nur bei Mitgliedern anderer Parteien, sondern auch bei Parteifreunden für einen Aufschrei. Nun stolperte ich über ein Interview im Stern, in welchem er sich für seine Aussagen rechtfertigt. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich: Palmer bedient sich populistischer Scheinwahrheiten und konservativer Parolen.
Ich hätte das Interview wahrscheinlich gar nicht gelesen, oder mich nur kurz innerlich darüber aufgeregt, wenn nicht eine Person, die ich sehr schätze, zu mir gesagt hätte: „Das klingt doch eigentlich alles sehr logisch und vernünftig, was Boris Palmer da sagt.“ Wenn diese Person den Phrasen des Tübinger Oberbürgermeisters so schnell Glauben schenkt, dann möchte ich gar nicht wissen, was er bei anderen Menschen damit erreicht. Also möchte ich mir kurz die Zeit nehmen und die Argumente Palmers überprüfen.
Ein faires Einwanderungsgesetz?
In dem Interview mit dem Titel „Wir reden über Flüchtlinge nicht offen“ im stern Nummer 47 vom 16.11.2017 setzt sich Boris Palmer dafür ein, Menschen ohne Aufenthaltsrecht „konsequent“ abschieben zu wollen. Nur einen Satz später sagt er jedoch, dass er von den Grünen erwarte, ein Einwanderungsgesetz zu gestalten, das es Menschen trotz Ablehnungsbescheid erlaubt, in Deutschland zu bleiben, „wenn sie unsere Sprache lernen, ihr eigenes Geld verdienen und unsere Gesetze achten“. Diese Menschen hat er dann aber doch bereits „konsequent“ abgeschoben, oder sehe ich das falsch? So steigt er direkt mit einem Widerspruch in das Interview ein.
Problemlösung: Schließung der Balkanroute?
Palmer sagt laut Stern: „Wir haben das Problem inzwischen weitestgehend im Griff. Der tägliche Zustrom ist um 90 Prozent zurückgegangen, weil andere es für uns gelöst haben.“ Er bezieht sich dabei auf die Schließung der Balkanroute. Doch was genau meint er mit „Problem lösen“? Was ist das Problem? Der „Zustrom“? Nicht etwa die Fluchtursachen? Es müsste gar keine so geschimpften „Flüchtlingsströme“ geben, wenn es keine Fluchtgründe gäbe. Und wer sich mit Fluchtgründen etwas genauer auseinandersetzt, wird schnell merken, dass diese nicht unabhängig von uns und unserem Alltag passieren. Die nationale sowie die EU-Politik sind genauso grundlegend für Fluchtgründe wie unser Konsumverhalten und auch historische Entscheidungen vonseiten europäischer und nordamerikanischer Staaten (und historisch meint zum einen natürlich den Kolonialismus mit seinen Grenzziehungen, aber auch den Kalten Krieg und somit beispielsweise die Unterstützung der Taliban sowie die „Demokratisierungskriege“ der USA mit Unterstützung europäischer Regierungen). Als Grüner sollte Palmer zudem auch Themen wie den Klimawandel im Kopf haben, welcher vor allem durch Industriestaaten vorangetrieben wird, unter dem aber vor allem Menschen in ärmeren Staaten leiden (mehr dazu hier). Und natürlich auch die Verbindungen all dieser Probleme. Ich denke da beispielsweise an Äthiopien, welches als Partnerland der USA immer noch als demokratisch gilt, jedoch Minderheiten verfolgt. Der Klimawandel sorgt dort immer wieder und regelmäßig für Dürren. Hungersnöte und Landgrabbing im Namen der Weltbank führen dazu, dass das wenig fruchtbare Land mit Rosen und Tulpen bepflanzt wird, welche dann billig bei uns im Supermarkt verkauft werden. Wer dagegen auf die Straße geht, wird verhaftet und gefoltert. Ein schönes Beispiel, um das Zusammenspiel all dieser Faktoren aufzuzeigen. Und trotzdem werden Menschen aus Äthiopien immer noch abgeschoben, denn das Land gilt als demokratisch. Welches dieser Probleme wurde denn nun gelöst? Keines. Boris Palmer sieht das Problem einzig in den Menschen, die fliehen, weil sie keine andere Wahl mehr haben und die Lösung des Problems besteht für ihn also nur darin, Grenzen zu schließen und somit Menschenrechte zu missachten.
Sexuelle Übergriffe durch Geflüchtete?
Doch er geht noch weiter: „Jetzt lesen die Tübinger in der Zeitung von Vergewaltigungen.“ Und tatsächlich wurden im vergangenen Jahr ja einige Male Statistiken in den Medien zitiert, die das Gefühl gaben, dass das Risiko vergewaltigt zu werden durch die Zuwanderung von Menschen gestiegen sei. Jedoch glauben dies auch nur Menschen, die sich mit Statistiken nicht auskennen oder sich nicht die Zeit nehmen wollen, sich diese genauer anzusehen. Und ich denke, dass es die Aufgabe eines Oberbürgermeisters ist, diese Ängste und Vorurteile aufzuklären und Statistiken zu erklären, statt weiter Angst zu schüren.
Ich helfe gerne:
Von Ängsten und Unwahrheiten – Boris Palmer zum Thema Flüchtlingspolitik
Die bei der Polizei angezeigten Sexualstraftaten stiegen im Jahr 2016 an. Dies bedeutet aber nicht, dass es tatsächlich mehr Straftaten gab, sondern heißt ggf. einfach nur, dass die Sensibilität für das Thema gestiegen ist und Frauen sich nun eher trauten, Anzeige zu erstatten. 2011 lag die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau zwischen 16 und 40 Jahren Opfer sexueller Gewalt wird, bei 2,4 Prozent. 2016 stieg die Zahl auf 2,6 Prozent. 1992 lag sie noch bei 4,7 Prozent – das ist fast das Doppelte. Die Zahlen zeigen also: Ganz so schlimm ist es gar nicht. Allerdings: Bei den angezeigten Tatverdächtigen handelte es sich bei 14,9 Prozent um Zugewanderte. Das ist durchaus eine sehr hohe Zahl! Problematisch ist aber, dass diese Zahl alle Anzeigen umfasst, unabhängig davon, ob die Menschen auch wirklich verurteilt wurden. Sie ist keineswegs ein Abbild der tatsächlichen Kriminalität im Land. Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund sehr viel schneller angezeigt werden, als Einheimische. Und dies verzerrt die Statistik stark. Die Wahrscheinlichkeit als ausländisch wirkender Mensch nach einem Sexualdelikt angezeigt zu werden, ist zweieinhalb Mal so hoch wie die Wahrscheinlichkeit als einheimisch wirkender Mensch angezeigt zu werden.
Ein weiterer Verzerrfaktor ist die Tatsache, dass viele junge Männer geflüchtet sind. Dies ist in allen Teilen der Gesellschaft die Gruppe mit der höchsten Kriminalitätsrate. Um geflüchtete und einheimische Menschen im Hinblick auf Straftaten wirklich vergleichen zu können, müssten die beiden Gruppen gleich aufgestellt sein.
Ergänzend dazu möchte ich gerade in Bezug auf die #metoo-Debatte noch anmerken, dass Sexualstraftaten offensichtlich nichts mit dem Aufenthaltsstatus oder dem Herkunftsort zu tun haben. Boris Palmer sollte dies wissen und verängstigten Bürgern genau dies vermitteln. Leider kommt er dieser Aufgabe nicht nach.
Nehmen die Einwanderer uns was weg?
Stattdessen bedient er sich in dem Interview eines weiteren Klischees: „Wenn die Leute den Eindruck gewinnen, dass sie dieses oder jenes nicht mehr bekommen wegen der Flüchtlinge – dann haben wir verloren.“ Leider geht er nicht darauf ein, was genau die Menschen glauben, wegen der geflüchteten Menschen nicht mehr zu bekommen. Doch er gesteht ein: „Es war ein schlimmer Fehler, den sozialen Wohnungsbau zu beenden.“ Statt hier also eine Minderheit zu benutzen, um eigene politische Fehlentscheidungen zu vertuschen, sollte es doch seine Aufgabe sein, sich für Menschen einzusetzen, die Hilfe brauchen – ob mit oder ohne Fluchtgeschichte. Ich warte immer noch auf die Person, die mir wirklich mal aufzeigt, inwiefern es ihr schlechter geht, weil Menschen nach Deutschland geflohen sind.
Unglück für Deutschland?
Boris Palmer zitiert aus seinem Buch: „Die Flucht nach Deutschland war ein Glück für die Flüchtlinge, nicht für Deutschland.“ Hier stellt sich mir die Frage: Geht es gerade wirklich darum, wer mehr Glück hat? Menschen, die ihr Leben, ihre Familien, ihre Freunde und alles, was sie bisher kennen, hinter sich lassen müssen; Menschen, die ihr Leben riskieren, zum Teil Monate oder Jahre unterwegs sind und in ein Land kommen, dessen Sprache sie nicht kennen und in dem sie keinerlei Netzwerk oder Freunde haben – wollen wir wirklich sagen, dass diese Menschen mehr Glück haben als wir, die wir bei unserer Familie und Freunden bleiben, die wir nicht um unser Leben oder um unsere nächste Mahlzeit zittern müssen, die wir ein Dach über dem Kopf haben? Ich bin wirklich entsetzt über diese Aussage. Zudem ist sie auch noch grundlegend falsch. Boris Palmer bezieht sich nämlich darauf, dass „die meisten nicht die Qualifikationen für unseren Arbeitsmarkt mitbringen.“ Fakt ist aber: Viele der Menschen, die hier ankommen, bringen Qualifikationen mit, die in Deutschland durchaus gebraucht würden. Problematisch sind hier aber immer noch die Anerkennung und auch das Sprachniveau.
Unglück für Deutschland?
Für die allermeisten Arbeitsstellen braucht man ein Deutschniveau von mindestens B2, oftmals auch C1. Der Staat zahlt anerkannten Asylberechtigten jedoch nur Deutschkurse bis zu einem Niveau von B1. Dann fehlen noch bis zu 3000€, die die Menschen selten selbst aufbringen können. Dadurch stehen sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung – auch wenn sie gerne wollten. Hier wird also deutlich: Auf der einen Seite suchen Fachkräfte eine Arbeitsstelle, auf der anderen Seite werden sie gebraucht. Aber der Staat verhindert selbst, dass dieses Puzzle zusammengeführt werden kann. Natürlich gibt es auch die Gruppe junger geflüchteter Menschen, die ohne Ausbildung bei uns ankommen. Da heißt es schnell: Der ist ja schon 20 Jahre alt und hat keinen Schulabschluss. Der ist wohl faul. Dabei sollten wir jedoch nicht vergessen, dass die Menschen oftmals schon jahrelang auf der Flucht sind und vorher in Krisenregionen lebten, in denen ihnen keine durchgehende Schulbildung zur Verfügung stand. Umso wichtiger ist es doch dann, diese jungen Menschen hier auch in das Bildungssystem zu integrieren – sie sind doch auch ökonomisch eine große Chance für Deutschland (etwa, wenn wir an unser Rentensystem denken). Leider scheitert es auch hier oft, denn Regelschulen können meist nicht mehr besucht werden, wenn die Menschen über 18 Jahre alt sind und Abendschulen kosten Geld. Mir stellt sich hier die Frage, wieso Palmer die Zeit nicht besser nutzt und die deutsche Bürokratie flexibilisiert, sodass wir alle davon profitieren, statt Angst und Hass zu schüren.
Und zu guter Letzt möchte ich zu dem genannten Zitat noch sagen: Na und? Selbst wenn Boris Palmer der Meinung ist, für Deutschland bedeuten die geflohenen Menschen kein „Glück“, so ändert das rein gar nichts an dem grundlegenden Menschenrecht auf Asyl und an unserer humanitären Verpflichtung. Wenn dies bedeutet, dass wir in Deutschland ein wenig an unseren Strukturen arbeiten müssen und vielleicht auch den einen oder anderen Euro ausgeben müssen, dann ist das halt so (und hier verweise ich gerne noch mal auf die oben angeschnittenen Fluchtgründe und unsere Verantwortung in Bezug auf diese).
Rassismus: Das wird man jawohl noch sagen dürfen?
Boris Palmer rechtfertigt sich in dem Interview auch dafür, weshalb er all diese Themen anspricht: „Man muss die Tatsachen nüchtern und gelassen aussprechen, dann hat die AfD nicht die Chance, den Eindruck zu erwecken, nur sie würde die wahren Probleme erkennen und ansprechen.“ Und ergänzend dazu sagt er: „Was jeder sehen kann, muss auch gesagt werden.“ Die oben stehenden Ausführungen zeigen jedoch, dass es hier gar nicht um „wahre Probleme“ geht, sondern Probleme werden konstruiert und Ängste geschürt, um Wählerstimmen vom rechten Rand zu gewinnen. Und nur weil einige Menschen sagen, sie würden etwas sehen, heißt das nicht, dass es sich um Fakten handelt. Realität wird unterschiedlich wahrgenommen und gerade in Zeiten von Algorithmen in sozialen Netzwerken ist dies zentraler denn je. Palmer sollte nicht vergessen: Wer rechts wählen möchte, der wird das Original nehmen. Wieso sollte die Kopie gewählt werden? Dieser Plan wird nicht aufgehen.
Erschreckend ist in diesem Zusammenhang ein facebook-Post des Grünen-Politikers, welcher auch im Interview angesprochen wird und den Palmer nach eigener Aussage so nicht mehr wiederholen würde. Er fotografierte heimlich eine Gruppe migrierter Menschen, die wohl schwarzgefahren sind. Dazu schreibt er: „Zugfahrten haben sich verändert in den letzten Jahren. Ist es rassistisch, das zu beschreiben? Ist es fremdenfeindlich, sich dabei unwohl zu fühlen?“
Glaubt Boris Palmer allen Ernstes, dass Schwarzfahren etwas mit der Herkunft zu tun hat? Glaubt er, dass Deutsche nicht Schwarzfahren? Das würde bedeuten, dass er nicht sehr oft mit den Öffentlichen fährt, denn da würde er eines besseren belehrt (womit er abermals in der falschen Partei wäre).
In Bezug auf sein provokantes Buch sagt der Oberbürgermeister: „Es gibt weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht und wir können objektiv nicht allen helfen.“ Damit mag er zunächst Recht haben, jedoch müssen „wir“ (also Deutschland, nehme ich an) auch nicht allen helfen. Die allermeisten Menschen sind innerhalb ihrer Herkunftsländer auf der Flucht oder in den Nachbarländern. Nur ein sehr geringer Anteil kommt nach Europa und noch weniger davon erreichen Deutschland. 84 Prozent aller geflüchteten Menschen leben in Entwicklungsländern. Die sechs Länder, die am meisten geflüchtete Menschen aufgenommen haben sind Pakistan (1,4 Millionen), Libanon (1 Millionen), Iran (979.400), Uganda (940.800) und Äthiopien (791.600). Die Aussage von Palmer ist also richtig und doch sinnlos. Abgesehen davon möchte ich an dieser Stelle nun ein drittes Mal auf das Thema Fluchtursachen hinweisen (s. o.).
Wir bestimmen, wer kommt?
Auch auf die Art der Menschen, die hier bei uns ankommen, geht Boris Palmer ein und er hat eine Meinung dazu „Es ist nicht effizient, wenn Alte, Kinder und Frauen in den Krisenregionen bleiben und die arbeitsfähigen jungen Männer bei uns dann in den Asylbewerberheimen sitzen. […] Wäre es nicht besser, wir bestimmen, wer kommt?“. Mir stellt sich erst mal die Frage, wie wir die humanitäre Verpflichtung und das Menschenrecht auf Asyl mit dem Wort „effizient“ zusammen bringen wollen. Geht es hier gerade um grundlegende Rechte, die wir alle haben und für die wir uns alle einsetzen sollten oder geht es um Wirtschaftlichkeit? Momentan muss ich nicht fliehen. Ich habe unheimlich viel Glück, in Deutschland in einer Familie geboren zu sein, die mir neben dem Staat finanzielle und emotionale Sicherheit bietet. Mit welchem Recht sollte ich es anderen verwehren, nach genau dem zu streben? Abgesehen davon ist es durchaus logisch, dass mehr junge Männer als Alte, Kinder und Frauen fliehen. Denn die Grenzen nach Europa sind faktisch geschlossen und die Flucht sehr gefährlich, langwierig und anstrengend. Wer würde da nicht einen starken, jungen Mann schicken, in der Hoffnung, dass dieser seine Familie bald nachholen kann?
Einladung: Produzieren wir Flüchtlingsströme?
Einladung: Produzieren wir Flüchtlingsströme?
„Die Botschaft: Du musst es nur nach Deutschland schaffen, dann kannst du dort in jedem Fall bleiben. So produzieren wir neue Flüchtlingsströme.“, ergänzt Palmer. Hinter der Aussage steht die Annahme, dass Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, ihre Heimat und Familie verlassen, weil sie der Meinung sind, dass Deutschland sich öffnet. In Wirklichkeit aber fliehen sie vor Krieg, Verfolgung, Armut, Hunger und fehlenden Perspektiven und suchen nach einem Ort, an dem sie sicher sind und an dem sie sich ein neues Leben aufbauen können. Es werden dadurch sicher keine neuen „Flüchtlinge“ „produziert“! Dies geschieht vielmehr über unseren Konsum und unsere Politik (und abermals: siehe Fluchtursachen).
Anspruchsvolle „Flüchtlinge“?
Boris Palmer sagt darüber hinaus, er erlebe „ Fälle von Unwilligkeit, Anspruchsdenken, sexuellen Übergriffen.“. Das ist aber auch frech, dass mündige, erwachsene Menschen sich dazu äußern, was sie wollen und was nicht. Leider musste auch ich in meinem Ehrenamt mit geflüchteten Menschen oftmals erleben, dass Helfende nicht damit umgehen konnten, wenn ihre Angebote abgelehnt wurden. Sie waren vor den Kopf gestoßen, wenn der 50-jährige promovierte Ökonom aus Eritrea nicht mit Fußball spielen wollte. Zu diesem Thema kann ich ein wunderbares Video empfehlen, siehe hier. Und was die sexuellen Übergriffe angeht, möchte ich noch mal an die #metoo-Debatte erinnern, welche deutlich macht, dass das Problem weniger der Migrationshintergrund ist, sondern vielmehr das Geschlecht und gesellschaftlich konstruierte Machthierarchien.
Tragen wir bald alle Kopftuch?
Tragen wir alle bald Kopftuch?
Doch Boris Palmer bedient sich aller Klischees und lässt auch das Thema Kopftuch nicht aus: „Wenn eine hinreichend große Zahl von Migrantinnen Kopftuch trägt, kann das zum Standard, zur gesellschaftlichen Konvention werden.“ Hier stellt sich mir die Frage, welche Position der Politiker in Bezug auf Toleranz, Religionsfreiheit und auch die einfache Freiheit, zu tragen was man möchte, einnimmt. Nur weil Frauen muslimischen Glaubens teilweise Kopftücher tragen, wird dies nicht dazu führen, dass andere Frauen dies auch tun. Genauso soll es Menschen offen stehen, eine Kippa zu tragen oder andere religiöse Kleidungsstücke, wenn ihnen danach ist. Eine selbstbestimmte Wahl der Religion und eine selbstbestimmte Wahl der Kleidung sollte in einem demokratischen, offenen und säkularen Staat selbstverständlich sein.
Was ist die deutsche Identität?
Doch genau dessen scheint sich Palmer nicht bewusst. Er fordert, dass Deutschland sich Klarheit „über die eigene Identität“ schaffen solle und die „Grenzen der Belastbarkeit definieren [müsse], weil die Neuen sonst in Parallelgesellschaften unter sich bleiben.“ Aber, was ist denn eine deutsche „Identität“? Ist diese gleichzusetzen mit der von CDU/CSU stets hochgehaltenen „deutschen Leitkultur“? Leider konnte mir bisher niemand erklären, was genau diese umfasst. Die Morde der NSU, an Angriffe auf Homosexuelle und angezündete Asylbewerberunterkünfte sind meist auf Deutsche zurückzuführen – ist das also Teil der Identität? Die von Boris Palmer genannten Parallelgesellschaften gibt es offensichtlich schon zuhauf – ob mit oder ohne geflüchtete Menschen. Weitere Parallelgesellschaften zu verhindern ist aber Aufgabe der Politik, und dies geht vor allem durch eine gute Integrations- und Inklusionspolitik. Die bereits genannten Hindernisse zum Einstieg in die Arbeitswelt oder in das Bildungssystem für zugewanderte Menschen aus dem Weg zu räumen wäre etwa ein großer Schritt in die richtige Richtung. Oder auch die Unterbringung von geflüchteten Menschen in der Mitte der Gesellschaft, statt die „Abschiebung“ in Lager weit außerhalb der Städte und ohne Zugang zu Sprache, Kultur und Gesellschaft des neuen Heimatlandes. Auch eine Beschleunigung des Asylverfahrens wäre förderlich.
Doch der Oberbürgermeister scheint diese Probleme nicht zu sehen, und geht stattdessen davon aus, dass durch zuwandernde Menschen „kulturelle Grundachsen verschoben werden.“ Als Beispiel nennt er Übergriffe auf Homosexuelle. Wer sich jedoch mit dieser Thematik auseinandersetzt, wird schnell sehen, dass es diese Übergriffe und auch eine allgemeine Diskriminierung von Homosexuellen zuhauf auch unter Einheimischen gibt. Ich selbst musste vor nicht allzu langer Zeit Zeugin eines Angriffs auf ein queeres Jugendzentrum werden. Auch das Abstimmungsverhalten einiger der Mitglieder des Bundestages in Bezug auf die Ehe für Alle zeigt, wie stark homosexuelle Beziehungen immer noch diskriminiert werden. Dass Palmer nun ausgerechnet dieses Beispiel nutzt und somit eine Minderheit gegen eine andere ausspielt, erinnert doch sehr an die Rhetorik der AfD.
Ausbremsen des Lernerfolgs an Schulen?
Ausbremsen des Lernerfolgs an Schulen?
Palmer zeigt sich volksnah und sagt, er würde öfter von besorgten Bürgerinnen und Bürgern gefragt, wie viele Flüchtlingskinder in einer Schulklasse aufgenommen werden können, ohne dass der Lernerfolg der anderen gebremst wird. Er ergänzt: „Wir haben in Tübingen Vollbeschäftigung, ich finde fast keine Lehrer, Sozialarbeiter oder Erzieherinnen.“ Mal abgesehen von dem Genderproblem, das sich hier auftut (Wieso sind Erzieherinnen weiblich, während Lehrkräfte männlich sind?), steht diese Aussage nun im Widerspruch zu der zu Beginn genannten, dass nur junge Männer nach Deutschland kämen. Offensichtlich gibt es also doch Familien oder zu mindestens Kinder. Was aber noch viel zentraler ist: Ich musste die Erfahrung machen, dass viele Menschen, die hier bei uns ankommen, gerne wieder in ihren alten Berufen arbeiten würden, dies aber aufgrund strenger bürokratischer Regeln nicht können. Und es gibt eine nicht zu missachtende Anzahl von geflüchteten Menschen, die vorher in pädagogischen Berufen gearbeitet haben. Aber gerade hier ist die Anerkennung besonders schwierig, da Lehramt in vielen Bundesländern immer noch ein Staatsexamen voraussetzt, welches nicht so einfach mit einem Bachelor oder Master vergleichbar ist. Auch Lehrkräfte aus anderen europäischen Ländern haben es schwer (und selbst ein Bundeslandwechsel ist für Lehrkräfte schwierig). An diesen Stellschrauben müsste also gedreht werden, dann könnte nicht nur der Lehrkräftemangel angegangen werden, sondern auch ein gutes Lernumfeld für alle schulpflichtigen Kinder geschaffen werden. Denn Lehrkräfte mit eigenem Flucht- und Migrationshintergrund helfen Kindern mit ähnlichem Hintergrund, da sie als Vorbild dienen und die Elternarbeit erleichtern. Ich frage mich außerdem, wieso Palmer davon ausgeht, dass geflüchtete Kinder automatisch den Lernerfolg der Klassenkamerad*innen „ausbremsen“. Kinder kommen zum Sprachenlernen zunächst in sogenannte Sprach- oder Intensivklassen. Hier haben sie Zeit, die deutsche Sprache zu lernen, bevor sie in die Regelklassen kommen. Sie sprechen also mindestens ein Niveau von B1, wenn sie an dem Regelunterricht teilnehmen. Das heißt, die Gefahr eine „Bremse“ ist sehr gering und wieder schürt Palmer Ängste, statt sich auf Tatsachen zu beziehen.
Was heißt das nun für Boris Palmer?
Es wird deutlich: Palmer nutzt Vorurteile, Ängste und Hass, um auf Wählerfang am rechten Rand zu gehen. Und er schafft es, das Ganze eloquent so darzustellen, als sei es logisch und basiere auf Fakten. Dies ist gefährlich, denn es unterstützt die Bestrebungen rechter Gruppen und Parteien, die Diskurshoheit zu übernehmen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden die Tore geöffnet – direkt in die Mitte der Gesellschaft. Boris Palmer sollte seine Rolle reflektieren und sich genau darüber bewusst werden. Wahlen sind es nicht wert, dieses Risiko einzugehen!
Ich befürchte, dass dieser Blogeintrag ein wenig anders wird als meine vorherigen. Persönlicher und emotionaler wird er wohl sein. Und er wird nicht auf Literatur basieren, sondern rein auf meinen Gedanken, Hoffnungen, Sorgen – und ganz vielen Fragen. Dies mag damit zusammen hängen, dass ich in den kommenden Tagen ein Kind in diese Welt setzen werde, jedoch nicht nur. Denn diese Gedanken habe ich schon lange im Kopf.
Wie kann es sein, dass Themen wie Klima- und Umweltschutz immer noch weniger Bedeutung haben als Banken und Wirtschaft?
In was für einer Welt leben wir? Und in was für einer Welt wollen wir leben? Ist es richtig, weiteres Leben in diese Welt zu setzen? Ich sehe, dass so vieles schief läuft – verdammt schief. Fangen wir mal hier in Deutschland an: Wie kann es sein, dass Themen wie Klima- und Umweltschutz immer noch weniger Bedeutung haben als Banken und Wirtschaft? Was bringen uns denn die besten Banken und die stärkste Wirtschaft, wenn wir auf diesem Planeten bald nicht mehr leben können? Für unser Klima und unseren Umgang mit dem Planeten Erde ist es nicht mehr fünf vor 12. Es ist Viertel nach 12. Und vieles von dem, was uns nun gerade selbstverständlich erscheint, wird es bald nicht mehr geben. Wir werden uns anpassen müssen. Und wir hier in Deutschland werden das auch können. Aber für viele Menschen auf dieser Erde ist der Klimawandel schon bittere Realität. Sie verlieren ihr Zuhause, sie verlieren ihre Leben. Sie haben keine Ressourcen, sich anzupassen. Denn neue, bewohnbare Inseln und fruchtbare Ländereien schießen nicht einfach aus dem Erdboden. Aber wir diskutieren weiter darüber, dass wir Verbrennungsmotoren brauchen und wie wichtig Kohle doch für unsere Arbeitslosenstatistik ist. Wir kaufen weiterhin die 1,99€-Rosen aus Äthiopien, die dort Landwirten ihre Lebensgrundlage entziehen, und posten stolz unsere tägliche Avocado auf Instagram.
Es geht nicht nur darum, was die Herstellung all dieser Produkte für die Umwelt und das Klima bedeuten, sondern auch für die Menschen, die sie herstellen.
Ich gehe über die Einkaufsstraße der großen Stadt am Fluss, in der ich lebe. Und ich sehe all diese vielen jungen Menschen mit ihren vollen Einkaufstüten. T-Shirts für 2,99€. Man trägt es einmal und kauft sich dann ein neues. Aber auch die Menschen mit den teureren Marken werfen bei mir Fragen auf: Braucht es das alles? In den Massen? Wie wichtig war es nun wirklich, diese Jacke/Hose/Schuhe zu kaufen? Und wer von diesen jungen Menschen macht sich Gedanken über die Konsequenzen? Es geht nicht nur darum, was die Herstellung all dieser Produkte für die Umwelt und das Klima bedeuten, sondern auch für die Menschen, die sie herstellen. Und auch für unseren Lebensstil. Wieso müssen wir 40h/Woche arbeiten, um uns Dinge kaufen zu können, die wir nicht brauchen? Wäre es dann nicht sinnvoller, weniger zu arbeiten, weniger Geld zu haben, aber dafür mehr Zeit mit der Familie, mit Freunden, mit der Natur? Mir kann keiner erzählen, dass es all diese Menschen nicht besser wissen, denn nie hatten wir es so leicht, uns zu informieren.
Ich denke an die 68er Bewegung und frage mich, was uns heute fehlt, um eine breite, junge Bewegung zu starten, die sich über Frieden, Zusammenhalt und Schutz des Planeten definiert. Ja, es gibt bereits viele tolle Initiativen, die viele tolle Arbeit machen. Aber wieso spiegelt sich das so wenig in der Popkultur wider? Wieso geht es in den Musikcharts immer noch weitestgehend um Party und Liebeskummer? Gerade im deutschen Pop habe ich das Gefühl, die Welt ist ganz wunderbar und wir müssen nur lernen positiver zu denken – dann wird das schon. Oder die Welt ist furchtbar negativ, aber das liegt nur an den schlechten Parties und dem Liebeskummer. Um grundlegenden Fragen unseres Zusammenlebens geht es nicht (Einige wenige Musiker und Musikerinnen ausgenommen, natürlich wie immer). Aber auch in den internationalen Charts höre ich dauernd nur von Hangovers, Pills and Heart Ache. Von den Kinocharts brauchen wir gar nicht zu sprechen. Wie wäre es, wenn wir als junge Generation uns mal ganz anders organisieren? Uns zusammen finden und eine Alternative zu diesem Lebenskonzept finden, dass so offensichtlich nicht mehr funktioniert und uns alle in riesige Probleme bringt?
Wovor haben wir Angst? Ist es vielleicht das Wissen, dass es uns im globalen Vergleich viel zu gut geht?
Wie kann es sein, dass immer nach unten getreten wird? Ich kann diese ganze Diskussionen zur Einwanderungspolitik nicht mehr hören und kann die Nachrichten zu Zeiten der Koalitionsverhandlungen nur sehr schwer ertragen. Das Recht auf Asyl ist ein verdammtes Menschenrecht und ich kenne niemanden, der oder die unter den hier angekommenen Menschen persönlich gelitten hat. Stattdessen steigen die Zahlen der politisch motivierten Straftaten gegen zugewanderte Menschen mit jedem neuen Bericht. Und ja, natürlich müssen Ängste wahrgenommen werden, doch der meiste Hass kommt nicht von denen, die am wenigsten haben. Es ist die Mittelschicht, die Ängste schürt. Wovor haben wir Angst? Ist es vielleicht das Wissen, dass es uns im globalen Vergleich viel zu gut geht?
In was für einer Welt leben wir? Und in was für einer Welt wollen wir leben? Ich wünschte, ich könnte nun ein gutes Fazit schreiben und meine Fragen beantworten, doch leider kenne ich die Antworten nicht. Vielleicht kennt Ihr sie ja. Ich würde mich freuen, von Euch zu hören.
Diese Woche beginnt die COP23 in Bonn unter der Präsidentschaft von Fidschi die 23. internationale Klimakonferenz. Die 2015 in Paris gesteckten Ziele sollen nun in Taten umgesetzt werden. Doch funktionieren solche internationalen Verhandlungen eigentlich auf Augenhöhe?
Das offizielle Logo der COP23 in Bonn unter der Präsidentschaft von Fidschi
Globale Umweltprobleme gehen in ihrer Reichweite über die Kompetenzbereiche einzelner Nationalstaaten hinaus und führen zu grenzübergreifenden Vernetzungen. Im Rahmen von Global Governance werden Möglichkeiten diskutiert, jenseits von Nationalstaaten eine globale Regierung zu schaffen. Globale Umweltprobleme sind jedoch nicht nur ein Aufgabengebiet für Global Governance, sondern durchaus auch eine Folge der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Denationalisierung. Weltweite Klimaforscher sind sich einig, dass ein Klimawandel stattfindet und durch menschlichen Einfluss verstärkt wird. Von den Auswirkungen des Klimawandels können alle Regionen der Erde betroffen sein und somit auch alle Menschen. Multilaterale Vertragswerke auf internationaler Ebene sollen das Problem über nationalstaatliche Grenzen hinaus angehen. Dabei ist davon auszugehen, dass trotzdem die Nationalstaaten in der internationalen Klimapolitik immer noch die wichtigsten Akteure bleiben, die aber durch weitere Institutionen und Akteure ergänzt werden, wie etwa die Vereinten Nationen. Doch auch private Assoziationen und Netzwerke wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden Teil von Global Governance.
Globale Machtverhältnisse im Rahmen von Global Governance
Das Problem der internationalen Klimapolitik besteht meiner Meinung nach darin, dass die Verhandlungen nicht auf Augenhöhe ablaufen, sondern dass sich globale Machtbeziehungen widerspiegeln. Die mächtigen Industriestaaten setzen ihre Interessen durch, während kleine Staaten häufig weniger Möglichkeiten haben, ihre Stimme zu erheben. Dies ist zum einen auf mangelnde Ressourcen zurückzuführen (Wie viele Menschen kann ein Staat zu den Verhandlungen entsenden? Welche Druckmittel haben die Staaten innerhalb der Verhandlungen?), aber auch auf ein mangelndes Erhört Werden (Wer wird in den Medien zitiert? Wer darf wie lange sprechen? Wem wird zugetraut, sich mit der Thematik auszukennen?). Besonders brisant ist diese Machthierarchie, wenn man bedenkt, dass die Hauptverursacher des Klimawandels die mächtigen Industriestaaten sind, die Hauptleidenden aber in vielen Fällen ärmere Staaten des Globalen Südens (siehe dazu auch den Blogeintrag: Flucht, Asyl, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?).
Auch NGOs sind von globalen Machtverhältnissen beeinflusst
Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien
Nun sind auf der COP 23 auch viele Nichtregierungsorganisationen vor Ort (NGOs). Formal gesehen sind NGOs Organisationen, die spezielle Privilegien (etwa im Steuerbereich) genießen, aber auch mit Einschränkungen konfrontiert sind (so dürfen sie beispielsweise nur eingeschränkt Gewinn machen). Die Autorität von NGOs basiert auf normativen Kräften anstelle von demokratischer Repräsentation oder militärischer Macht. Oft werden drei Kriterien genannt, die eine NGO mindestens mitbringen muss, um sich in der internationalen Politik akkreditieren zu können: Zum einen darf eine NGO nicht auf einem intergouvernementalen Abkommen basieren, zum anderen soll sie Wissen und Interesse an der jeweiligen internationalen Institution mitbringen und drittens muss die Meinung der NGO unabhängig von nationalen Regierungen sein. Auch die UN nutzt diese Einschränkungen als Definitionen.
Arbeitsweisen von NGOs
NGOs sind jedoch nicht nur sehr heterogen und divers, sondern arbeiten häufig auch über verschiedene Ebenen. Transnationale NGOs arbeiten oft eng mit lokalen Partnern zusammen, welche Projekte implementieren oder Informationen sammeln. Auch lokale NGOs sind in ihrer Arbeit auf den Einfluss und die Ressourcen von transnationalen Partnern angewiesen. Eine Reihe von Studien zeigt, dass die Beziehungen zwischen internationalen und lokalen NGOs horizontal und fließend sein können und sich beide Organisationsarten gegenseitig brauchen. Andere Studien machen deutlich, dass es durchaus auch solche Machtbeziehungen zwischen internationalen und lokalen NGOs gibt, unter denen Letztere leiden. Hierbei spiegeln die Beziehungen die Verhältnisse globaler Politik wider: Demnach stülpen internationale Organisationen eigene Ideen und Konzepte auf die schwächeren lokalen Partner in Ländern des Globalen Südens über. Diese sind auf Gelder und auf die Kontakte der INGO angewiesen. Eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Partnern kann auch zu einer Professionalisierung der lokalen NGO führen, die mit einer Entpolitisierung einhergehen kann. Dies kann zu einem eurozentrischen Charakter der sogenannten transnationalen Zivilgesellschaft führen, wenn internationale NGOs strukturelle Ungleichheiten in ihrer Arbeit ausblenden, Proteste und schließlich auch Stimmen der kleinen NGOs verklingen lassen und lediglich ihre eigene Stimme als international geltend darstellen. Zudem heißt es immer wieder, dass die globalen Themen der internationalen NGOs zu weit entfernt seien, von den Themen der lokalen NGOs. Es zeigt sich also, dass selbst in der Arbeit der NGOs die Gefahr ungleicher Machtbeziehungen besteht.
Kritischer Blick auf NGOs
Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien
Auch NGOs vertreten vor allem Partikularinteressen und kämpfen um das eigene Überleben. Es heißt, dass in globalen NGOs vor allem gebildete Menschen aus dem Mittelstand reicher Staaten arbeiten. NGOs seien auch nicht Teil eines dritten Sektors, sondern eng mit dem Staat und dem Markt verbunden. Dadurch reflektieren sie die gesellschaftlichen Ungleichheiten und bilden diese in ihrer Arbeit wieder ab. In der Forschung werden NGOs oft als Black Box gesehen und behandelt, die Heterogenität der verschiedenen NGOs wird dabei selten mitgedacht. Untersuchungen zeigen auf, dass bei internationalen Klimaverhandlungen ein Großteil der NGOs aus dem sogenannten Globalen Norden kommt. Zudem stehen den NGOs des Globalen Nordens mehr materielle und ideelle Ressourcen zur Verfügung, sodass diese die internationale Klimapolitik qualitativ sowie quantitativ dominieren. Während der Verhandlungen über das Kyoto-Protokoll dominierten NGOs aus dem Globalen Norden, nur ein Viertel der teilnehmenden Organisationen kam aus dem Globalen Süden. Letztere waren zumeist auch durch sehr viel weniger Repräsentanten vertreten. Das UNFCCC stellte zwar Gelder zur Verfügung, doch reichten diese oftmals nicht. Die am stärksten vertretenden NGOs waren Greenpeace, Friends of the Earth und der World Wide Fund for Nature.
Wie geht es weiter?
Solange globale Machtbeziehungen bestehen, werden diese sich auch in Global Governance also in internationalen Verhandlungen widerspiegeln. Gerade in Bezug auf die Klimapolitik ist dies verheerend: So sind es doch vor allem die ärmeren, schwächeren Staaten, die schon heute unter dem Klimawandel leiden und keine oder nur begrenzte Möglichkeiten der Anpassung haben. Die großen Industrienationen, zu denen auch und vor allem Deutschland zählt, müssen nun reagieren und sich kompromissbereit zeigen. Die gesteckten Ziele dürfen nicht verwässert werden und Schritte, um diese einzuhalten, müssen sofort und alternativlos umgesetzt werden. Einzelne Wirtschaftszweige oder Lobbygruppen dürfen hier keine Rolle mehr spielen, wenn es um die Zukunft unseres Planeten geht.
Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien
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Zum Weiterlesen:
Beisheim, Marianne (2004): Fit für Global Governance? Transnationale Interessengruppenaktivitäten als Demokratisierungspotential – am Beispiel Klimapolitik. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (Bürgergesellschaft und Demokratie, 16).
Steffek, Jens (2013): Explaining cooperation between IGOs and NGOs. Push factors, pull factors, and the policy cycle. In: Rev. Int. Stud. 39 (04), S. 993–1013.
Beer, Christopher Todd; Bartley, Tim; Roberts, Wade T. (2012): Ngos: Between Advocacy, Service Provision, and Regulation: Oxford University Press.
Bexell, Magdalena; Tallberg, Jonas; Uhlin, Anders: Democracy in Global Governance. The Promises and Pitfalls of Transnational Actors. In: Global Governance 16 2010, S. 81–101.
Buttigieg, J. A. (2005): The Contemporary Discourse on Civil Society. A Gramscian Critique. In: boundary 2 32 (1), S. 33–52.
Lipschutz, Ronnie D. (2007): The Historical and Structural Origins of Global Civil Society. In: Globalizations 4 (2), S. 304–308.
Benessaieh, A. (2011): Global Civil Society. Speaking in Northern Tongues? In: Latin American Perspectives 38 (6), S. 69–90.
Carpenter, R. Charli (2010): Governing the global agenda: “gatekeepers” and “issue adoption” in transnational advocacy networks. In: Deborah D. Avant, Martha Finnemore und Susan K. Sell (Hg.): Who Governs the Globe? Cambridge: Cambridge University Press, S. 202–237.
Brühl, Tanja; Gereke, Marika (2015): Der Beitrag von Non-State Actors zum Schutz der Umwelt. Eine kritische Analyse der Rolle von NGOs in der Klimapolitik. In: Z Außen Sicherheitspolit 8 (S2), S. 677–694.
Die Britin Jane Goodall ist wohl die bekannteste Verhaltensforscherin der Welt. In Zeiten, in denen nur wenige Frauen in der Forschung arbeiten konnten, revolutionierte sie die Sicht auf Tiere in der Forschung. Mit mittlerweile dreiundachtzig Jahren reist sie immer noch um die Welt, um sich für Tier, Mensch und Umwelt einzusetzen. // von Merle Becker
Becker |
Frau Dr. Goodall, Sie sind als junge Frau ohne jegliche universitäre Bildung alleine nach Afrika gegangen und wurden trotzdem als Doktorandin angenommen. Was war Ihr Antrieb? Wie konnten Sie so viel Mut aufbringen und so viel Motivation entwickeln?
Goodall |
Ich bin mit einer Liebe zu Tieren geboren worden. Als ich zehn Jahre alt war, las ich Tarzan und entschied schon damals, daß ich nach Afrika gehen wollte, sobald ich erwachsen wäre. Ich wollte unter wilden Tieren leben und Bücher über sie schreiben. Alle lachten über meine Pläne. Es war Krieg, wir hatten kein Geld, nur Bücher aus der Bibliothek. Afrika war weit weg – der dunkle Kontinent, über den wir kaum etwas wußten. Und ich war nur ein kleines Mädchen. Aber meine Mutter sagte immer: „Wenn du das wirklich möchtest, mußt du hart dafür arbeiten. Du mußt alle Möglichkeiten nutzen und darfst niemals aufgeben!“ Mich hat meine Liebe zur Natur und zu den Tieren immer motiviert und vorangetrieben.
Becker |
Sie machen keinen Unterschied zwischen Menschen und Tieren und sehen beide als Einheit. Ihrer Meinung nach können wir Tieren nicht helfen, wenn wir nicht auch den Menschen helfen. Was meinen Sie damit?
Goodall |
Jane Goodall mit einem Stoffaffen (CC BY 2.5/Jeekc)
Schimpansen sind uns sehr ähnlich, sowohl biologisch (die menschliche DNA unterscheidet sich von der der Schimpansen nur um ein Prozent!) als auch in ihrem Verhalten. Sie küssen und umarmen sich, sie halten Händchen, pflegen sich gegenseitig, betteln mit der ausgestreckten Hand um Essen, prahlen, bauen und benutzen Werkzeuge, haben eine dunkle und aggressive Seite und töten. Aber sie lieben auch und haben eine wahrhaftig altruistische Seite. Sie zeigen uns, daß es keine scharfe Linie gibt zwischen uns und dem Reich der Tiere. Wir sind alle Teil dieses wunderbaren Naturreiches. Der zweite Teil der Frage ist ein wenig schwieriger zu beantworten. Als ich 1960 nach Gombe in Tansania ging, war die Region Teil des äquatorialen Waldgürtels. Als ich dreißig Jahre später mit einem kleinen Flugzeug über dieselbe Gegend flog, war der Nationalpark nur noch eine Oase zwischen nackten Hügeln. Zu viele Menschen führten zu übernutzten, unfruchtbaren Böden. Gerodete Steilhänge erodierten. Die Menschen unternahmen verzweifelt alles, um ihre Familien zu ernähren oder Geld mit Holzkohle zu verdienen, Menschen, die in bitterer Armut lebten und um ihr Überleben kämpften. Als ich das sah, wurde mir klar, daß wir die Schimpansen nicht retten können, solange wir nicht das Leben der Menschen verbessern.
Becker |
Viele Wissenschaftler sträuben sich davor, interdisziplinär zu arbeiten. Sie sind entweder Biologen oder im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Hatten Sie Probleme, Unterstützer für Ihre Forschungen zu finden?
Goodall |
Wir gründeten das Jane Goodall Institute schon sehr früh, 1974. Es ist eine Institution mit drei großen Zielen: Es sollen Primatenforschung betrieben, natürliche Habitate geschützt und ein Bewußtsein für all das geschaffen werden. In anderen Worten: Das Institut steht für Forschung, Umweltschutz und Bildung. Wir sammeln seit jeher Gelder für alle drei Bereiche.
Becker |
Nachhaltigkeit wurde in den vergangenen Jahren zu einem Modewort. Was bedeutet der Begriff für Sie?
Goodall |
Das Gehirn eines Schimpansen (links) im Vergleich zu dem eines Menschens (rechts)
Die Vorstellung, daß es unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten natürlichen Ressourcen gibt, ist absolut absurd. Bereits im Sommer haben wir mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr bilden kann. Wir müssen lernen, einen harmonischen Lebensstil zu entwickeln: mit der Natur, mit Recycling, grüner Energie und weniger Geldausgaben. Wir müssen unseren verschwenderischen Lebensstil, bei dem jeder mehr will, als er oder sie braucht, verändern.
Becker |
Worum geht es bei dem Projekt „Roots and Shoots“?
Goodall |
Ich arbeite zusammen mit vielen Menschen sehr hart dafür, Tiere und die Umwelt zu schützen und zu bewahren. Wenn heranwachsende Generationen nicht lernen, bessere Erdverwalter zu sein, als wir es waren, war unsere ganze Arbeit sinnlos. „Roots and Shoots“ ist ein Projekt, das es mittlerweile in fast hundert Ländern gibt, mit Teilnehmern jeden Alters, vom Kind bis zu Universitätsangehörigen. Sie alle arbeiten an drei Projekten: Sie wollen die Welt besser machen für Menschen, für Tiere und für die Umwelt. Egal, wo ich hinkomme, sehe ich junge Menschen mit strahlenden Augen, die mir erzählen, was sie machen, um die Welt zu verbessern. Das gibt mir Hoffnung.
Becker |
Sie arbeiten in vielen afrikanischen Dörfern, aber auch in anderen Regionen der Welt, etwa in Österreich. Brauchen junge Menschen auf der ganzen Welt die gleiche Unterstützung?
Goodall |
Zwar brauchen alle jungen Menschen viel Unterstützung, aber in unterschiedlicher Weise. Kinder und Jugendliche in Armut müssen bestärkt werden. Sie müssen merken, daß sie etwas verändern können. Junge Menschen, die in materiellem Reichtum aufwachsen, müssen lernen, über die Folgen ihres Verhaltens nachzudenken. Das heißt, sie müssen alle kleinen Entscheidungen, die sie jeden Tag treffen, reflektieren: was sie essen, tragen, kaufen und so weiter. Aber alle jungen Menschen sollen und wollen erhört werden. Wir müssen sie dazu ermutigen, darüber nachzudenken, welche Rolle sie im Rahmen eines positiven Wandels spielen können. Wir müssen sie dazu ermutigen, die Ärmel hochzukrempeln und etwas zu tun.
Becker |
Sie beraten und unterstützen Menschen in afrikanischen Dörfern. Gleichzeitig ist es im Wesentlichen die industrialisierte Welt, die für die schrumpfende Biodiversität und den Klimawandel verantwortlich ist. Historisch betrachtet – aber auch aus der Perspektive der Gegenwart – tragen die europäischen und nordamerikanischen Staaten eine große Verantwortung für die Probleme auf dem afrikanischen Kontinent. Wie gehen Sie mit den Hierarchien um?
Goodall |
Was hat Nachhaltigkeit mit Artenschutz und Armut zu tun? Jane Goodall bringt alles zusammen!
Wir müssen extreme Armut lindern, egal wo. Wenn du sehr arm bist, fällst du den letzten Baum, um zu überleben. In städtischen Regionen kaufst du das billigste Essen und machst dir keine Gedanken darüber, wie es hergestellt wurde, wo es herkommt oder ob im Produktionsprozeß Menschen oder Tiere gelitten haben. Du hast keine Wahl! Wir müssen vom extravaganten Lebensstil der reichen Teile der Weltbevölkerung wegkommen und lernen, mit denjenigen zu teilen, die nicht genug haben.
Becker |
Können Sie uns ein wenig zu ihrem „TACARE“-Programm erzählen?
Goodall |
Das ist ein ganzheitliches Programm, das wir in zwölf Dörfern in der Nähe von Gombe implementiert haben. Ein Team von ortsansässigen Tansaniern geht in die Dörfer und fragt die Menschen, wie man ihnen am besten helfen kann. Wir kümmern uns beispielsweise darum, die Fruchtbarkeit der Böden ohne Chemie wiederherzustellen, das Land zu schützen, damit wieder Bäume wachsen, Erosionen zu kontrollieren oder die Versandung von Flüssen zu verhindern. Außerdem schaffen wir verbesserte Bildungs- und Gesundheitsangebote und üben Druck auf die lokalen Behörden aus, mehr zu tun, da auch wir nur begrenzte Mittel haben. Auch Mikrokreditprogramme für Frauen sind Teil von „TACARE“, und Mädchen bekommen Stipendien, um während und nach der Pubertät weiter zur Schule gehen zu können. Die Unterstützung und Bildung von Frauen hat überall auf der Welt zu kleineren Familien geführt und bildet den Grundstein für Familienplanung. Das Wachstum der Weltbevölkerung ist ein Riesenproblem. Heute gibt es „TACARE“ in zweiundfünfzig Dörfern. Rund um Gombe entstehen die Wälder langsam wieder. Auch weiter im Süden, wo mehr als die Hälfte der Schimpansen in Tansania leben, schützen wir die Wälder. Die Menschen in den Dörfern sind unsere Partner. Sie nutzen Smartphones und Tablets, um den Zustand des Waldes zu dokumentieren. Sie dokumentieren zum Beispiel illegale Baumfällungen oder auffällige Tierspuren, oder sie beobachten Schimpansen und andere Wildtiere. All das wird in eine Cloud geladen, in die Global Forest Watch, die von Esri, Google Earth, Digital Globe und der NASA unterstützt wird. „TACARA“ wurde in einer ähnlichen Form in Uganda, in der Demokratischen Republik Kongo, in Kongo-Brazzaville, Burundi und im Senegal übernommen.
Becker |
Und trotzdem: Immer mehr Tiere verschwinden. Die Biodiversität ist hochgefährdet. Der Klimawandel beschleunigt sich. Haben Sie manchmal das Gefühl, daß uns die Zeit davonläuft?
Goodall |
Die Zeit drängt – Jane Goodall fordert dazu auf, aktiver zu werden!
Ich bin fest davon überzeugt, daß wir uns jetzt zusammentun und gemeinsam sehr hart arbeiten müssen. Wir müssen mehr Geld in den Umweltschutz investieren. Sonst wird uns die Zeit davonlaufen. Was mag das für zukünftige Generationen bedeuten? Es heißt, kommende Kriege werden um Wasser geführt. Ganze Städte stehen schon ohne Wasser da. Entwaldung und Treibhausgase führen zum Klimawandel. Ich befürchte, wir haben nur ein sehr kleines Zeitfenster. Darum reise ich an dreihundert Tagen im Jahr um die Welt, um die Menschen zu sensibilisieren und zum Handeln zu bewegen.
Becker |
Und wie geht es Ihnen, wenn Menschen, die in wichtige Ämter gewählt werden, den Klimawandel bestreiten? Etwa Donald Trump?
Goodall |
Diejenigen, die sich Sorgen machen, müssen nun um so härter arbeiten und für die Wahrheit kämpfen!
Die Bundestagswahl steht bevor und selten war der Wahlkampf einschläfernder. Dabei gibt es so viele Themen, die es dringend zu besprechen und anzugehen gilt. Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz machte mir Hoffnungen – die bitter enttäuscht wurden. Dies lag nicht nur an den beiden Kandidat*innen, sondern auch an den Fragen der Moderator*innen.
Was läuft schief bei uns, dass Themen wie Umwelt, Klima, Bildung und Digitalisierung einfach nicht besprochen werden?
Wieso wird in der Politik und in vielen Medien immer wieder mit Angstmacherei gearbeitet, statt tatsächlich existierende, dringende Probleme anzugehen und an einer besseren Zukunft zu arbeiten?
Eine Frage im Wahl-O-Mat: Das ist schlicht keine Frage, die zur Diskussion offen sein kann.
Auch der Wahl-O-Mat, den ich schon viele Jahre sehr spannend finde, beschäftigt sich mit vielem, aber nicht mit zukunftsweisenden Themen. Stattdessen werden haufenweise Themen von rechtsaußen in den Diskurs aufgenommen (Hier fühle ich mich stark an das TV-Duell erinnert… #Strunz). Ja, aufkommender Rechtspopulismus ist ein Problem, aber diesem begegnen wir nicht, indem wir den Mainstreamdiskurs anpassen! Wenn im TV Duell im Jahr 2017 immer noch das Hauptthema „Flüchtlinge“ ist, dann läuft doch etwas falsch!
Es ist so was von an der Zeit, dass sich etwas tut – und zwar schnell. Wir haben keine „Jahrzehnte“, um auf Elektroautos, flächendeckende Digitalisierung und erneuerbare Energien zu warten. Der Klimawandel ist kein Zukunftsspiel, sondern verdammt real! Wir müssen realisieren, dass Formen der Arbeit sich ändern. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Kohleenergie und verpestete Luft werden uns in Zukunft nicht weiterbringen. Der Wandel wird kommen, es liegt an uns, darauf vorbereitet zu sein. Migration wird nicht weniger werden, sondern mehr. Es bringt also nichts, sich nun gegenseitig Angst zu machen, sondern es geht nun darum, die Zukunft gemeinsam positiv zu gestalten!
„Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“
Die offizielle Begründung des Deutschen Fußballbundes für das Verbot des professionellen Frauenfußballs aus dem Jahr 1955 erscheint heute absurd. Frauen betätigen sich mittlerweile in fast allen Sportarten professionell und nicht nur die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen ist äußert erfolgreich. Frauen tragen heute wesentlich zu den Erfolgen im Spitzensport bei.
Doch wie steht es um die Mediatisierung des Weiblichen im Sport und insbesondere im Surfsport? Wie werden Frauen in Surffilmen dargestellt? Um diese Fragen zu beantworten habe ich mir zwei Filme aus unterschiedlichen Epochen angesehen, sie analysiert und miteinander verglichen. Wie wird wie die Rolle der Frau in dem Film Gidget aus dem Jahr 1959 dargestellt und das Geschlecht konstruiert? Und wie unterscheidet sich die Rolle der Frau in Gidget zu der in Point Break aus dem Jahr 1991?
Wenn wir davon ausgehen, dass Frauen in den 90er Jahren emanzipierter und selbstständiger waren als noch in den 50er Jahren, dann müssten dies die Surffilme widerspiegeln. Doch ist das so?
Was heißt denn eigentlich Geschlecht?
Was bedeutet Geschlecht?
Laut Judith Butler ist geschlechtliche Identität nicht vorgegeben, sondern wird durch stilisierte, sich wiederholende Akte beständig konstruiert. Dabei gibt es immer auch Abweichungen in den Wiederholungen (besonders weil es kein Original gibt), was die geschlechtliche Identität instabil macht. Gleichwohl bleibt sie jedoch in dem historisch konstituierten Rahmen. Dabei meint Butler nicht nur, dass das soziale Geschlecht konstituiert ist, sondern auch das biologische. Es gäbe in der Natur keine Dichotomie von Geschlechtern, sondern sie sei menschengemacht. Von dem Moment an, in dem der Arzt oder die Ärztin der Mutter verkündet: „Es ist ein Junge/Es ist ein Mädchen!“ wird das Kind in die Dichotomie aufgenommen und muss die sozialen Anforderungen erfüllen, um akzeptiert zu werden. Auch R. Connell geht davon aus, dass das soziale Geschlecht prozesshaft konstituiert wird. Körperreflexive Praxen konstituieren demnach eine Welt mit einer körperlichen Dimension, die nicht biologisch determiniert ist. R. Connell sieht Gender in Relation zu einer übergeordneten Machtstruktur und einem Symbolismus der Differenz.
Frauen im Sport
Surfen gilt noch immer als Männersport
Bestimmte Ideale von Männern und Frauen weisen kulturübergreifend hohe Übereinstimmungen auf. So wird der Mann meist als kompetent und aktiv gesehen, während die Frau emotional und sozial dargestellt wird. Diese traditionellen Ideale haben sich auf das Bewegungsverhalten von Frauen und Männern ausgewirkt und damit auch „typische“ Sportarten für beide Geschlechter vorgegeben. Heute sind Frauen zwar in nahezu allen Sportarten anzutreffen, doch gerade in den „typisch“ männlichen – also Kampf- oder Kraftsportarten – unterrepräsentiert. Katharina Fietze beschreibt dies als eine „Gleichstellung innerhalb eines männlich geprägten Systems“, da viele der Sportarten von Männern für Männer entwickelt wurden und sich dementsprechend auch am männlichen Körper orientieren. Das Idealbild der Frau in unserer Gesellschaft basiere auf Konfliktvermeidung, Defensive und Unterordnung, weshalb Frauen auch so erzogen würden und die männlichen Sportarten damit mit schlechteren Vorbedingungen ausführen müssen.
Problematisch ist jedoch heutzutage nicht mehr so sehr, dass sich nicht genug Frauen im Sport engagieren, sondern vielmehr, dass sie medial unterrepräsentiert sind. So werden Frauen in den Sportmedien zwar als Leistungsträgerinnen dargestellt, wobei jedoch auch die weibliche Schönheit stark inszeniert wird und als Voraussetzung für eine starke mediale Präsenz gilt. So werden Sportlerinnen – im Gegensatz zu Sportlern – häufig nicht in Aktion gezeigt, sondern in Posen, welche den weiblichen Attributen eher zu Gute kommen. Das bedeutet, dass die Frau als Sportlerin nicht nur gute Leistungen erbringen muss, sondern gleichzeitig schön und attraktiv zu sein hat, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.
Obwohl Frauen schon im alten Hawaii surften und auch in Kalifornien schon seit den frühen 20er Jahren auf den Wellen reiten, gilt Surfen als Männersport. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2004 zeigt, dass die Geschlechterunterschiede im Surfsport in Santa Cruz seit den 1960er Jahren offensichtlicher geworden sind, was sich vermutlich auf das vermehrte Engagement weiblicher Surfer zurückführen lässt. Denn je mehr und je besser Frauen Wellen reiten, umso eher fühlen sich die Männer in ihrer Männlichkeit bedroht und versuchen sich durch stärkere Idealgrenzen abzuheben. Zudem heißt es, dass Männer sportlichen Frauen männliche Züge zusprechen, um damit die Männlichkeit zu verteidigen.
„Gidget“ oder auch „April entdeckt die Männer“
Gidget im Wandel des Films
1959 erschien der Film „Gidget“ (dt. „April entdeckt die Männer“). Die 50er Jahren waren sowohl in den USA als auch in Europa von einem Wirtschaftsaufschwung und dem damit einhergehenden Baby Boom gekennzeichnet. Das Idealbild der Frau zu dieser Zeit war die stets lächelnde Haushälterin, die ihrem Mann ein sauberes, schönes Heim bot, sobald er nach der Arbeit nach Hause kam. Die kommerzielle Welt, in welcher Güter produziert wurden und das Heim, in welchen sie konsumiert wurden, drifteten geografisch und kulturell auseinander. Gleichzeitig galt in Zeiten des kalten Krieges die Familie als Abwehr gegen den Kommunismus, was die Rolle der Frau in Bezug auf die Verteidigung der westlichen Werte fundamental werden ließ. Die Haushälterin wurde als Bewahrerin des vorstädtischen Traums und als Schlüsselfigur zwischen der Familie und der Gesellschaft gesehen. Hinter dieser Glorifizierung der Rolle der Frau in den 50er Jahren befanden sich jedoch oft isolierte, gelangweilte und unerfüllte Frauen, was dazu führte, dass im Laufe der späten 50er Jahre immer mehr Frauen auch außerhalb des Heimes arbeiteten. Im Jahr 1960 gingen bereits fast 40 Prozent der US-Amerikanischen Mütter mit Kindern zwischen sechs und 17 Jahren bezahlter Arbeit nach. Diese Berufe beschränkten sich jedoch zumeist auf begrenzte Tätigkeiten und Frauen verdienten sehr viel weniger als Männer in vergleichbaren Berufen.
Die Wandlung der Gidget
Der Film Gidget erschien in genau diesem Zeitrahmen. In dem Film wird der Charakter der Franzy (im Verlauf des Filmes Gidget genannt und von Sandra Dee gespielt) genauer beleuchtet. Gidget macht im Laufe des Films eine Wandlung durch, die auch gut den Konflikt zwischen Tradition und Aufbruch der Frauen der späten 50er und frühen 60er Jahre widerspiegelt. Diese Wandlung soll durch eine Dreiteilung der Beschreibung des Charakters (vor der Wandlung, die Wandlung und nach der Wandlung) verdeutlicht werden.
Vor der Wandlung
Zu Beginn des Films befindet sich Gidget mit Freundinnen zu Hause und wird im Laufe des Dialogs als Vorzeigeschülerin und langweilig vorgestellt. Zudem habe sie ein Problem und sei anders als ihre Freundinnen, welche warnen: „Sie muss es diesen Sommer schaffen, oder sie wird eine soziale Außenseiterin!”. Die Mädchen planen an den Strand zu gehen, um dort auf Männerjagd zu gehen, doch Gidget interessiert sich nicht für Männer und hat kein großes Interesse an dem Ausflug.
Die Darstellung des Charakters als andersartig im Vergleich zu dem Rest der weiblichen Charaktere ist essentialistisch. Es wird davon ausgegangen, dass Frauen im Kern etwas gemein haben und genau das bereitet Gidget Probleme, weil sie diese Essenz nicht zu finden glaubt.
Frauen gelten im Surffilm immer noch als Schmuck.
Am Strand angekommen, versuchen die Freundinnen eine Gruppe junger Männer auf sich aufmerksam zu machen, indem sie in Badebekleidung an ihnen vorbeilaufen beziehungsweise in ihrer Nähe Ball spielen. Gidget sticht aus der Mädchengruppe heraus, da ihr Badeanzug offensichtlich zu groß ist und sie durch ihre zierliche Gestalt auch sehr viel jünger und unweiblicher wirkt. Auffällig ist, dass die Männer sich betont desinteressiert und entspannt geben, während die Frauen aufgedreht, kichernd und nach Aufmerksamkeit buhlend dargestellt werden. Gidget entscheidet sich, sich von der Gruppe zu trennen und alleine schwimmen zu gehen. Darauf fragt eine der Freundinnen sie, ob sie denn gar keinen Stolz hätte, in so einem Badeanzug herumzulaufen. Gidget erwidert, sie müsse das Wort „Stolz“ wohl nochmal im Wörterbuch nachschlagen
Hier wird die Weiblichkeit vor allem im Gegensatz zu der Männlichkeit betont. Semiotisch heißt es, dass Frauen aufgeregt, naiv und sexy sind, während Männer eher eine entspannte, selbstsichere und beobachtende Rolle einnehmen. Der Stolz einer Frau ist nach Meinung der Freundinnen lediglich der Körper, um Männer aufmerksam zu machen, während Gidget unter Stolz andere Werte versteht.
Nach dem selbstbewussten Alleingang bekommt Gidget im Wasser jedoch Probleme und droht zu ertrinken. Moondoggy – ein junger Mann aus der vorher beschriebenen Gruppe – rettet das Mädchen, indem er sie auf dem Surfbrett liegend an den Strand bringt. Er erklärt ihr, dass der Strand für Damen zu gefährlich und nur für Surfer gemacht sei. Die Frau wird als schwach und hilfsbedürftig dargestellt. Gidget ist nach ihrer ersten Surferfahrung sehr aufgeregt und beschließt, selber surfen zu lernen. Moondoggy zeigt ihr deutlich sein Desinteresse. Beim Versuch, ein Surfbrett zu kaufen, bekommt Gidget gesagt, sie sei zu schwach für diesen Sport. Um ihre Stärke zu demonstrieren, hebt sie ein Brett hoch. Später hilft sie dem Verkäufer, welcher eine Ölflasche nicht geöffnet bekommt und dreht diese in Gedanken für ihn auf. Zu diesem Zeitpunkt wird Gidget als naiv, selbstbewusst und (willens)stark dargestellt, obwohl sie als fast Ertrinkende trotzdem auf die Hilfe der Männer angewiesen ist.
Zu Hause bittet Gidget ihren Vater um Geld für ein Surfbrett. Es steht außer Frage, dass der Vater die Entscheidung über finanzielle Ausgaben zu treffen hat. Zunächst ist er dagegen, doch die Mutter unterstützt ihre Tochter und überredet den Vater. Eine entscheidende Rolle nimmt die Mutter in Finanzfragen also nicht ein.
Zurück am Strand versucht Gidget, mit dem Anführer der Männergruppe Kontakt aufzunehmen und bietet ihre Kochkünste an: „Ich bin ein Zauberer in der Küche!”. Dieser geht jedoch einfach weg, während sie noch für ihn kocht. An dieser Stelle wird deutlich, dass die Rolle der Frau als Essenz auch gute Kochkünste beinhaltet, sogar bei einem jungen Mädchen, das eben noch mit Selbstbewusstsein und Stärke trumpfen konnte.
Heute gehören Frauen eigentlich selbstverständlich zur Surfszene.
Später möchte Gidget sich das Surfbrett vom Geld des Vaters kaufen. In Verbindung mit dem Geld haben die Männer plötzliches Interesse an dem Mädchen und schicken dieses los, um Burger zu kaufen. Gidget freut sich über die plötzliche Zuneigung und ruft fröhlich: „Oh das würde mich freuen! Genauso mag ich es!” Auch an dieser Stelle nimmt sie die Rolle der sorgenden Hausfrau ein. Kurz darauf hat Gidget ihren ersten Surfunterricht. Ihr Surflehrer – im Film Loverboy genannt – spart nicht mit sexuellen Anspielungen, bis sie schließlich beide vom Brett fallen und Moondoggy dazwischen geht. Ihre Unschuld und Naivität wird hier eindeutig als Gefahr für sie dargestellt, welche nur durch das Eingreifen ihres vorherigen Retters abgewendet werden kann.
Abends zu Hause fragt Gidget ihre Mutter um Rat, warum sie so anders sei, weil sie keine Dates und keine Männer möge. Ihre Mutter antwortet, dass die Zeit kommen wird, in welcher ihre Tochter jemand kennen lernen wird, den sie mag und mit dem sie sich gerne alleine trifft: „Eines Tages wirst du es fühlen, mein Schatz! Es wird sich alles verändern, weil du etwas Magisches fühlen wirst. Eine kleine Glocke wird in deinem Herzen läuten”. Die Mutter-Tochter-Beziehung und vor allem die Beeinflussung der Mutter spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Charakters. Die Mutter – eine immer fröhliche, sorgende Hausfrau – lenkt ihre Tochter in die vorgeschriebenen Bahnen. Dies erfolgt stets durch eine normative Definition der Rolle der Frau
Die Wandlung
In der nächsten Strandszene zeigt sich Gidget in einem auffällig schönen und knappen Badeanzug und die Jungs tragen sie ins Wasser. Sie surft mit Moondoogy auf einem Brett und macht Mutproben, in der Hoffnung, dann vollkommen zu der Gruppe dazuzugehören. Doch plötzlich taucht sie nicht mehr auf, weshalb die Männer sie retten und ans Land tragen müssen. Eingewickelt in eine Decke sagt sie an Land, dass sie die Mutproben alle wieder über sich ergehen lassen würde, wenn es die Jungs von ihr verlangten. Sie scheint den Männern verfallen zu sein und tut alles, was sie ihr sagen. Gleichzeitig ist sie ohne die dauernden Rettungen der Männer hilflos. Dabei zeigen sich wieder der semiotische Ansatz der Definition von Weiblichkeit und die Abhängigkeit des weiblichen Geschlechts von dem männlichen.
Die Rolle der Frau in Surffilmen
Abends im Bett erzählt Gidget ihrer Mutter, dass sie „den Einen“ gefunden habe und fragt, wie sie sich nun zu verhalten habe. Ihre Mutter erklärt, dass es nicht Gidgets Aufgabe wäre, weitere Schritte einzuleiten, sondern die des Mannes. Hier wird die Geschlechtereinteilung sehr deutlich. Eine Frau hat nicht den Mann zu umgarnen, sondern zu warten, bis der Mann den ersten Schritt macht.
Zurück am Strand lernt Gidget Monndoggys sehr aufreizende Freundin kennen, die sich nicht für das Surfen interessiert. Hier zeigt sich, dass das Ideal einer attraktiven Frau im Idealfall männliche Sportarten – wie das Surfen – meidet. Zudem erfährt Gidget von einer Party, die bald stattfinden soll und bekommt von den Männern gesagt, dass sie daran nicht teilnehmen kann. Als Reaktion auf diese Neuigkeiten macht Gidget zu Hause Übungen, um ihren Körper weiblicher erscheinen zu lassen (und dem normativen Ideal zu entsprechen) und überlegt sich, wie sie Moondoggy eifersüchtig machen kann: Sie bittet einen anderen Jungen gegen Geld mit ihr auf die Strandparty zu gehen. Aus der selbstbewussten Gidget, die sich in einem unförmigen Badeanzug wohl fühlte, ist ein Mädchen geworden, das sich und ihren Körper den Vorstellungen der Männer anpasst.
Schließlich erlaubt ihr auch der Anführer der Männergruppe an der Party teilzunehmen, solange sie Steaks von zu Hause mitbringt. Sie unterhalten sich über das Leben als Surfer und Gidget stimmt ihn mit ihren Fragen zu Zukunftsplänen und Lebenszielen nachdenklich. An dieser Stelle wird wieder deutlich, dass die Rolle der Frau auch eine gewisser emotionale Beeinflussung des starken männlichen Geschlechts beinhaltet
Am Abend der Strandparty stellt sich heraus, dass ihr gekaufter Ausgehpartner den Job weitergegeben hat und nun Moondoggy mit ihr zu der Party gehen wird. Nach einem innigen Kuss, den sie gekonnt als Teil der Arbeit eingefordert hat, rennt Gidget davon und fährt mit dem Anführer der Männergruppe zu ihm nach Hause. Dort fordert sie den sehr viel älteren Mann dazu auf, genau das mit ihr zu machen, was er mit anderen Frauen macht. Er zögert zunächst, doch legt sich dann mit ihr auf das Sofa. In dem Moment tritt Moondoggy ein und beide Männer beginnen eine Schlägerei. Es zeigt sich, dass Gidget sich nun nicht mehr von ihren Freundinnen unterscheidet, sondern auch um jeden Preis versucht, einen Mann zu finden. Sie scheint nun den normativen Vorstellungen der Weiblichkeit zu entsprechen und es wird bestätigt, dass sie doch die gleiche Essenz der Weiblichkeit mit sich brachte, diese jedoch erst durch die Liebe aktivieren konnte.
Nach der Wandlung
Wieder bei ihren Eltern ist Gidget geknickt und kündigt an, nie wieder ausgehen zu wollen. Sie scheint ihre Fehler einzusehen und daraus zu lernen.
Surfen – Nicht nur sexy, sondern ein Sport.
Einige Tage später bereitet sich Gidget auf ein Treffen vor, das ihr Vater arrangiert hat. Sie ist immer noch traurig und erzählt ihrer Mutter von Moondoggy. Diese erklärt Gidget, dass sie sich gerade zu einer Frau entwickelt und sich dadurch so einiges verändert. Die Veränderung scheint zu beinhalten, dass das junge Mädchen ihre Stärke, ihr Selbstbewusstsein und ihre Unbeschwertheit aufzugeben hat. Ihre Mutter zeigt ihr einen Spruch der Großmutter: „To be a real women is to bring out the best in a man”. In dieser Definition von einer wahren Frau wird ganz klar der Kontrast zum Männlichen deutlich. Darüber hinaus scheint es die einzige Aufgabe der Frau zu sein, den Mann weiter zu bringen. Die Essenz der Frau ist damit schon das Gute, welches jedoch nicht für die Frau selber genutzt werden soll, sondern zur Beeinflussung der Männer
Der Unbekannte stellt sich als Moondoggy heraus, welcher jetzt wieder zum College geht und einen Anzug trägt. Beide fahren zusammen zum Strand, wo sie den Anführer der Männergruppe auffinden, der gerade seine Hütte abreißt, weil er einen festen Job angenommen hat. Gidget hat sowohl ihn als auch Moondoggy in ihrem Sinne beeinflusst und resozialisiert und ist damit dem alten Spruch ihrer Großmutter gefolgt. Der Anführer sagt zu Moondoggy: „Sie mag klein sein, aber sie ist eine echte Frau!“. Gidget hat die Definition von Weiblichkeit genau erfüllt.
Ihre Charakterwandlung geht somit von einem selbstbewussten jungen Mädchen, das sich nicht unterordnen lässt, zu einer Frau, die sich lediglich über den Mann definiert und am glücklichsten ist, wenn sie ihre normative Rolle in der Gesellschaft erfüllen kann.
Gidget im historischen Rahme
Surfen – ein beliebter Sport und Lifestyle.
Die Rolle der Gidget gibt den Konflikt zwischen bestehenden und traditionellen Werten und dem Aufbruch gut wieder, der sich generell in der US-amerikanischen Gesellschaft widerspiegelt. Zunächst als emanzipiert und selbstbewusst dargestellt – etwa, dass sie unter Stolz mehr versteht als der Darstellung ihres Körpers für die Männer und stolz auf ihren hohen Bildungsgrad ist – wandelt sie sich im Laufe des Filmes und nimmt schließlich wieder die traditionelle Rolle der sorgenden Frau an der Seite ihres Mannes ein. Sie folgt den Vorgaben ihres Vaters und den Normen ihrer Mutter und verwirft ihre Freiheit. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch, dass ihre zu Beginn des Films thematisierte Andersartigkeit und Unabhängigkeit ihr Sorgen bereiten und sie aktiv versucht, etwas daran zu ändern – wie zum Beispiel anhand von Übungen, um größere Brüste zu bekommen, oder durch stets knappere Badeanzüge. Dennoch ist es zunächst überraschend, dass die sympathische Hauptfigur dieses amerikanischen Hollywoodfilmes der späten 50er Jahre zunächst so emanzipiert auftritt. Sie widersetzt sich ihren Eltern, lernt selbstbestimmt den Männersport Surfen und möchte die Männergruppe zunächst lediglich als gute Freunde haben. Erst durch den Wandel des Charakters während der Handlung wird diese Überraschung wieder gelöst und der historische Rahmen deutlich. Ihre wilden und emanzipierten Charakterzüge werden als für das junge Mädchen gefährlich dargestellt und das Happy End geht mit dem Wandel des Charakters hin zu der traditionellen Norm einher. Der Film scheint zu versuchen, die aufkeimende Emanzipation der Frauen in der westlichen Gesellschaft aufzuhalten und alte Werte hochzuhalten.
Wie hat sich diese Darstellung der Rolle der Frau in Surffilmen nun bis zu den 1990er Jahren entwickelt?
Point Break oder Gefährliche Brandung
In den 60er und 70er Jahren bestand der Lebensentwurf der Frauen in den USA und Westeuropa meist entweder aus Familie oder Beruf. Beides gleichzeitig war im Normalfall noch nicht vereinbar. Doch gerade in der zweiten Hälfte der 60er Jahre wurden immer mehr Frauen als Arbeitskräfte benötigt und der Bildungsstand von Frauen aller Schichten stieg an. Erst in den 80er Jahren nahmen Frauen vermehrt die Doppelrolle von Mutter und berufstätiger Frau an. Im öffentlichen Raum schienen Frauen zunächst dem Mann gleichgestellt zu sein, doch gerade innerhalb von Familien und Partnerschaften war dies oft nicht der Fall. Außerdem verdienen Frauen in vergleichbaren Berufen bis heute häufig weniger als Männer. Untersuchungen zeigen, dass sich die Einstellungen eher verändert haben als die tatsächlichen Aktionen. So ist es mittlerweile nicht mehr üblich davon auszugehen, dass die Frau die Hausarbeit übernimmt. In der Realität ist es jedoch trotzdem noch zumeist die Frau, die sich neben ihrem Beruf um das Heim und die Kinder kümmert. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Haushalte ab, in welchen der Mann der Hauptverdiener ist. Doch mit der Gründung einer Familie orientieren sich junge Paare immer noch vermehrt an traditionellen Rollenverteilungen. Für viele Frauen heißt das, dass sie einer doppelten Belastung ausgesetzt sind
Die Wandlung der Tyler Ann Endicott
Gefährliche Brandung kam 1991 in die Kinos
Der Film Point Break (dt. Gefährliche Brandung) erschien im Jahr 1991. Der Charakter der Tyler Ann Endicott, gespielt von Lori Petty, ist dabei bedeutend. Dieser Film ist besonders interessant, weil die Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow – also eine Frau – Regie führte.
Hierbei soll wieder so vorgegangen werden, dass lediglich der Charakter der genannten Darstellerin näher betrachtet wird, nicht aber der ganze Film. Auch bei der Rolle der Tyler lässt sich eine Wandlung feststellen, welche jedoch wesentlich abrupter stattfindet. Deshalb soll die Analyse in zwei Teile aufgeteilt werde (vor der Wandlung, nach der Wandlung). Liebe
Vor der Wandlung
Der FBI-Agent Johnny – gespielt von Keanu Reeves – muss berufsbedingt surfen lernen, um einer Gruppe von Bankräubern auf die Spur zu kommen, welche in der Surfszene eingeordnet werden. Bei seinen ersten Surfversuchen droht er zu ertrinken und wird von Tyler, einer ambitionierten Surferin, gerettet. Sobald er dank ihr am Strand in Sicherheit ist, beschimpft sie ihn mit dem Worten „Wenn du dich umbringen willst, geh woanders hin!“ und springt wieder ins Wasser. Johnny ruft ihr noch seinen Namen hinterher, doch ihre Reaktion bleibt genervt („Das interessiert mich einen feuchten Dreck!“). Darauf folgt eine Szene, in welcher man sie surfen sieht. Interessant ist an dieser Stelle, dass der Mann von der Frau gerettet und danach abgewiesen wird. Hier erfolgt also zunächst eine semiotische Annäherung, jedoch konträr zu der in Gidget. Die Frau wird als stark, aggressiv und aktiv dargestellt, während der Mann hilflos ist und bettelt.
Nach dem ersten Zusammentreffen am Strand beobachtet Johnny wie sich Tyler umzieht. Sie sieht nach wie vor sehr stark aus, doch sind die Aufnahmen auch aufreizend gestaltet und der Mann schaut zu. Dies beruht auf der essentialistischen Definition der Sexualisierung des Weiblichen. Der Mann wird zum Voyeur, während die Frau ihren Körper zur Schau stellt
Mit Hilfe ihres Nummernschildes und der FBI-Datenbank findet Johnny mehr über Tyler heraus. Sie hat bereits eine Verwarnung wegen Exhibitionismus und wegen unsittlicher Zurschaustellung in einem fahrenden Auto. Ein Kollege von Johnny sagt daraufhin: „Das soll dein Surfkontakt sein? Ein Weibchen?“, während eine Kollegin das gerade Gelesene mit „Heiß, wirklich heiß.“ kommentiert. Zudem erfahren die Kommissare, dass Tyler ihr Eltern in einem Autounfall verlor. Die Vorstellung des Charakters ist somit erfolgt und Tyler scheint wild, unabhängig und selbstbewusst zu sein. Die Geschlechtskonstruktion erfolgt somit eindeutig gegen gängige Klischees, was jedoch im Film auch behandelt und hervorgehoben wird. Die Bezeichnung als „Weibchen“ zeigt, dass Tyler mit ihrer aktiven und provozierenden Art nicht den Normalvorstellungen einer Frau entspricht.
Ab an den Strand.
Johnny versucht nun die junge Frau davon zu überzeugen, ihm Surfunterricht zu geben. Dafür besucht er sie in der Strandbar, in welcher sie arbeitet. Sie reagiert jedoch wieder abweisend. Der Satz „Wieso lernst du nicht Tischtennis?“ ist besonders interessant, da sie ihm damit zeigt, dass sie ihm das Surfen nicht zutraut und in ihm einen Schwächling sieht. Diese Szene ist zu vergleichen mit der Szene, in welcher Gidget ein Surfbrett kaufen möchte. Auch Johnny schafft es, Taylor zu überreden, in dem er ihr von seinen angeblich verstorbenen Eltern erzählt und damit ihre Aufmerksamkeit gewinnt. Trotzdem macht sie ihm deutlich, dass sie eigentlich wenig Interesse hat, ihn zu treffen und sagt: „Kommst du auch nur eine Minute später, bin ich weg. Und noch eins Cowboy, bilde dir ja keine Schwachheiten ein. Ich zeige dir die Tricks, die ich kenne und dann macht jeder sein Ding, klar?“ An dieser Stelle des Films nimmt die Frau eindeutig die Rolle ein, welche im Gidget-Film von den Männern eingenommen wurde
So bringt Tyler dem FBI-Agenten, welcher sich als Anwalt ausgegeben hat, am nächsten Tag das Surfen bei. Sie dirigiert ihn in militärischer Manier bis sie schließlich im Wasser beginnen, entspannter miteinander umzugehen. Johnny lernt sehr schnell und beide freunden sich an. Als Johnny auf einen anderen Surfer aufmerksam wird, erklärt Tylor, dass dies Bodhi ist, welcher noch verrückter sei als Johnny. Bodhi kommt herüber und küsst Tyler. Eifersüchtig fragt er sie: „Sag mal, wer ist denn das? Mein Nachfolger, oder was?“ Doch Tyler bleibt die starke unabhängige Frau und erwidert „Verhörst Du mich, oder was?“. Doch trotz dieser Unabhängigkeit wird deutlich, dass Tyler (von ihr so bezeichnete) verrückte Männer um sich sucht.
Abends am Strand spielt die Surfer-Gruppe, zu welcher Bodhi und Tyler gehören, American Football. Tyler spielt als Frau wie selbstverständlich mit.
Nach der Wandlung
Einige Tage später geht Johnny mit Tyler zu einer Party der Surfgruppe. Bodhi sieht die beiden und sagt zu Johnny: „Sei vorsichtig Bruder, sie ist ‘ne Wilde. Fühl dich wie zu Hause – gute Freunde teilen alles!“ Dieser Spruch zeigt deutlich, dass Tylers Verhalten noch nicht das Standartverhalten von Frauen in der Zeit widerspiegelt. Außerdem werden Frauen immer noch als Besitz der Männer angesehen, welcher geteilt werden kann. Tyler sagt später an dem Abend: „Nur Macho-Arschlöcher mit Todessehnsucht fegen so durch die Brandung!“, was ihre emanzipierte Haltung widerspiegelt, sie gleichzeitig aber auch in das Rollenklischee der – im Vergleich zu den Männern – ängstlichen und vorsichtigen Frau einordnet. Somit werden Genderrollen sowohl semiotisch als auch normativ definiert. Sie ist genervt von den Männern und geht davon.
Die Rolle der Frau in Surffilmen.
Später warnt sie Johnny vor Bodhi, was sie wieder als die eher ängstliche Frau dastehen lässt. Bodhi bekommt das mit und weist sie in die Schranken: „Johnny braucht keine Tipps von dir. Hab ich Recht?“ Es zeigt sich, dass in der Beziehung zwischen Tyler und Bodhi der Mann eindeutig der dominantere Teil ist. Noch in derselben Nacht gehen alle zusammen surfen und Tyler und Johnny küssen sich das erste Mal.
Auffällig ist, dass Bodhi immer Johnny davon unterrichtet, wenn sie etwas unternehmen wollen oder die Wellen gut sind. Johnny ist ganz neu in der Gruppe und wird trotzdem eher als Gruppenmitglied angesehen als Tyler.
Johnny, welcher nebenbei noch immer nach den Bankräubern unter den Surfern sucht und mittlerweile Bodhi und seine Freunde verdächtigt, kommt nach einer Schießerei und Verfolgungsjagd mit den maskierten Räubern verwundet zu Tyler nach Hause. Er erzählt ihr etwas von einem Unfall und Fahrerflucht und sie glaubt ihm diese Geschichte. Tyler umsorgt Johnny, ist für ihn da und pflegt ihn. Damit erfüllt sie das Rollenklischee der sorgenden Frau, die zu Hause auf ihren Mann wartet und sich um ihn kümmert. Sie ahnt jedoch, dass Johnny ihr etwas verheimlicht. Hier zeigt sich ihre emotionale Intelligenz, welche auch oft der typischen Frau zugeschrieben wird. Tylers Charakter entspricht somit immer noch der normativen Definition von Weiblichkeit. Johnny versucht, sich ihr gegenüber zu öffnen, schafft es jedoch nicht und sie akzeptiert die Unwissenheit.
Gender, Sport und Surfen
Einige Tage später findet Tyler nachts jedoch Johnnys FBI-Marke und ist erbost. In der Wut droht sie, ihn zu erschießen, schießt jedoch lediglich daneben. Sie läuft weinend weg und lässt den noch immer verletzten Johnny zurück, welcher versucht, sie über das Telefon zu erreichen. Ihre Enttäuschung und Wut ist an dieser Stelle besonders spannend, da sie die ganze Zeit wusste, dass ihr Partner ihr was verheimlicht. Zudem wird sie zu Beginn als Teil der Surfgruppe vorgestellt, welche eindeutig Hippiezüge hat und keine festen Beziehungen beinhaltet. Nun will Tyler aber plötzlich absolute Offenheit und Zweisamkeit. Diese Wandlung macht deutlich, dass aus der unabhängigen selbstbewussten Frau eine abhängige, unsichere Frau geworden ist.
Während Johnny von der Surfer-Gruppe mitgenommen wird, welche mittlerweile mitbekommen hat, dass er ein FBI-Agent und ihnen als Bankräuber auf den Spuren ist, erfährt er, dass Tyler entführt wurde. Er wird damit erpresst, dass er einen Bankraub mit ausführen muss, damit Tyler nichts passiert. Auch hier zeigt sich deutlich der Wandel, dass jetzt Johnny seine Freundin retten muss und nicht wie zu Beginn die Frau den Mann. Die semiotische Abgrenzung von Mann und Frau entspricht wieder der, die auch schon in Gidget dominiert.
Letzten Endes treffen beide sich in einer Wüste wieder, in der sie ausgesetzt werden und fallen sich in die Arme.
Tyler Ann Endicott im historischen Rahmen
Im Zuge der Analyse wurde besonders deutlich, dass die Szenen zwischen Tyler und dem männlichen Protagonisten Johnny zu Beginn des Films so inszeniert sind, dass sie konträr zu den Szenen in Gidget verlaufen. So ist es in Point Break die Frau, welche den männlichen Surfanfänger retten muss und der Mann, der um Aufmerksamkeit und Zuneigung bettelt. Dies findet am Strand – also im öffentlichen Raum – statt. Sobald die beiden Charaktere sich jedoch näher kommen und eine private Beziehung aufbauen, ändert sich dieses Verhältnis und die emanzipierte Tyler verfällt in traditionelle Rollenmodelle und wird von Johnny emotional und später auch körperlich abhängig und er muss sie retten. In den historischen Kontext passt dies sehr gut hinein, wurde doch dargelegt, dass die Emanzipation der Frauen vor allem im privaten Raum – also in der Partnerschaft und in der Familie – ihre Grenzen findet und dort immer noch Wert auf das traditionelle Rollenbild gelegt wird.
Surfen steht für Freiheit – doch für alle?
Tyler wird zunächst als sehr starke und emanzipierte Frau dargestellt. Damit ist sie jedoch auch im Film etwas Besonderes und wird zum Beispiel als „eine Wilde“ bezeichnet. Dies macht deutlich, dass Tylers Verhalten nicht das mehrheitliche Verhalten der Frauen in der fiktiven Filmgesellschaft widerspiegelt und einen besonderen, „wilden“ Charakter hat. So spielen andere weibliche Charaktere kaum eine Rolle, werden als Tänzerinnen auf der Party oder als Sekretärin beim FBI dargestellt. Alle intellektuellen Aufgaben werden von Männern übernommen, sowohl die Bankräuber sind alle männlich als auch die FBI-Agenten. Tyler gehört zwar zu der Surfgruppe, scheint aber nie etwas von den kriminellen Machenschaften mitbekommen zu haben. Hier zeigt sich, dass Anfang der 90er Jahre selbst eine als extrem emanzipiert auftretende Frau nicht als gleichberechtigt galt. Auch die Tatsache, dass Bodhi sich bei gutem Wellengang immer nur an Johnny und nicht an die Frau wendet, bestätigt das.
Tylers aktiven, starken und unabhängigen Züge, welche im Laufe des Films schwächer werden, lassen sich anhand der vorhergehenden theoretischen Grundlage erklären. So heißt es, dass sportlichen und starken Frauen männliche Züge zugesprochen werden, um das Ideal der Männlichkeit aufrecht zu erhalten. Tyler wird etwa auch vorwiegend zu Beginn des Films surfend gezeigt, während sie – sobald sie eine weiblichere Rolle annimmt – weniger sportlich dargestellt wird. Die Frau gilt nach wie vor als Besitzstück des Mannes, welches im Falle Bodhis unter Freunden auch geteilt wird.
Es zeigt sich also, dass die Emanzipation der Frauen in den 90er Jahren vor allem oberflächlich erfolgte, sich aber noch nicht im Privatleben von Einzelpersonen durchsetzen konnte.
Ein Wandel der Darstellung der Frau in Surffilmen?
Die Analyse des Charakters der Gidget aus dem gleichnamigen Film sowie des Charakters der Tyler aus dem Film Point Break sollen uns nun helfen, die eingangs gestellten Fragen zu beantworten.
Die Rolle der Gidget wird zunächst als „andersartig“, wenig weiblich und sehr stark dargestellt. Im Laufe der Handlung lernt das junge Mädchen jedoch, sich anzupassen und entspricht dabei mehr und mehr dem traditionellen Rollenbild der Frau der späten 1950er Jahre. Auch der Charakter der Tyler macht eine Wandlung in Point Break durch. Zunächst unnahbar, stark und emanzipiert, macht sie sich immer mehr von ihrem männlichen Gegenpart abhängig und verfällt den traditionellen Ideen von Weiblichkeit.
Surf’s Up
Es zeigt sich, dass der Film von 1959 eine sehr ähnliche Konstruktion von Weiblichkeit vornimmt wie der Film von 1991. In beiden Fällen werden die Hauptcharaktere als stark und selbstbewusst dargestellt. Das Happy End setzt jedoch eine Unterordnung der Frau von dem Mann und traditionellen Rollenmodellen voraus
Interessant ist, dass die Filme sehr gut mit den jeweiligen historischen Wandlungen und Errungenschaften der Emanzipation einhergehen und sie widerspiegeln. Der theoretische Teil der historischen Entwicklung zeigt, dass Frauen in den 1990er Jahren zwar sehr viel selbstständiger und unabhängiger leben, von Gleichberechtigung jedoch noch nicht die Rede sein kann. Der Unterschied zwischen den 1950er und den 1990er Jahren ist somit vorhanden, wenn jedoch weniger gravierend als erwartet.
Die Analyse hat ergeben, dass die historischen Entwicklungen sehr gut in den beiden untersuchten Surffilmen abgebildet werden und die Emanzipation sich bis in die 90er Jahre noch nicht vollständig in der Gesellschaft durchgesetzt hat. Tyler tritt zwar zunächst sehr viel stärker und freier auf als Gidget, welche von vornherein sehr unselbstständig und abhängig ist und sich sehr viel mehr Freiheit erkämpfen muss. Dennoch ist dieser Unterschied viel weniger gravierend als erwartet und die mediale Abbildung der Frau ähnelt sich zum Teil sehr.
Und jetzt los in die literarischen Fluten!
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Filmverzeichnis
Gidget, 1959, Paul Wendkos, Columbia Pictures.
Point Break, 1991, Kathryn Bigelow, 20th Century Fox (USA), Pathé (UK).
Ich schrieb ihn als Reaktion auf einige islamfeindliche Äußerungen und Aktionen der feministischen Gruppe FEMEN. So etwa dieser Tweet von Inna Shevchenko:
Was, wenn der Feminismus neue Machthierarchien bildet oder alte auf einer neuen Ebene verstärkt? Was, wenn Feminismus nur ein Vorwand ist, um wieder Menschen zu unterdrücken und ihnen ein Weltbild aufzubinden?
Diese Fragen stellte ich mich und schrieb sie nieder. Ich freue mich über einen Austausch zu dem Thema und bin gespannt auf Eure Meinung. Den vollen Artikel findet Ihr hier:
Als ich 2013 zusammen mit einer Kommilitonin die Idee für academic experience Worldwide hatte, ahnte ich nicht, wie groß diese Idee einmal werden würde.
Heute ist aeWorldwide weniger eine Hilfsorganisation als eine Organisation, die Kontakt herstellt, Vorurteile abbaut und eine angemessene Integration erleichtert. Es geht darum das Bild des Flüchtlings neu zu gestalten und der wachsenden Ausgrenzung tausender Menschen entgegen zu wirken. Trotz willkürlicher, nationaler Grenzen können Gemeinsamkeiten gefunden und ein fruchtbares Miteinander geschaffen werden.
Die Vortragsreihe „Opening Academia“ soll sich an die breite Öffentlichkeit richten und – wie an den Universitäten – für eine differenzierte Wahrnehmung der „Flüchtlinge“ stark machen.
Bereits im November und Dezember 2016 haben wir die ersten zwei Veranstaltungen dieser Reihe umgesetzt. Die Rückmeldungen waren sehr gut, jedoch fehlen dem Verein für weitere Aktivitäten die Gelder und Ressourcen.
Helft auch Ihr mit Eurer Spende beteiligt Euch an der Crowdfunding-Aktion.