Wieso ich Remote First arbeite – auch nach Corona

Wieso ich Remote First arbeite – auch nach Corona

 Ja, wir alle hoffen, dass wir uns bald wieder begegnen können. Uns allen fehlt die Umarmung von lieben Freunden, das Gespräch im Team, bei dem man sich sehen und die Atmosphäre spüren kann. Auch mir. Und trotzdem möchte ich mir die Vorteile der digitalen Kommunikation auch „nach Corona“ beibehalten.

Remote als Teil der Mobilitätswende

Greenpeace hat es durchgerechnet: Mehr Home Office bedeutet mehr Umweltschutz. Ein zusätzlicher Home Office-Tag kann in Deutschland 1,6 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen und die Verkehrsleistung des Pendelverkehrs um 10,9 Milliarden Personenkilometer reduzieren.
Dabei geht es nicht nur um das klassische Home Office, sondern um all die kleinen Termine, für die wir mal eben in die Bahn oder ins Auto steigen. Dabei muss das doch oft gar nicht sein: Viele – gerade kürzere – Besprechungen lassen sich wunderbar digital abhalten.

 

Remote als echter Zeitsparer

Ich liebe meinen Job und ich liebe meine Kund*innen. Am liebsten hätte ich noch viel mehr Zeit und Energie, um allen Anfragen gerecht zu werden und alle spannenden Projekte zu begleiten. Gleichzeitig liebe ich aber auch meine freie Zeit und die Zeit mit meiner Familie. Die Corona-Pandemie zeigte mir, wie viel produktiver wir arbeiten können, wenn wir uns das ewiges Hin- und Hergefahre sparen. Wenn ich nun einen zweistündigen Workshop gebe, dann bin ich dafür nicht einen halben oder sogar einen ganzen Tag unterwegs. Ich bin ausgeruhter und konzentrierter und kann manchmal sogar am gleichen Tag noch einen Workshop geben.

 

Remote als Kollaborationsanschub 

Es gibt so viele wunderbare Tools, mit denen wir digital zusammenarbeiten können. Durch die „plötzliche Digitalisierung“ im Rahmen von Corona, mit der sich einige soziale Organisationen konfrontiert sahen, haben viele Menschen sie erst in den vergangenen Monaten kennengelernt. Und doch merke ich, wie gut das Zusammenspiel mittlerweile funktioniert. Ich schätze es sehr, dass wir nun nicht mehr in ewig langen Meetings sitzen und uns im Kreise drehen, sondern konstruktiv mit guten Programmen zusammenarbeiten. Wir treffen uns digital, besprechen ein Thema und arbeiten dann getrennt voneinander weiter. Diese Blended Work fördert die Zusammenarbeit und sorgt dafür, dass wir auch die Stimmen von stilleren Menschen hören, die sich in normalen Meetings oft weniger melden.

 

Remote als Teilhabemotor

Ich habe in den vergangenen 12 Monaten viele Veranstaltungen digital moderiert, die ich in ähnlicher Form und mit gleicher Zielgruppe bereits analog moderiert hatte. Der große Unterschied: Es nahmen viel mehr Menschen daran teil. Besonders erinnere ich mich an ein Event, bei dem sich Menschen aus den USA und der Türkei zuschalteten. Sie wären in Berlin niemals dabei gewesen. Und auch ich kann an Abendveranstaltungen teilnehmen, für die ich sonst eine*n Babysitter*in gebraucht hätte. Jetzt kann ich beruhigt im Home Office sitzen, meine Kinder schlafen im Raum nebenan und ich nehme an Veranstaltungen in Berlin teil. Genauso höre ich von Bekannten, die im Rollstuhl sitzen, wie sehr sie es genießen, endlich überall dabei sein zu können. Diese Teilhabe für alle möchte ich erhalten.

 

Remote First – und manchmal auch vor Ort

Und ja, trotzdem freue ich mich natürlich, wenn ich wieder unter Menschen sein kann. Ich freue mich auf Podiumsdiskussionen, auf Messemoderationen und auf Teamveranstaltungen. Aber ausgewählt und bewusst. Denn eines ist mir 2020/21 klar geworden: Die meisten Workshops und Meetings funktionieren gut oder sogar besser digital.

Dinge, die die Welt nicht braucht. Oder: Was ist nachhaltiger Konsum?

Dinge, die die Welt nicht braucht. Oder: Was ist nachhaltiger Konsum?

Wir leben über unsere Verhältnisse. Die menschliche Nachfrage nach den irdischen Ressourcen übersteigt das Angebot. Diese Übernutzung hat bekannte Folgen: abgeholzte Regenwälder, Verschmutzung von Böden und Gewässern, dezimierte Fischbestände und Artenvielfalt sowie Wasserknappheit in vielen Ländern. Insbesondere reiche Länder sind für Klimakatastrophen und Armut verantwortlich. Durch die globale Beschaffenheit von Lieferketten beziehungsweise Wertschöpfungsketten wirkt sich unser Konsum im Globalen Norden auch auf Menschen und Ökologie im Globalen Süden aus. Ein neues T-Shirt für 5 €, neue Sneaker für 30 €? Nehmen wir! Auf Kosten anderer!

Glückshormone beim Konsum

„Leider“ begeistert uns Einkaufen kurzfristig, setzt sogar Glücksstoffe frei und macht somit Spaß. Das Belohnungssystem wird angeregt und wir sind zufrieden. Doch was passiert langfristig? 
Nachhaltig glücklich macht materieller Konsum nicht. Wir vergleichen uns mit anderen. Dadurch entsteht Neid und daraus schließlich Konkurrenzdruck. Werbung, Social Media und der Kapitalismus wecken ständig neue Bedürfnisse. Uns wird signalisiert, wenn wir so aussehen, wenn wir das neue Handy haben, dann sind wir vollkommen zufrieden. Wir generieren soziale Anerkennung durch sozialen Status. Wir versprechen uns bewusst und unbewusst Zugehörigkeit, Anerkennung oder Abgrenzung. Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher wir durch Besitz und Geld unseren Wohlstand zur Schau stellen. 

Die Hypothese: Erfolg = Geld = Besitz = Glück!

So kann jeder sehen, was für erfolgreiche Menschen wir doch sind.

Was bedeutet nachhaltiger Konsum?

In Abgrenzung dazu wird immer mehr zu nachhaltigem Konsum aufgerufen. Insbesondere bedeutet das, dass wir bewusst konsumieren. Nicht aus Langeweile, als Aufmunterung oder aufgrund von Schnäppchen oder Angeboten, sondern nur aus dem wirklichen Bedürfnis heraus, dass wir die Winterschuhe, das Tablet oder den Kochtopf wirklich brauchen. Natürlich lässt sich das auf jeglichen Bereich ausweiten. Müssen wir sieben Mal die Woche und am besten noch morgens, mittags und abends Fleisch zu uns nehmen? Klares Nein. Das schadet nicht nur der Umwelt, den Tieren, sondern auch uns und unserer Gesundheit. Ok, also kaufen wir fair, biologisch, saisonal und regional und möglichst gebrauchte Dinge in Second-Hand-Läden ein, dann ist doch alles in Ordnung.

Wirklich?

Bewusster Verzicht: Brauche ich das? 

Fest steht: Wir dürfen nicht so weiter machen wie bisher. Wir sollten bewusst konsumieren und insgesamt weniger verbrauchen. Das gilt auch für nachhaltig produzierte Güter! Sind die Winterschuhe vom letzten Jahr noch gut? Oder benötigen sie nur eine neue Sohle? Davon mal abgesehen, dass es auch eine Kostenfrage ist – wie wäre es, wenn wir lieber ausgesuchte, qualitativ hochwertige, anstatt viele günstige und billig produzierte Gegenstände hätten? Und noch eine andere Frage: Müssen wir all die Teile, die wir auch nur ein paar Mal im Jahr benötigen, auch besitzen? Ist es wirklich nötig, dass mein Bücherregal voll ist mit tollen Büchern, die ich allerdings zugegebenermaßen maximal zweimal lese? Eine Anmeldung in der Bücherei wäre sicher sinnvoller! Insbesondere solche Dinge, von denen wir nicht mal wissen, dass sie sich in unserem Besitz befinden, werden wir nicht vermissen. Und auch das kann ich nicht über alle meine Bücher sagen…

Wer weniger besitzt, hat mehr Platz, Zeit und auch Geld! Nicht umsonst ist Minimalismus in aller Munde. Welche Dinge sind überflüssig? Dieses Bewusstsein ist der ständige Begleiter.

Menschen in einem Einkaufszentrum. PC: Steve Buissinne auf Pixabay

Die Dinge, die wir wirklich mögen, behalten wir, die anderen kommen weg. Und ja, es geht um wirklich jeden Gegenstand. Töpfe, Stifte, Handtücher. Wir sollten uns jeden einzelnen Gegenstand anschauen und uns genau diese Frage stellen. Um nicht wieder Unmengen neuer Dinge anzuhäufen, kann man eine simple Regel anwenden: Kommt ein neues Teil, muss ein altes gehen.

Wohin mit den Dingen?

Und was mache ich dann mit dem ganzen Zeug? Nur in den seltensten Fällen ist die Mülltonne der richtige Weg. Hier ein paar Ideen:

  • Gibt es Verschenkläden, Sozialkaufhäuser oder Ähnliches in deiner Nähe? Häufig können selbst Dekomaterialien, Bücher und DVDs weggebracht und manchmal auch abgeholt werden.
  • Facebook-Gruppen, um Dinge zu verschenken, gibt es auch fast in jeder Stadt. 
  • Auch Flohmärkte, Kleiderkreisel oder Ebay-Kleinanzeigen sind gute Möglichkeiten. Informiere Dich, wie Deine Stadt aufgestellt ist!
  • Wichtig ist es auch, sich zu informieren, wo zum Beispiel defekte Elektrogeräte fachgerecht entsorgt werden, damit die wichtigen Rohstoffe noch weiter genutzt werden können.

Wie bleibe ich bei dem Lebensstil?

Es gibt tolle Möglichkeiten, weiterhin ein gutes Leben zu führen. Inzwischen gibt es viele Sharing-Communities oder auch Angebote in Geschäften. Es gibt Carsharing oder die geliehene Bohrmaschine von der Nachbarin, dem Vater oder aus dem Baumarkt. An Möglichkeiten mangelt es nicht. 

Haben das Lieblings-T-Shirt, die schöne graue Hose und das Paar Schuhe ein Loch? Ab zum Fachgeschäft, welches gerne repariert. Oder Du nähst es selbst.

Zudem gibt es in vielen Städten Repair-Cafés sowie spezielle Reparaturwerkstätten für beispielsweise Fahrräder, Computer oder Lampen. Dort findet man nicht nur das nötige Werkzeug, günstige Ersatzteile, sondern auch noch eine Beratung oder mündliche Anleitung obendrauf. So lernst du sogar noch neue Menschen kennen. Du bist kein „Menschentyp“? Youtube ist voll mit Reparaturanleitungen aller Art. 

Der Gewinn

Wir können unsere Zeit nicht vermehren, nur verdichten. Daraus resultiert ein Beschleunigungszwang, die Zeit vergeht schneller und ist knapper. Also lasst uns unsere kostbare Zeit nutzen und mehr Dinge mit unserer Familie und unseren Freunden machen. Lasst uns Geld in Erlebnisse investieren, denn nur die machen nachhaltig glücklich. 

Ein weiterer Gewinn: weniger Sorgen. Wer weniger hat, kann weniger verlieren. Wir müssen uns nicht um unser Auto sorgen, gegen das Chaos ankämpfen und sind freier. 

Und bringt genau das nicht Glück und Zufriedenheit? 


Quellen

  • WWF International (2014): Living Planet Report 2014- Kurzfassung.
  • Paech, N. (2019): Befreiung vom Überfluss-Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, 11. Aufl., oekom verlag: München

Über die Autorin

Iris Büßelmann ist Ökotrophologin, Masterstudentin im Fachbereich Ernährungs- und Verbraucherökonomie und Hebamme. Sie engagiert sich für einen bewussten und fairen Umgang mit unserer Umwelt. Nachhaltige Ernährung ist ihre Herzensangelegenheit. Seit April 2020 unterstützt sie Merle Becker bei Wertschatz Kommunikation.

Meine 4 Tipps für einen nachhaltigeren Instagram-Feed

Meine 4 Tipps für einen nachhaltigeren Instagram-Feed

Instagram ist nur noch eine reine Verkaufsplattform von Fast-Fashion-, Fitness- und Mama-Blogger*innen? Mitnichten! Ich ziehe viel Inspiration, Energie und Motivation aus meinem Instagram-Feed und möchte meine liebsten vier Profile an dieser Stelle gerne vorstellen.

Von Fast-Fashion zu echter Nachhaltigkeit und Achtsamkeit

Madeleine Daria Alizadeh setzt sich für mehr Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ein und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Unter dem Namen @dariadaria gibt sie amüsante Einblicke in ihr Privatleben und zeigt auch offen, wenn sie in Punkto Nachhaltigkeit selbst an ihre Grenzen kommt. Außerdem spricht sie auch andere politische Themen an, wie etwa Gleichberechtigung und Tierschutz. Mit ihrem Buch „Starkes weiches Herz: Wie Mut und Liebe unsere Welt verändern können“ darf sie sich nun auch erfolgreiche Autorin nennen (und das Buch wurde auf Apfelpapier gedruckt, weil dies nachhaltiger ist!). Außerdem betreibt sie den Podcast „A mindful mess“, mit welchem sie auch zur Meditation inspiriert.
Wer Lust hat auf lustige, leichte Storys in Verbindung mit ernsthaften Themen ist bei Madeleine auf jeden Fall richtig aufgehoben.

https://www.instagram.com/p/CCawEHmnWDf/

Umweltgerechtigkeit, Mode, Frauenrechte und Hühner

Jeanne de Kroon (@jeannedekroon) hat mit ZAZI VINTAGE ein äußerst spannendes Social Business die Beine gestellt. Sie designt schönste Mäntel und Kleider, unterstützt damit Frauen aus aller Welt, gibt uralte Traditionen und Wissen weiter und setzt sich für Fair Fashion ein. Jeanne hat dabei selbst die Ausstrahlung eines Supermodels und schafft es mit Spiritualität und guter Laune auch schwierige Themen leicht zu vermitteln – in Englisch, Niederländisch und Deutsch.
Und wer sich für schöne Hausboote oder Hühner interessiert, darf ihre Storys sowieso nicht verpassen!

https://www.instagram.com/p/CDYbJzNn_HT/

Von Make-Up-Tutorials, über MTV zur Top 30 unter 30 Journalistin

Aminata Belli (@aminatabelli) wuchs in einer Hamburger Schaustellerfamilie auf, studierte Modejournalismus und startete als Teenagerin einen eigenen YouTube-Kanal mit Schminktipps und Fashion-Hauls. Im Laufe der Jahre änderte sich jedoch ihr Fokus und heute findet man auf dem Instagram-Kanal der Moderatorin vermehrt politische Themen zum Thema Anti-Rassismus, Wahlen und Gleichberechtigung.
Kein Wunder: Auch beruflich steht sie mittlerweile nicht mehr nur vor ihrer eigenen Kamera im Kinderzimmer, sondern moderiert für FUNK, MTV, Arte, ZDF und Co.
2019 wurde sie vom Medium Magazin unter die TOP 30 Journalistinnen unter 30 gewählt. Wer gerne Menschen zuhört, die ihr Herz auf der Zunge tragen und gesellschaftliche Themen geschickt mit dem Alltag verbinden, ist bei Aminata richtig.

https://www.instagram.com/p/CDlHAT5HgGM/

Introvertierte Veganerin mit einem Hang zu Hunden

Wer Tipps und Tricks für einen nachhaltigeren Alltag sucht, ist bei @hellopippa gut aufgehoben. Sie zeigt, dass man auch auf Reisen eine vegane Ernährung verfolgen kann und spricht herrlich unverfroren über Themen wie die Periode oder Introvertiertheit. Außerdem reist sie mit Ihrem Mann, ihren Hunden und ihrem Van durch die Gegend und gibt einem das Gefühl, selbst ein bisschen Freiheit zu genießen.

https://www.instagram.com/p/CDs7NR6Dtn1/

Wem sollte ich sonst noch unbedingt folgen? Ich freue mich immer über Tipps!

Der Weg zum nachhaltigen Unternehmen

Der Weg zum nachhaltigen Unternehmen

Was globale politische Ziele mit Ihrem Alltag zu tun haben

Wenn jeden Freitag junge Menschen auf die Straße gehen und für eine zukunftsfähige und gerechte Politik und Gesellschaft demonstrieren, dann macht das Hoffnung. Die Generation, die unsere Zukunft gestalten wird, scheint als erste verstanden zu haben, wie wichtig der ressourcenschonende Umgang für unsere Natur, unseren Planeten und auch für unsere Gesellschaft mit all ihren Individuen ist. Doch es reicht nicht, für eine nachhaltigere und nebenwirkungsärmere Welt zu demonstrieren. Genauso wenig wie es reicht, von der Politik mehr Nachhaltigkeit zu verlangen. Es braucht jeden und jede Einzelne von uns als Konsumierende, die alltäglich entscheiden. Und es braucht- und das vielleicht sogar noch viel mehr – die Unternehmen und die Wirtschaft, die ihr eigenes Handeln reflektieren.

Wer unternehmerisch handelt, der wirkt auch. Immer. Nicht wirken ist in diesem Rahmen nicht möglich. Immer wieder begegnen mir Unternehmerinnen und Unternehmer, die tatsächlich schon erstaunlich viel tun, um unseren Planeten zu schonen. Sei es der Versuch der Plastikvermeidung, e-Autos als Firmenwagen, oder Bio-Essen in der Kantine. Aber es fehlt an Struktur und oftmals wissen selbst die eigenen Mitarbeitenden nicht, was eigentlich genau von der Geschäftsführung für die Zukunft entschieden wurde.

Oder aber mir wird erzählt, dass man eigentlich viel mehr tun möchte, aber nicht weiß, wo es anzufangen gilt. Das Wort „Nachhaltigkeit“ wirkt so groß, dass die ersten Schritte schwierig erscheinen.

Die SDGs als Hilfe zu mehr Nachhaltigkeit im Unternehmen

Ein guter Rahmen, um anzufangen und das eigene Unternehmen kritisch zu beleuchten, sind die sogenannten Sustainable Development Goals (dt. Nachhaltige Entwicklungsziele). Sie werden gerne als SDGs abgekürzt und sind politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen. Sie wurden 2012 in Rio beschlossen und sind seit 2016 in Kraft. 

Ziel ist eine globale, nachhaltige Entwicklung

Während die Vorgänger der SDGs ihren Fokus größtenteils auf ökonomischen und sozialen Aspekten hatten, konzentrieren sich die SDGs zusätzlich auf ökologische Faktoren. Ökonomische, soziale und ökologische Ziele bieten damit einen ganzheitlichen Blick auf das Thema Nachhaltigkeit. Es wird deutlich: Wir können unsere Zukunft nur gestalten, wenn wir versuchen, alle drei Felder im Blick zu haben.

Die Sustainable Development Goals (SDGs) bzw. Ziele für nachhaltige Entwicklung in der Übersicht

Die SDGs bestehen aus 17 Zielen, die auf den ersten Blick zwar logisch, aber auch durchaus auch weit weg erscheinen. Was hat denn z. B. die Agentur aus Frankfurt mit dem „Leben unter Wasser (14)“ zu tun? Und inwiefern wirkt der Handwerksbetrieb aus einem Berliner Vorort auf „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“?

Meine Erfahrung zeigt, dass jedes Unternehmen sich in einigen der Ziele direkt wiederfindet und der Meinung ist, dass es hier schon besonders stark ist. Sich aber nun nur auf diese zu konzentrieren, führt zu dem sogenannten „Rainbow Washing“, also dem Herauspicken der Ziele, die einem besonders leicht zu erreichen scheinen. 

Wie werden aus politischen Zielsetzungen Ziele für ein Unternehmen?

Wer wirklich nachhaltig wirken möchte, muss sich mit allen 17 Zielen auseinandersetzen und auch die Spannungen zwischen ihnen aushalten können. Sie sind eine Chance, sich der Wirkung des Unternehmens bewusst zu werden und die eigene Leistung zum Gemeinwohl einschätzen zu können. Positive und negative Wirkungen auf unsere Gesellschaft können analysiert und schließlich auch angegangen und beeinflusst werden. Die globalen Ziele helfen dabei, das eigene Handeln in globale Zusammenhänge einzuordnen.

So kann das Ziel 14 „Leben unter Wasser“ zum Beispiel bedeuten, dass Unternehmen darauf achten, keine Produkte mit schwer abbaubaren Inhaltsstoffen zu verwenden und auf schädliche Chemikalien zu verzichten. Zudem können in Form von CSR Projekte der Meeressäuberung unterstützt werden.

Bei genauerer Betrachtung berühren wir mit unserem alltäglichen Handeln alle der 17 Ziele und wirken auf sie.

Erst mal aufräumen, dann weiter wachsen

Meine Erfahrung zeigt, dass gerne zunächst in den Bereichen gearbeitet wird, in denen das Unternehmen schon relativ gut dasteht. Ich empfehle aber das Gegenteil:
Erst mal muss der Schaden begrenzt werden, um der Umwelt und Gesellschaft wirklich gerecht zu werden. Das bedeutet, dass die Ziele, auf die bisher am negativsten gewirkt wird, als Erstes betrachtet werden müssen. Es gilt sich die Frage zu stellen: Wie können wir unerwünschte Nebenwirkungen erkennen und reduzieren?

Im zweiten Schritt sollte dann betrachtet werden, wie im Rahmen des unternehmerischen Handelns noch mehr positive Beiträge zum Gemeinwohl geleistet werden können.

Der Weg zur perfekten Nachhaltigkeitsstrategie

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass ein solcher Prozess von einer kleinen Arbeitsgemeinschaft innerhalb des Unternehmens unter Ausschluss des Rests stattfinden kann. Damit wirklich langfristig nachhaltiger gehandelt und gewirkt wird, müssen möglichst alle an einen Tisch geholt werden und in den Prozess einbezogen werden. Denn bloße Regeln, die im Büro des Geschäftsführers oder der Geschäftsführerin hängen, werden den Alltag der Mitarbeitenden nur wenig beeinflussen.

Die perfekte Nachhaltigkeitsstrategie sollte mit der Unternehmensstrategie fest verbunden sein und sich auch in den Werten des Unternehmens wiederfinden.

Alle Bereiche, inklusive Employer Branding, sollten auch in der Kommunikation davon berührt werden, sodass die Mitarbeitenden die Entscheidungen mittragen. Zudem muss die Nachhaltigkeitsstrategie mit Aspekten der Unternehmensführung einhergehen, also auch das Liefer- und Wertschöpfungsmanagement betreffen.

Prozess und Zertifizierung

Der Weg hin zu einem nachhaltigen Unternehmen ist nicht gradlinig und lässt sich zeitlich nur schwer abstecken. Vielmehr ist es ein nie endender Prozess, des eigenen Hinterfragens und der eigenen Wirkungsanalyse. 

Untersuchungen zeigen, dass immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich Unternehmen suchen, die in puncto Nachhaltigkeit vorangehen. Auch für Kundinnen und Kunden sind nachhaltige Produkte immer relevanter. Wer also sein Unternehmen langfristig auf sichere Beine stellen möchte, kommt heute um das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr rum. Und wer ruhig schlafen möchte, der sowieso.

Es gibt eine Reihe von externen Zertifizierungsmöglichkeiten, wenn Unternehmen das Gefühl haben, bereits gut mit den Zielen gearbeitet zu haben. So kann man sich zum Beispiel über den Deutschen Nachhaltigkeitskodex oder auch die Gemeinwohlökonomie extern zertifizieren lassen. 

Ich helfe Ihnen gerne, den Weg dorthin zu gehen und begleite den Prozess in Ihrem Unternehmen moderierend. Anhand von Workshops, Tagungen und fachlichem Input stehe ich Ihnen sehr gerne zur Seite auf dem Weg hin zu einem nachhaltigen Unternehmen. Außerdem biete ich Ihnen die Expertise, den Prozess auch kommunikativ zu begleiten. Denn meine Erfahrung zeigt, dass auch der kritische Blick auf das eigene Unternehmen und die eigenen Ziele nach außen kommuniziert für Kundinnen und Kunden, potenzielle Mitarbeitende und auch interessierte Konkurrenz von großem Vorteil sein kann. Seien Sie ein Vorbild!

Sprechen Sie mich an: 

merle@wertschatz-kommunikation.de
www.wertschatz-kommunikation.de
069 25534205


5 Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Familienalltag

5 Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Familienalltag

Nachhaltig leben können nur Menschen, die viel Zeit und Muße haben? Mitnichten! Sarah Meyer fasst uns in diesem Gastbeitrag fünf Tipps zusammen, wie man auch im stressigen Familienalltag nachhaltig und naturnah leben kann.

Seit Kindesbeinen liegt mir die Natur am Herzen. Für mich war es selbstverständlich, Bienen und Regenwürmer zu beobachten und sie ohne Scheu von Gehwegen und aus Pfützen zu retten. Seitdem letztes Jahr unser Sohn auf die Welt kam, reichen für mich urplötzlich meine bisherigen Handlungen nicht aus. Ich spüre das Verlangen danach, mehr zu tun, damit unser Planet auch für zukünftige Generationen bewohnbar ist. Ich will meinem Sohn die Möglichkeit geben, die Welt in all ihrer Schönheit und Vielfalt zu entdecken. Ich will, dass er einen respektvollen und von Wertschätzung geprägten Umgang mit Mensch und Tier pflegt. Den muss ich vorleben – jetzt mehr als irgendwann davor. 

Mein Partner brachte schließlich auch das Thema „plastikfreier Leben“ auf die Agenda und das verleitete uns dazu, uns mal einen gesamten Überblick über unsere Lebensweise zu verschaffen. Aus den Ergebnissen lassen sich 5 Tipps ableiten, um auch im Familienalltag nachhaltiger zu leben.

1) Die Wurmbox

Ich bin ein riesen Fan der Wurmbox. Sie riecht nicht, sieht je nach Anbieter sogar schick aus und für die Kinder ist es etwas ganz Besonderes zu lernen, wie wir, die Kompostwürmer und unser Abfall Teil der Natur sind.  
Bei der Wurmkompostierung zerlegen Würmer und Bakterien Bioabfälle in ihre Grundsubstanzen. Dadurch entsteht frischer Hummus, der hervorragende Pflanzenerde ist. Dieser ganze Vorgang findet in einer je nach Anbieter und Design unauffälligen bis schicken, dekorativen Box oder Kiste statt. Es funktioniert wirklich geruchlos, braucht wenig Platz und Pflege. 

Ein wunderbarer, nachhaltiger Anbieter ist hier zu finden: https://wurmkiste.at/

2) Weniger ist mehr 

Und dies vor allem in Bezug auf den Fleischkonsum. Wir selbst sind ein vegetarisch-veganer Haushalt, weshalb ich aus Überzeugung sagen kann, dass es super viele, leckere, kinderbeliebte Rezepte ohne Fleisch gibt. Wie wäre es denn, wenn ihr drei fleischfreie Tage in der Woche einführt? Das tut niemandem weh (im wahrsten Sinne) und sorgt vielleicht sogar für neue Kreativität auf dem Speiseplan. Es ist wirklich nicht schwer, fängt bei Schupfnudelauflauf an und hört bei Chili sin carne nicht auf.  

Mit dem Fleischrechner könnt ihr mit wenigen Informationen über euren wöchentlichen Konsum von Geflügel-, Schweine- oder Rindfleisch eure persönliche Bilanz ausrechnen lassen. Aus den Daten errechnet das Tool, wie viel Wasser der Fleischkonsum pro Jahr verbraucht und wie viel Kilogramm CO2 ausgestoßen werden. Außerdem gibt der Rechner an, wie viel Antibiotika zum Einsatz kommen. Dabei könnt ihr auch angeben, wie viel Fleisch ihr durch vegetarische Alternativen zu ersetzen bereit wärt und seht den direkten Unterschied, den ihr damit macht. 

3) Plastik reduzieren 

Auch dieser Schritt ist kinderleicht und fängt im Kleinen an. An den meisten Frischetheken kann man seine Wurst und seinen Käse unverpackt kaufen und in die eigene mitgebrachte Tupperdose packen lassen. Obst und Gemüse lassen sich auch plastikfrei einkaufen, unser Brot backen wir inzwischen selbst. Auch hier sind wir mit Babyschritten gestartet: Angefangen mit Bio-Backmischungen produziere ich nun meine eigene Hefe:

  • 2 Bio-Datteln, 
  • 1 EL Zucker 
  • 1 Liter Leitungswasser
  • 8 Tage lang morgens und abends schütteln und die Gase entweichen lassen

Voilá! Schon sollte gesunde, gut bekömmliche und schimmelfreie Hefe entstanden sein!

Außerdem backe ich unser Roggenbrot erfolgreich – nach mehreren Versuchen – selbst. Und: Wir haben einen tollen Unverpackt-Laden, wo wir auch viele andere Sachen ohne Plastikverpackung herbekommen.

4) Teilen – denn sharing is caring

Hier in Mainz gibt es eine großartige Foodsharing-Community, die mit ein paar wenigen ganz unkomplizierten Regeln auskommt. Mitglieder des Vereins und auch der vielen Gruppen online in den sozialen Medien teilen ihr Essen und da kommt wirklich eine Menge zusammen. Es lohnt sich, sich einer solchen Gemeinschaft anzuschließen und die Augen bei den Beiträgen offen zu halten. Natürlich kann man auch selbst zu viel gekochtes Essen oder Lebensmittel online posten  und verschenken. 

Dasselbe Prinzip funktioniert auch mit Autos über sogenannte Carsharing-Vereine, Mitfahrgelegenheiten oder Zusammenschlüssen von Pendlern. Aufs Auto sind wir nicht angewiesen, wir erledigen alles mit dem Fahr- und Lastenrad sowie den öffentlichen Verkehrsmitteln.

5) Kinder als Experten wahrnehmen

Unsere Kinder bekommen oft mehr mit als wir denken. Das geschieht bewusst, wenn sie etwa die Nachrichten oder Gespräche mitbekommen oder auch vollkommen unbewusst, wenn es in Büchern ständig schneit und draußen nie. Anstatt kindliche Fragen und Gedanken zu dem Thema Nachhaltigkeit aus einem Schutzreflex abzuwürgen, begebt euch in einen ehrlich interessierten Austausch mit ihnen. Kinder erhalten das Gefühl von Selbstwirksamkeit, wenn wir ihnen vermitteln, dass sie selbst auch etwas tun können. Fragt eure Kinder ruhig zurück: Was würdest du gerne zu Hause ändern? Oder in der Kita? Auf Glasflaschen umstellen, auf Alufolie verzichten? Geht spielerisch an das Einkaufen ran: Wer findet im Supermarkt das meiste Gemüse ohne Verpackung? Experimentiert mit ihnen in der Küche, indem ihr zum Beispiel Joghurt in Gläsern kauft, ihn nach euren Geschmäckern würzt, über Nacht in einem mit einem Mulltuch ausgelegten Sieb beschwert und ausdrückt und am nächsten Tag entscheidet, welcher selbstgemachte Frischkäse der Beste ist. Es darf auch gerne mehrere Gewinner geben. 
Eurer und der Phantasie eurer Kinder sind keine Grenzen gesetzt!

Jeden Tag ein bisschen näher…

Keiner erwartet, dass sich von heute auf morgen alles ändert und die guten Vorsätze ohne Rückschläge oder zurückfallen in alte Muster eingehalten werden. Das wäre utopisch und dem ganzen Prozess gegenüber unfair. Alles beginnt mit kleinen Schritten, kleinen Umstellungen und einem schrittweisen Umdenken. Doch wenn wir jeden Tag einen kleinen Schritt gehen, blicken wir irgendwann auf einen langen Weg zurück und erfreuen uns an einer kinderleichten nachhaltigen Gegenwart.


Über Sarah Meyer

Sarah Meyer über Nachhaltigkeit im Familienalltag hier mit Baby

Sarah Meyer ist Sozialpädagogin, Beraterin und Begleiterin für Frauen, die einen liebevollen Umgang mit sich selbst und die Stärkung des eigenen Ichs wollen. Sie hat selbst einen Sohn und kennt die Herausforderungen, die Arbeit, Mutterschaft und Partnerschaft mit sich bringen.

Daneben verfügt sie über jahrelange fachliche und persönliche Erfahrung in der Stärkung des Selbstwertes. Aufgrund ihrer Erfahrungen möchte sie Mamas unterstützen herauszufinden, was sie wollen, wie ihre Familie sein soll und wie sie entspanntes Mutterglück leben können.

Weitere Infos finden sich auf ihrer Webseite und der dazugehörigen Facebook-Seite.

4 Eigenschaften, die das Klimapaket der Bundesregierung zum Gegenteil von New Work machen

4 Eigenschaften, die das Klimapaket der Bundesregierung zum Gegenteil von New Work machen

Das Klimapaket der Bundesregierung im Jahr 2020:
Eine große Menge an qualifizierten, sehr gut bezahlten Menschen soll ein Problem lösen. Ein Problem, von dem sie seit 1988 wissen. Ein Problem, das in den vergangenen Jahren immer stärker in den Medien diskutiert wurde und in den vergangenen Monaten hunderttausende von jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen auf die Straßen brachte. Ein Problem, über dessen Dringlichkeit sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit einig sind: die Klimakrise.

Eigentlich sollte hier doch alles klar sein, oder? Eigentlich sollte doch ganz schnell eine möglichst starke, systemverändernde Lösung gefunden werden.

Doch das Ergebnis dieses Lösungsversuches ist ein Paradebeispiel. Ein Paradebeispiel für das Versagen einer Zusammenarbeit fern von innovativen und modernen Arbeitsformen.
Wieso? Hier vier Anzeichen genau dafür:

1. Dringende Aufgaben werden auf den letzten Drücker gelöst

Diese Menschengruppe, die das Problem zu mindestens national lösen soll, setzt sich am 19.09. nachmittags hin, weil sie am 20.09. eine Lösung präsentieren sollen. Eine Lösung für ein Problem, von dem sie seit 30 Jahren wissen – mindestens.
Sie reden die ganze Nacht, sind dann übermüdet und präsentieren: keine Lösung, sondern nur schwammiges Gerede. Was sie aber betonen ist, dass es ja eine große Leistung war, stundenlang in Meetings zu sitzen und zu diskutieren. Das wäre dann der zweite Punkt.

2. Das Absitzen von Zeit ist eine Tugend

Die Leistung ist also nicht die Lösung, sondern das Anwesend sein. Die Leistung ist demnach das diskutieren, nicht das Tun. Und die Medien klatschen eifrig und zeigen schläfrige Politikerinnen und Politiker. Ich fühle mich erinnert an all die Unternehmen, in denen die bloße Anwesenheit zählt.

3. Viele Meetings stehen für Produktivität

Volle Terminkalender sind in solchen Unternehmen ein Prestigemerkmal. Die 40-Stunden-Woche mit 8-Stunden-Tagen gilt dort als Minimum, um erfolgreich zu sein. Und wer abends am längsten am PC sitzt und eMails sortiert, ist der Held des Büros und gilt als besonders fleißig. Menschen, die ihre Arbeit in kürzerer Zeit schaffen und produktiver sind, gelten als faul.

4. Chancen werden vertan und Innovation gibt es nur im Missionpaper

So werden wir komplexe, globale Probleme wie die Klimakrise nicht angehen können. Wir werden weiterhin winzige Prestigeprojekte totdiskutieren, statt endlich das Ruder rumzureißen und das System zu verändern.
Eine vertane Chance. Für uns, unsere Kinder und unseren Planeten. #notmyklimapaket

Man wird ja noch kritisieren dürfen…

Man wird ja noch kritisieren dürfen…

über Whataboutism und die „Kritik“ an einer 16-Jährigen

Ein 16-jähriges Mädchen liest wissenschaftliche Studien, versteht sie, reflektiert sie und bekommt Panik. Das 16-jährige Mädchen ist überdurchschnittlich schlau und gebildet und in der Lage, die Komplexität natur- und gesellschaftswissenschaftlicher Studien zu verstehen. Es erfährt, dass die Auswirkungen der Klimakrise fatal sind und sich diese nicht mehr abwenden lassen, wenn wir auf dem Planeten so leben wie zuvor. Was es nicht versteht: Wieso wir dann einfach so weiter machen. Oder noch schlimmer: Wieso unser CO2-Ausstoß sogar noch steigt. Jahr für Jahr und Monat für Monat. Es liest, dass wir handeln müssen und zwar sofort. Dass wir keine Zeit mehr haben, um zu diskutieren, zu hoffen und abzuwarten. Das Mädchen handelt.

Sie beginnt einen Schulstreik und schon bald machen es ihr Tausende von Kindern und Jugendlichen nach. Überall auf der Welt streiken junge Menschen am Freitag die Schule und wollen auf die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Taten, die daraus eigentlich resultieren müssten, hinweisen. Auch immer mehr Erwachsene lassen sich mitreißen und sind dabei. 

Doch die Politik und die Industrie machen weiter, wie bisher. Und nicht nur das, in den sozialen Medien, in den klassischen Medien und in zwischenmenschlichen Gesprächen ist es plötzlich das Mädchen, das im Fokus steht. Nicht die Klimakrise. Hat es Brot aus einer Plastiktüte gegessen? Gibt es etwa einen Notfall-Diesel-Motor auf dem Segelboot, das es um die Welt schippert? Benutzt es etwa Marketingmaßnahmen, um ihre Botschaft an die Öffentlichkeit zu bringen? Sind die Bücher, die das Team des Mädchens rausbringt, etwa auf Papier gedruckt?

„Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. […] Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“

Sagt das Mädchen, Greta Thunberg.

Doch statt dass genau das passiert, diskutieren wir über die Person, die den Brand meldet.  Und lassen unser Haus und die gesamte Nachbarschaft weiter abrennen. Wir lassen es nicht nur abrennen, sondern legen immer wieder schönes Brennmaterial nach. 

Wikipedia beschreibt „Whataboutism“ wie folgt:

„Es bezeichnet heute allgemein die Ablenkung von unliebsamer Kritik durch Hinweise auf ähnliche oder andere wirkliche oder vermeintliche Missstände auf der Seite des Kritikers.“

Und das ist genau das, was hier passiert.

Aber wir haben keine Zeit mehr. Es sollte uns vollkommen egal sein, wie Greta Thunberg lebt. Stattdessen sollten wir ihr dankbar sein, dass sie in der Lage ist, uns aufzurütteln, zu berühren und dieses komplexe Thema so gut aufgearbeitet an die Menschen zu bringen. Mir ist egal, welche Marketingstrategien sie verwendet hat oder irgendwelche Menschen hinter ihr. Ich bin einfach nur dankbar, dass diese Strategien offenbar funktionieren.

Ich bin ihr dankbar, dass sie das Thema in die Medien gebracht hat und nicht aufgibt – auch nach einem Jahr nicht. Ich bin ihr dankbar, dass sie all den Hass und die sogenannte „Kritik“ auf ihre jungen Schultern nimmt und sich unserem Planeten verschreibt.

Wir brauchen mehr Menschen wie Greta. Und wir müssen vor allem aufhören, über Greta zu sprechen und stattdessen über Lösungen reden. Wir haben keine Zeit mehr. Die CO2-Emmissionen müssen jetzt und sofort drastisch reduziert werden. Sonst diskutieren wird bald gar nicht mehr. Und ich möchte meine Kinder und Kindeskinder noch diskutieren sehen. Entspannt. Auf unserem schönen Planeten Erde. 

In diesen Zusammenhang möchte ich Euch einen schönen Kommentar von Ankerherz zu diesem Thema ans Herz legen. Ihr Kommentar dazu:

„Wie kommt Greta Thunberg zurück? Wer segelt das Boot? Darf die „Down-Göxx“ das denn? Und noch eine Frage an einige hier: Habt Ihr sie eigentlich noch alle?“ 

– Ankerherz auf facebook
In was für einer Welt wollen wir leben?

In was für einer Welt wollen wir leben?

Ich befürchte, dass dieser Blogeintrag ein wenig anders wird als meine vorherigen. Persönlicher und emotionaler wird er wohl sein. Und er wird nicht auf Literatur basieren, sondern rein auf meinen Gedanken, Hoffnungen, Sorgen – und ganz vielen Fragen. Dies mag damit zusammen hängen, dass ich in den kommenden Tagen ein Kind in diese Welt setzen werde, jedoch nicht nur. Denn diese Gedanken habe ich schon lange im Kopf.

In was für einer Welt wollen wir leben? Persönliche Gedankengänge

Wie kann es sein, dass Themen wie Klima- und Umweltschutz immer noch weniger Bedeutung haben als Banken und Wirtschaft?

In was für einer Welt leben wir? Und in was für einer Welt wollen wir leben? Ist es richtig, weiteres Leben in diese Welt zu setzen? Ich sehe, dass so vieles schief läuft – verdammt schief. Fangen wir mal hier in Deutschland an: Wie kann es sein, dass Themen wie Klima- und Umweltschutz immer noch weniger Bedeutung haben als Banken und Wirtschaft? Was bringen uns denn die besten Banken und die stärkste Wirtschaft, wenn wir auf diesem Planeten bald nicht mehr leben können? Für unser Klima und unseren Umgang mit dem Planeten Erde ist es nicht mehr fünf vor 12. Es ist Viertel nach 12. Und vieles von dem, was uns nun gerade selbstverständlich erscheint, wird es bald nicht mehr geben. Wir werden uns anpassen müssen. Und wir hier in Deutschland werden das auch können. Aber für viele Menschen auf dieser Erde ist der Klimawandel schon bittere Realität. Sie verlieren ihr Zuhause, sie verlieren ihre Leben. Sie haben keine Ressourcen, sich anzupassen. Denn neue, bewohnbare Inseln und fruchtbare Ländereien schießen nicht einfach aus dem Erdboden. Aber wir diskutieren weiter darüber, dass wir Verbrennungsmotoren brauchen und wie wichtig Kohle doch für unsere Arbeitslosenstatistik ist. Wir kaufen weiterhin die 1,99€-Rosen aus Äthiopien, die dort Landwirten ihre Lebensgrundlage entziehen, und posten stolz unsere tägliche Avocado auf Instagram.

In was für einer Welt wollen wir leben? Persönliche Gedankengänge

Es geht nicht nur darum, was die Herstellung all dieser Produkte für die Umwelt und das Klima bedeuten, sondern auch für die Menschen, die sie herstellen.

Ich gehe über die Einkaufsstraße der großen Stadt am Fluss, in der ich lebe. Und ich sehe all diese vielen jungen Menschen mit ihren vollen Einkaufstüten. T-Shirts für 2,99€. Man trägt es einmal und kauft sich dann ein neues. Aber auch die Menschen mit den teureren Marken werfen bei mir Fragen auf: Braucht es das alles? In den Massen? Wie wichtig war es nun wirklich, diese Jacke/Hose/Schuhe zu kaufen? Und wer von diesen jungen Menschen macht sich Gedanken über die Konsequenzen? Es geht nicht nur darum, was die Herstellung all dieser Produkte für die Umwelt und das Klima bedeuten, sondern auch für die Menschen, die sie herstellen. Und auch für unseren Lebensstil. Wieso müssen wir 40h/Woche arbeiten, um uns Dinge kaufen zu können, die wir nicht brauchen? Wäre es dann nicht sinnvoller, weniger zu arbeiten, weniger Geld zu haben, aber dafür mehr Zeit mit der Familie, mit Freunden, mit der Natur? Mir kann keiner erzählen, dass es all diese Menschen nicht besser wissen, denn nie hatten wir es so leicht, uns zu informieren.

Ich denke an die 68er Bewegung und frage mich, was uns heute fehlt, um eine breite, junge Bewegung zu starten, die sich über Frieden, Zusammenhalt und Schutz des Planeten definiert. Ja, es gibt bereits viele tolle Initiativen, die viele tolle Arbeit machen. Aber wieso spiegelt sich das so wenig in der Popkultur wider? Wieso geht es in den Musikcharts immer noch weitestgehend um Party und Liebeskummer? Gerade im deutschen Pop habe ich das Gefühl, die Welt ist ganz wunderbar und wir müssen nur lernen positiver zu denken – dann wird das schon. Oder die Welt ist furchtbar negativ, aber das liegt nur an den schlechten Parties und dem Liebeskummer. Um grundlegenden Fragen unseres Zusammenlebens geht es nicht (Einige wenige Musiker und Musikerinnen ausgenommen, natürlich wie immer). Aber auch in den internationalen Charts höre ich dauernd nur von Hangovers, Pills and Heart Ache. Von den Kinocharts brauchen wir gar nicht zu sprechen. Wie wäre es, wenn wir als junge Generation uns mal ganz anders organisieren? Uns zusammen finden und eine Alternative zu diesem Lebenskonzept finden, dass so offensichtlich nicht mehr funktioniert und uns alle in riesige Probleme bringt?

In was für einer Welt wollen wir leben? Persönliche Gedankengänge

Wovor haben wir Angst? Ist es vielleicht das Wissen, dass es uns im globalen Vergleich viel zu gut geht?

Wie kann es sein, dass immer nach unten getreten wird? Ich kann diese ganze Diskussionen zur Einwanderungspolitik nicht mehr hören und kann die Nachrichten zu Zeiten der Koalitionsverhandlungen nur sehr schwer ertragen. Das Recht auf Asyl ist ein verdammtes Menschenrecht  und ich kenne niemanden, der oder die unter den hier angekommenen Menschen persönlich gelitten hat. Stattdessen steigen die Zahlen der politisch motivierten Straftaten gegen zugewanderte Menschen mit jedem neuen Bericht. Und ja, natürlich müssen Ängste wahrgenommen werden, doch der meiste Hass kommt nicht von denen, die am wenigsten haben. Es ist die Mittelschicht, die Ängste schürt. Wovor haben wir Angst? Ist es vielleicht das Wissen, dass es uns im globalen Vergleich viel zu gut geht?

In was für einer Welt leben wir? Und in was für einer Welt wollen wir leben? Ich wünschte, ich könnte nun ein gutes Fazit schreiben und meine Fragen beantworten, doch leider kenne ich die Antworten nicht. Vielleicht kennt Ihr sie ja. Ich würde mich freuen, von Euch zu hören.

Klimapolitik: Die COP23 in Bonn und globale Machthierarchien

Klimapolitik: Die COP23 in Bonn und globale Machthierarchien

Diese Woche beginnt die COP23 in Bonn unter der Präsidentschaft von Fidschi die 23. internationale Klimakonferenz. Die 2015 in Paris gesteckten Ziele sollen nun in Taten umgesetzt werden. Doch funktionieren solche internationalen Verhandlungen eigentlich auf Augenhöhe?

Das offizielle Logo der COP23 in Bonn unter der Präsidentschaft von Fidschi

Das offizielle Logo der COP23 in Bonn unter der Präsidentschaft von Fidschi

Globale Umweltprobleme gehen in ihrer Reichweite über die Kompetenzbereiche einzelner Nationalstaaten hinaus und führen zu grenzübergreifenden Vernetzungen. Im Rahmen von Global Governance werden Möglichkeiten diskutiert, jenseits von Nationalstaaten eine globale Regierung zu schaffen. Globale Umweltprobleme sind jedoch nicht nur ein Aufgabengebiet für Global Governance, sondern durchaus auch eine Folge der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Denationalisierung. Weltweite Klimaforscher sind sich einig, dass ein Klimawandel stattfindet und durch menschlichen Einfluss verstärkt wird. Von den Auswirkungen des Klimawandels können alle Regionen der Erde betroffen sein und somit auch alle Menschen. Multilaterale Vertragswerke auf internationaler Ebene sollen das Problem über nationalstaatliche Grenzen hinaus angehen. Dabei ist davon auszugehen, dass trotzdem die Nationalstaaten in der internationalen Klimapolitik immer noch die wichtigsten Akteure bleiben, die aber durch weitere Institutionen und Akteure ergänzt werden, wie etwa die Vereinten Nationen. Doch auch private Assoziationen und Netzwerke wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden Teil von Global Governance.

Globale Machtverhältnisse im Rahmen von Global Governance

Das Problem der internationalen Klimapolitik besteht meiner Meinung nach darin, dass die Verhandlungen nicht auf Augenhöhe ablaufen, sondern dass sich globale Machtbeziehungen widerspiegeln. Die mächtigen Industriestaaten setzen ihre Interessen durch, während kleine Staaten häufig weniger Möglichkeiten haben, ihre Stimme zu erheben. Dies ist zum einen auf mangelnde Ressourcen zurückzuführen (Wie viele Menschen kann ein Staat zu den Verhandlungen entsenden? Welche Druckmittel haben die Staaten innerhalb der Verhandlungen?), aber auch auf ein mangelndes Erhört Werden (Wer wird in den Medien zitiert? Wer darf wie lange sprechen? Wem wird zugetraut, sich mit der Thematik auszukennen?). Besonders brisant ist diese Machthierarchie, wenn man bedenkt, dass die Hauptverursacher des Klimawandels die mächtigen Industriestaaten sind, die Hauptleidenden aber in vielen Fällen ärmere Staaten des Globalen Südens (siehe dazu auch den Blogeintrag: Flucht, Asyl, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?).

Auch NGOs sind von globalen Machtverhältnissen beeinflusst

Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien

Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien

Nun sind auf der COP 23 auch viele Nichtregierungsorganisationen vor Ort (NGOs). Formal gesehen sind NGOs Organisationen, die spezielle Privilegien (etwa im Steuerbereich) genießen, aber auch mit Einschränkungen konfrontiert sind (so dürfen sie beispielsweise nur eingeschränkt Gewinn machen). Die Autorität von NGOs basiert auf normativen Kräften anstelle von demokratischer Repräsentation oder militärischer Macht. Oft werden drei Kriterien genannt, die eine NGO mindestens mitbringen muss, um sich in der internationalen Politik akkreditieren zu können: Zum einen darf eine NGO nicht auf einem intergouvernementalen Abkommen basieren, zum anderen soll sie Wissen und Interesse an der jeweiligen internationalen Institution mitbringen und drittens muss die Meinung der NGO unabhängig von nationalen Regierungen sein. Auch die UN nutzt diese Einschränkungen als Definitionen.

Arbeitsweisen von NGOs

NGOs sind jedoch nicht nur sehr heterogen und divers, sondern arbeiten häufig auch über verschiedene Ebenen. Transnationale NGOs arbeiten oft eng mit lokalen Partnern zusammen, welche Projekte implementieren oder Informationen sammeln. Auch lokale NGOs sind in ihrer Arbeit auf den Einfluss und die Ressourcen von transnationalen Partnern angewiesen. Eine Reihe von Studien zeigt, dass die Beziehungen zwischen internationalen und lokalen NGOs horizontal und fließend sein können und sich beide Organisationsarten gegenseitig brauchen. Andere Studien machen deutlich, dass es durchaus auch solche Machtbeziehungen zwischen internationalen und lokalen NGOs gibt, unter denen Letztere leiden. Hierbei spiegeln die Beziehungen die Verhältnisse globaler Politik wider: Demnach stülpen internationale Organisationen eigene Ideen und Konzepte auf die schwächeren lokalen Partner in Ländern des Globalen Südens über. Diese sind auf Gelder und auf die Kontakte der INGO angewiesen. Eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Partnern kann auch zu einer Professionalisierung der lokalen NGO führen, die mit einer Entpolitisierung einhergehen kann. Dies kann zu einem eurozentrischen Charakter der sogenannten transnationalen Zivilgesellschaft führen, wenn internationale NGOs strukturelle Ungleichheiten in ihrer Arbeit ausblenden, Proteste und schließlich auch Stimmen der kleinen NGOs verklingen lassen und lediglich ihre eigene Stimme als international geltend darstellen. Zudem heißt es immer wieder, dass die globalen Themen der internationalen NGOs zu weit entfernt seien, von den Themen der lokalen NGOs. Es zeigt sich also, dass selbst in der Arbeit der NGOs die Gefahr ungleicher Machtbeziehungen besteht.

Kritischer Blick auf NGOs

Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien

Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien

Auch NGOs vertreten vor allem Partikularinteressen und kämpfen um das eigene Überleben. Es heißt, dass in globalen NGOs vor allem gebildete Menschen aus dem Mittelstand reicher Staaten arbeiten. NGOs seien auch nicht Teil eines dritten Sektors, sondern eng mit dem Staat und dem Markt verbunden. Dadurch reflektieren sie die gesellschaftlichen Ungleichheiten und bilden diese in ihrer Arbeit wieder ab. In der Forschung werden NGOs oft als Black Box gesehen und behandelt, die Heterogenität der verschiedenen NGOs wird dabei selten mitgedacht. Untersuchungen zeigen auf, dass bei internationalen Klimaverhandlungen ein Großteil der NGOs aus dem sogenannten Globalen Norden kommt. Zudem stehen den NGOs des Globalen Nordens mehr materielle und ideelle Ressourcen zur Verfügung, sodass diese die internationale Klimapolitik qualitativ sowie quantitativ dominieren. Während der Verhandlungen über das Kyoto-Protokoll dominierten NGOs aus dem Globalen Norden, nur ein Viertel der teilnehmenden Organisationen kam aus dem Globalen Süden. Letztere waren zumeist auch durch sehr viel weniger Repräsentanten vertreten. Das UNFCCC stellte zwar Gelder zur Verfügung, doch reichten diese oftmals nicht. Die am stärksten vertretenden NGOs waren Greenpeace, Friends of the Earth und der World Wide Fund for Nature.

Wie geht es weiter?

Solange globale Machtbeziehungen bestehen, werden diese sich auch in Global Governance also in internationalen Verhandlungen widerspiegeln. Gerade in Bezug auf die Klimapolitik ist dies verheerend: So sind es doch vor allem die ärmeren, schwächeren Staaten, die schon heute unter dem Klimawandel leiden und keine oder nur begrenzte Möglichkeiten der Anpassung haben. Die großen Industrienationen, zu denen auch und vor allem Deutschland zählt, müssen nun reagieren und sich kompromissbereit zeigen. Die gesteckten Ziele dürfen nicht verwässert werden und Schritte, um diese einzuhalten, müssen sofort und alternativlos umgesetzt werden. Einzelne Wirtschaftszweige oder Lobbygruppen dürfen hier keine Rolle mehr spielen, wenn es um die Zukunft unseres Planeten geht.

Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien

Die COP23 in Bonn und die Problematik globaler Machthierarchien

Zum Weiterlesen:
  • Beisheim, Marianne (2004): Fit für Global Governance? Transnationale Interessengruppenaktivitäten als Demokratisierungspotential – am Beispiel Klimapolitik. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (Bürgergesellschaft und Demokratie, 16).
  • Steffek, Jens (2013): Explaining cooperation between IGOs and NGOs. Push factors, pull factors, and the policy cycle. In: Rev. Int. Stud. 39 (04), S. 993–1013.
  • IPCC (div. Jahrgänge): Assessment Report: Cambridge University Press. Online verfügbar unter https://www.ipcc.ch/publications_and_data/publications_and_data_reports.shtml#1.
  • Betsill, Michele Merrill; Corell, Elisabeth (Hg.) (2010): NGO diplomacy. The influence of nongovernmental organizations in international environmental negotiations. Cambridge, Mass: MIT Press. Online verfügbar unter: http://search.ebscohost.com/login.aspx?direct=true&scope=site&db=nlebk&db=nlabk&AN=208206.
  • Beer, Christopher Todd; Bartley, Tim; Roberts, Wade T. (2012): Ngos: Between Advocacy, Service Provision, and Regulation: Oxford University Press.
  • Bexell, Magdalena; Tallberg, Jonas; Uhlin, Anders: Democracy in Global Governance. The Promises and Pitfalls of Transnational Actors. In: Global Governance 16 2010, S. 81–101.
  • Buttigieg, J. A. (2005): The Contemporary Discourse on Civil Society. A Gramscian Critique. In: boundary 2 32 (1), S. 33–52.
  • Lipschutz, Ronnie D. (2007): The Historical and Structural Origins of Global Civil Society. In: Globalizations 4 (2), S. 304–308.
  • Benessaieh, A. (2011): Global Civil Society. Speaking in Northern Tongues? In: Latin American Perspectives 38 (6), S. 69–90.
  • Carpenter, R. Charli (2010): Governing the global agenda: “gatekeepers” and “issue adoption” in transnational advocacy networks. In: Deborah D. Avant, Martha Finnemore und Susan K. Sell (Hg.): Who Governs the Globe? Cambridge: Cambridge University Press, S. 202–237.
  • Brühl, Tanja; Gereke, Marika (2015): Der Beitrag von Non-State Actors zum Schutz der Umwelt. Eine kritische Analyse der Rolle von NGOs in der Klimapolitik. In: Z Außen Sicherheitspolit 8 (S2), S. 677–694.
Die Zeit drängt – mein Interview mit Jane Goodall

Die Zeit drängt – mein Interview mit Jane Goodall

Die Britin Jane Goodall ist wohl die bekannteste Verhaltensforscherin der Welt. In Zeiten, in denen nur wenige Frauen in der Forschung arbeiten konnten, revolutionierte sie die Sicht auf Tiere in der Forschung. Mit mittlerweile dreiundachtzig Jahren reist sie immer noch um die Welt, um sich für Tier, Mensch und Umwelt einzusetzen. // von Merle Becker

Becker |

Frau Dr. Goodall, Sie sind als junge Frau ohne jegliche universitäre Bildung alleine nach Afrika gegangen und wurden trotzdem als Doktorandin angenommen. Was war Ihr Antrieb? Wie konnten Sie so viel Mut aufbringen und so viel Motivation entwickeln?

Goodall |

Ich bin mit einer Liebe zu Tieren geboren worden. Als ich zehn Jahre alt war, las ich Tarzan und entschied schon damals, daß ich nach Afrika gehen wollte, sobald ich erwachsen wäre. Ich wollte unter wilden Tieren leben und Bücher über sie schreiben. Alle lachten über meine Pläne. Es war Krieg, wir hatten kein Geld, nur Bücher aus der Bibliothek. Afrika war weit weg – der dunkle Kontinent, über den wir kaum etwas wußten. Und ich war nur ein kleines Mädchen. Aber meine Mutter sagte immer: „Wenn du das wirklich möchtest, mußt du hart dafür arbeiten. Du mußt alle Möglichkeiten nutzen und darfst niemals aufgeben!“ Mich hat meine Liebe zur Natur und zu den Tieren immer motiviert und vorangetrieben.

Becker |

Sie machen keinen Unterschied zwischen Menschen und Tieren und sehen beide als Einheit. Ihrer Meinung nach können wir Tieren nicht helfen, wenn wir nicht auch den Menschen helfen. Was meinen Sie damit?

Goodall |

Jane Goodall mit einem Stoffaffen (CC BY 2.5/Jeekc)

Jane Goodall mit einem Stoffaffen (CC BY 2.5/Jeekc)

Schimpansen sind uns sehr ähnlich, sowohl biologisch (die menschliche DNA unterscheidet sich von der der Schimpansen nur um ein Prozent!) als auch in ihrem Verhalten. Sie küssen und umarmen sich, sie halten Händchen, pflegen sich gegenseitig, betteln mit der ausgestreckten Hand um Essen, prahlen, bauen und benutzen Werkzeuge, haben eine dunkle und aggressive Seite und töten. Aber sie lieben auch und haben eine wahrhaftig altruistische Seite. Sie zeigen uns, daß es keine scharfe Linie gibt zwischen uns und dem Reich der Tiere. Wir sind alle Teil dieses wunderbaren Naturreiches. Der zweite Teil der Frage ist ein wenig schwieriger zu beantworten. Als ich 1960 nach Gombe in Tansania ging, war die Region Teil des äquatorialen Waldgürtels. Als ich dreißig Jahre später mit einem kleinen Flugzeug über dieselbe Gegend flog, war der Nationalpark nur noch eine Oase zwischen nackten Hügeln. Zu viele Menschen führten zu übernutzten, unfruchtbaren Böden. Gerodete Steilhänge erodierten. Die Menschen unternahmen verzweifelt alles, um ihre Familien zu ernähren oder Geld mit Holzkohle zu verdienen, Menschen, die in bitterer Armut lebten und um ihr Überleben kämpften. Als ich das sah, wurde mir klar, daß wir die Schimpansen nicht retten können, solange wir nicht das Leben der Menschen verbessern.

Becker |

Viele Wissenschaftler sträuben sich davor, interdisziplinär zu arbeiten. Sie sind entweder Biologen oder im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Hatten Sie Probleme, Unterstützer für Ihre Forschungen zu finden?

Goodall |

Wir gründeten das Jane Goodall Institute schon sehr früh, 1974. Es ist eine Institution mit drei großen Zielen: Es sollen Primatenforschung betrieben, natürliche Habitate geschützt und ein Bewußtsein für all das geschaffen werden. In anderen Worten: Das Institut steht für Forschung, Umweltschutz und Bildung. Wir sammeln seit jeher Gelder für alle drei Bereiche.

Becker |

Nachhaltigkeit wurde in den vergangenen Jahren zu einem Modewort. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Goodall |

Das Gehirn eines Schimpansen (links) im Vergleich zu dem eines Menschens (rechts)

Das Gehirn eines Schimpansen (links) im Vergleich zu dem eines Menschens (rechts)

Die Vorstellung, daß es unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten natürlichen Ressourcen gibt, ist absolut absurd. Bereits im Sommer haben wir mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr bilden kann. Wir müssen lernen, einen harmonischen Lebensstil zu entwickeln: mit der Natur, mit Recycling, grüner Energie und weniger Geldausgaben. Wir müssen unseren verschwenderischen Lebensstil, bei dem jeder mehr will, als er oder sie braucht, verändern.

Becker |

Worum geht es bei dem Projekt „Roots and Shoots“?

Goodall |

Ich arbeite zusammen mit vielen Menschen sehr hart dafür, Tiere und die Umwelt zu schützen und zu bewahren. Wenn heranwachsende Generationen nicht lernen, bessere Erdverwalter zu sein, als wir es waren, war unsere ganze Arbeit sinnlos. „Roots and Shoots“ ist ein Projekt, das es mittlerweile in fast hundert Ländern gibt, mit Teilnehmern jeden Alters, vom Kind bis zu Universitätsangehörigen. Sie alle arbeiten an drei Projekten: Sie wollen die Welt besser machen für Menschen, für Tiere und für die Umwelt. Egal, wo ich hinkomme, sehe ich junge Menschen mit strahlenden Augen, die mir erzählen, was sie machen, um die Welt zu verbessern. Das gibt mir Hoffnung.

Becker |

Sie arbeiten in vielen afrikanischen Dörfern, aber auch in anderen Regionen der Welt, etwa in Österreich. Brauchen junge Menschen auf der ganzen Welt die gleiche Unterstützung?

Goodall |

Zwar brauchen alle jungen Menschen viel Unterstützung, aber in unterschiedlicher Weise. Kinder und Jugendliche in Armut müssen bestärkt werden. Sie müssen merken, daß sie etwas verändern können. Junge Menschen, die in materiellem Reichtum aufwachsen, müssen lernen, über die Folgen ihres Verhaltens nachzudenken. Das heißt, sie müssen alle kleinen Entscheidungen, die sie jeden Tag treffen, reflektieren: was sie essen, tragen, kaufen und so weiter. Aber alle jungen Menschen sollen und wollen erhört werden. Wir müssen sie dazu ermutigen, darüber nachzudenken, welche Rolle sie im Rahmen eines positiven Wandels spielen können. Wir müssen sie dazu ermutigen, die Ärmel hochzukrempeln und etwas zu tun.

Becker |

Sie beraten und unterstützen Menschen in afrikanischen Dörfern. Gleichzeitig ist es im Wesentlichen die indu­strialisierte Welt, die für die schrumpfende Biodiversität und den Klimawandel verantwortlich ist. Historisch betrachtet – aber auch aus der Perspektive der Gegenwart – tragen die europäischen und nordamerikanischen Staaten eine große Verantwortung für die Probleme auf dem afrikanischen Kontinent. Wie gehen Sie mit den Hierarchien um?

Goodall |

Was hat Nachhaltigkeit mit Artenschutz und Armut zu tun? Jane Goodall bringt alles zusammen!

Was hat Nachhaltigkeit mit Artenschutz und Armut zu tun? Jane Goodall bringt alles zusammen!

Wir müssen extreme Armut lindern, egal wo. Wenn du sehr arm bist, fällst du den letzten Baum, um zu überleben. In städtischen Regionen kaufst du das billigste Essen und machst dir keine Gedanken darüber, wie es hergestellt wurde, wo es herkommt oder ob im Produktionsprozeß Menschen oder Tiere gelitten haben. Du hast keine Wahl! Wir müssen vom extravaganten Lebensstil der reichen Teile der Weltbevölkerung wegkommen und lernen, mit denjenigen zu teilen, die nicht genug haben.

Becker |

Können Sie uns ein wenig zu ihrem „TACARE“-Programm erzählen?

Goodall |

Das ist ein ganzheitliches Programm, das wir in zwölf Dörfern in der Nähe von Gombe implementiert haben. Ein Team von ortsansässigen Tansaniern geht in die Dörfer und fragt die Menschen, wie man ihnen am besten helfen kann. Wir kümmern uns beispielsweise darum, die Fruchtbarkeit der Böden ohne Chemie wiederherzustellen, das Land zu schützen, damit wieder Bäume wachsen, Erosionen zu kontrollieren oder die Versandung von Flüssen zu verhindern. Außerdem schaffen wir verbesserte Bildungs- und Gesundheitsangebote und üben Druck auf die lokalen Behörden aus, mehr zu tun, da auch wir nur begrenzte Mittel haben. Auch Mikrokreditprogramme für Frauen sind Teil von „TACARE“, und Mädchen bekommen Stipendien, um während und nach der Pubertät weiter zur Schule gehen zu können. Die Unterstützung und Bildung von Frauen hat überall auf der Welt zu kleineren Familien geführt und bildet den Grundstein für Familienplanung. Das Wachstum der Weltbevölkerung ist ein Riesenproblem. Heute gibt es „TACARE“ in zweiundfünfzig Dörfern. Rund um Gombe entstehen die Wälder langsam wieder. Auch weiter im Süden, wo mehr als die Hälfte der Schimpansen in Tansania leben, schützen wir die Wälder. Die Menschen in den Dörfern sind unsere Partner. Sie nutzen Smartphones und Tablets, um den Zustand des Waldes zu dokumentieren. Sie dokumentieren zum Beispiel illegale Baumfällungen oder auffällige Tierspuren, oder sie beobachten Schimpansen und andere Wildtiere. All das wird in eine Cloud geladen, in die Global Forest Watch, die von Esri, Google Earth, Digital Globe und der NASA unterstützt wird. „TACARA“ wurde in einer ähnlichen Form in Uganda, in der Demokratischen Republik Kongo, in Kongo-Brazzaville, Burundi und im Senegal übernommen.

Becker |

Und trotzdem: Immer mehr Tiere verschwinden. Die Biodiversität ist hochgefährdet. Der Klimawandel beschleunigt sich. Haben Sie manchmal das Gefühl, daß uns die Zeit davonläuft?

Goodall |

Die Zeit drängt - Jane Goodall fordert dazu auf, aktiver zu werden!

Die Zeit drängt – Jane Goodall fordert dazu auf, aktiver zu werden!

Ich bin fest davon überzeugt, daß wir uns jetzt zusammentun und gemeinsam sehr hart arbeiten müssen. Wir müssen mehr Geld in den Umweltschutz investieren. Sonst wird uns die Zeit davonlaufen. Was mag das für zukünftige Generationen bedeuten? Es heißt, kommende Kriege werden um Wasser geführt. Ganze Städte stehen schon ohne Wasser da. Entwaldung und Treibhausgase führen zum Klimawandel. Ich befürchte, wir haben nur ein sehr kleines Zeitfenster. Darum reise ich an dreihundert Tagen im Jahr um die Welt, um die Menschen zu sensibilisieren und zum Handeln zu bewegen.

Becker |

Und wie geht es Ihnen, wenn Menschen, die in wichtige Ämter gewählt werden, den Klimawandel bestreiten? Etwa Donald Trump?

Goodall |

Diejenigen, die sich Sorgen machen, müssen nun um so härter arbeiten und für die Wahrheit kämpfen!

Flucht, Asyl, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Flucht, Asyl, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Donald Trump gibt sich gerade alle Mühe, den Anschein zu geben, dass seine Wahlversprechen umsetzbar sind. Natürlich mache ich mir Sorgen, so wie so viele Menschen auf der ganzen Welt. Der Punkt, der mir am allermeisten zu schaffen macht, ist, dass vier Jahre eine sehr lange Zeit sind, wenn man bedenkt, wie sehr wir gerade gegen die Zeit rennen. Der menschengemachte Klimawandel ist unabwendbar und doch besteht jetzt noch eine Chance, ihn in Grenzen zu halten. Wenn nun aber ein so großes Land wie die USA über vier Jahre lang den Klimawandel leugnet, dann raubt mir das den Schlaf.

Klimawandel bedeutet in unserer Zeit nicht nur verregnete Sommer und zu warme Winter. Er bedeutet für viele Menschen auch, dass sie ihre Heimat verlieren. Wenn wir schon im Jahr 2015 von einer „Flüchtlingskrise“ gesprochen haben, dann sollten wir uns in den kommenden Jahrzehnten warm anziehen. Immer wieder hört man in den Medien, dass die Menschen in den industrialisierten Staaten, also auch ich, Einfluss haben auf Fluchtgründe von vielen Millionen Menschen. Googelt man dies, erscheinen als erstes Artikel zum Thema Waffenexporte. Doch wie sieht es mit dem Klimawandel aus? Um mich ein wenig besser darüber zu informieren, wie Klimawandel und Migration zusammen hängen, las ich den Aufsatz „Migration and Climate Change“ von Etienne Piguet, Antoine Pécoud und Paul de Guchteneire.

Klimabedingte Migration ist demnach nicht – wie häufig angenommen – eine neue Erscheinung. Ganz im Gegenteil sorgten Klimaveränderungen schon immer dafür, dass Menschen ihre Heimat kurz- oder langfristig verlassen mussten. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Forschung in diesem Bereich aber größtenteils eingestellt, weil davon ausgegangen wurde, dass die Technik den Einfluss der Natur auf den Menschen stark einschränken würde. Erst in den 1990er, nachdem der erste offizielle IPCC-Bericht den Klimawandel bekannter machte, wurde wieder vermehrt in dem Bereich Klima-Migration geforscht.

Unwetter und Wirbelstürme sind anders als Dürren und der Meeresspiegelanstieg

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun? von Merle Becker

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Etienne Piguet, Antoine Pécoud und Paul de Guchteneire machten deutlich, dass schnell einsetzende Phänomene, wie etwa Unwetter und Wirbelstürme, eher zu einer kurzzeitigen Migration führen. In einigen Fällen kommt es sogar zu Pull-Effekten, da Menschen in die betroffenen Gebiete einwandern, um dort Hilfe zu leisten und weil Hilfsorganisationen neue Wirtschaftszweige ausbauen, die zu einer Arbeitsmigration führen. Von schnell einsetzenden Phänomenen sind viele Millionen Menschen jährlich betroffen und die Unwetter sind schwer vorhersagbar. Nur bei hoch frequentierten Phänomenen dieser Art kommt es zu einer langfristigen Abwanderung.

Dürren und Wüstenbildungen hingegen haben langsame Effekte und Auswirkungen, doch auch hier kommt es laut empirischer Studien selten zu Langzeit- und Fernmigration.

Der Meeresspiegelanstieg gilt als irreversibel und gestaltet sich linear. Für viele Menschen bedeutet die Auswanderung die einzige Möglichkeit, wenn sie vom Meeresspiegelanstieg betroffen sind. Es lässt sich sagen, dass es etwa 2,2 Prozent der Landflächen der Erde betrifft, auf welchen etwa 10,5 Prozent der Erdbevölkerung leben. Damit gilt der Meeresspiegelanstieg als größtes Problem in Bezug auf Langzeitmigration. Hier sieht man, wie viele Menschen ihre Heimat in Zukunft verlassen müssen!

Das Problem der Anpassung und Klimagerechtigkeit

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun? von Merle Becker

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Doch für Migration spielt nicht nur das sich wandelnde Klima eine Rolle, sondern auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen. Klimawandel wird demnach nur zu einer Bedrohung, wenn die weiteren Bedingungen keine gute Anpassung garantieren können. So kann in den Niederlanden etwa ein größerer und stärkerer Deich gebaut werden – dies ist jedoch in vielen ärmeren Staaten nicht so einfach möglich. Nicht alle Menschen haben Zugang zu den gleichen Anpassungs-Ressourcen. Dies zeigt sich nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch anhand von Gender- und Klassen-Unterschieden. Der gleiche Umweltfaktor kann demnach unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Menschen haben.

Vor allem die Staaten, die sich bestmöglich an die Folgen des Klimawandels anpassen können, weil sie die finanziellen Ressourcen dazu haben, sind meist für die Klimaveränderungen verantwortlich. Denn ihr heutiger Reichtum basiert auf der vorhergegangen Industrialisierung, die zu dem vermehrten und unkontrollierten Ausstoß von Treibhausgasen führte. An dieser Stelle möchte ich auf Darrel Moellendorf verweisen, der sich mit der Anpassung an den Klimawandel auseinander setzt – denn der Wandel ist bereits weit fortgeschritten und selbst bei vollständiger und sofortiger Beendigung des Ausstoßes von Treibhausgasen müsste die Weltbevölkerung noch mit gravierenden Folgen in naher und ferner Zukunft rechnen. Moellendorf selber schlägt verschiedene Möglichkeiten vor, wie eine möglicherweise gerechte Kostenaufteilung in Bezug auf die Anpassung an den Klimawandel und den Klimaschutz aussehen könnte.

Er stellt das „Polluter-Pays“-Prinzip vor. Dafür muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden, um zu sehen, welche Staaten besonders viele Treibhausgase ausgestoßen haben. In diesem Fall sollen die Schuldigen haften. Problematisch an dem Ansatz sei aber, dass es in dem Sinne keine Schuldigen gibt, da die Problematik von Treibhausgase erst um das Jahr 1990 bekannt wurde, als bereits 85 Prozent der heutigen Treibhausgase in der Atmosphäre waren. Damit kann man den Staaten und Menschen nicht vorwerfen, bewusst etwas Ungerechtes getan zu haben. Zudem sind viele der Menschen, die in den Verschmutzer-Staaten leben, nicht direkt als Verschmutzer und Verschmutzerinnen zu sehen, da sie viel zu jung sind und ihre Vorfahren für den Großteil der Treibhausgase verantwortlich sind.

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun? von Merle Becker

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Des Weiteren gibt es die Möglichkeit, dass die Staaten zahlen, die von dem Ausstoß der Treibhausgase profitiert haben, also die Industriestaaten. Doch auch dieser Ansatz ist problematisch, da den Staaten zum Zeitpunkt der Industrialisierung und danach nicht bewusst war und nicht bewusst sein konnte, dass der Ausstoß von Treibhausgase gefährlich und unfair sein würde.

Moellendorf plädiert für das „Die Wohlhabenden zahlen“-Prinzip. Diejenigen, denen es finanziell möglich ist, müssen demnach zahlen. Welche Staaten das sind, möchte er an dem Human Development Index festlegen. Laut Moellendorf ist dies das fairste Prinzip der Verantwortung, vor allem, weil die finanziell starken Staaten sich zu einem Großteil mit den Verschmutzer-Staaten und den Profitiert-Staaten decken.

Etienne Piguet, Antoine Pécoud und Paul de Guchteneire schlagen außerdem vor, dass die Aufnahme von vor dem Klima flüchtenden Menschen (sie werden auch „Klimaflüchtlinge“ genannt, was ich schwierig finde) als Teil der gerechten Verteilung der Folgen des Klimawandels aufgefasst werden soll. Denn auch in Bezug auf die Aufnahme von Migranten und Migrantinnen werden es vor allem die industrialisierten, reichen Staaten sein, die sich so anpassen können, dass ihre gesamte Bevölkerung geschützt ist. Genau diese Staaten müssen es sich also zukünftig zur Aufgabe machen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Finanzielle Unterstützung seitens der wohlhabenden Staaten kann zudem auch bei einer Binnenmigration in ärmeren Staaten erfolgen.

Fluchtgründe und der Westen

Diese etwas philosophische Herleitung zeigt mal wieder, dass die Fluchtgründe selten getrennt von unserem Leben bestehen. So oft geht es um Waffenexporte, dubiose Partnerschaften von westlichen Regierungen mit Diktatoren oder historische Grenzziehungen, wenn wir von der Verantwortung des Westens in Bezug auf Fluchtgründe sprechen. Aber auch unser alltägliches Leben, der Luxus, ein Auto zu besitzen, jeden Tag den Fernseher, den PC und das Radio anzuhaben, sich stets neue Jenas und alle zwei Jahre ein neues Handy zu kaufen – All dies hat gravierende Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Menschen weltweit. Und genau deshalb stehen die Menschen in den industrialisierten Staaten in der Verantwortung, Menschen aufzunehmen, die in anderen Teilen der Welt nicht mehr in Würde leben können.

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Quellen:

Moellendorf, D. 2014: The Moral Challenge of Dangerous Climate Change: Values, Poverty, and Policy.

Piguet E. et al. 2011: Introduction: Migration and climate change. S. 1-33.

Durch’s Leben getobt: Das wilde Leben der Barbara Rütting

Durch’s Leben getobt: Das wilde Leben der Barbara Rütting

Seit einigen Jahren kenne ich Barbara Rütting. 2015 hatte ich die tolle Möglichkeit, sie auf der Frankfurter Buchmesse zu sprechen und ihr jede Menge Fragen zu ihrem aufregenden Leben zu stellen. 1927 geboren, erlebte sie den Krieg, heiratete früh und wurde schließlich eine international gefeierte Schauspielerin.
Doch lange hielt sie es in der Welt des Films nicht aus – Sie wollte sich vor allem für die Umwelt einsetzen. Heute ist sie eine beliebte Autorin von vegetarischen und veganen Kochbüchern, vertrat einige Jahre die Grünen im bayrischen Landtag und erschaffte einen Biobauernhof, auf welchem sie Workshops gab. Wenn das mal kein spannender Lebenslauf ist!

Wenn man sie heute trifft, kann man ihr das Alter gar nicht glauben. Sie strahlt eine wirklich bewundernswerte Jugend aus. Aber seht selbst: