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Ehrenamt und Engagement: Machtgefälle oder beidseitiges Helfen?

Ehrenamt und Engagement: Machtgefälle oder beidseitiges Helfen?

Im Februar hat mich der Deutschlandfunk porträtiert und mir einige Fragen zu meiner Arbeit gestellt. Der von mir gegründete Verein academic experience Worldwide e.V. stand dabei im Mittelpunkt und somit auch die Themen Flucht und Asyl. Jedoch ziehen sich die angesprochenen Punkte durch alle Arbeitsbereiche wie ein roter Faden: durch meine Projekte an der Universität Frankfurt als auch durch solche, die ich freiberuflich ausführe sowie durch mein Ehrenamt und Engagement.

Ehrenamt und Engagement: Machtgefälle oder beidseitiges Helfen? - Merle Becker

Ehrenamt und Engagement: Machtgefälle oder beidseitiges Helfen? – Merle Becker

Ich glaube, dass Machtverhältnisse oftmals durch gut gemeine Hilfe verstärkt werden. Dies ist darauf zurück zu führen, dass viele Menschen soziale Ungleichheiten als gegeben hinnehmen und sich nicht die Frage stellen, wie es dazu kommen konnte. Sie sehen, dass die Ungleichheiten falsch sind und möchten helfen, bekämpfen aber dabei nur Symptome, statt das Problem bei der Wurzel zu packen. Auch im Bereich Service Learning wird das leider oft deutlich (aber zu dem kritischen Blick auf Service Learning habe ich ja bereits einen Beitrag geschrieben).

Ist Ehrenamt also schlecht?

Ich möchte klar stellen: Es ist richtig und toll, wenn Menschen helfen. Es wird immer Menschen geben, die die Hilfe und das Engagement von anderen Menschen brauchen. Doch sollten wir uns bei jedem Schritt und jedem Engagement stets die Fragen stellen: Wieso helfe ich? Kann mir die Person eventuell auch helfen? Was kann ich von der Person lernen? Und wieso befindet sich die Person in der Situation, Hilfe zu brauchen? Wo liegt die Ursache des Problems und was können wir gemeinsam tun, um diese Ursache anzugehen?

Um nur einige Beispiele zu nennen: Diese Fragen lassen sich stellen, wenn ich mich in der Flüchtlingsarbeit engagiere, aber auch, wenn ich mich um Obdachlose kümmere, benachteiligte Kinder in Schulen unterstütze oder Projekte im Globalen Süden fördere.

Na? Fragt Ihr Euch schon selbst? Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir schreibt, was diese Fragen für Euch bedeuten!

Hier könnt Ihr Euch den Beitrag vom Deutschlandfunk nochmal anhören:

Das Recht auf Bildung nachhaltig gewähren – Geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Schule

Das Recht auf Bildung nachhaltig gewähren – Geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Schule

In der ersten Jahreshälfte 2015 flüchteten über 33.000 Kinder und Jugendliche nach Deutschland. Im gleichen Zeitraum 2014 waren es nur knapp 20.000. Was passiert mit diesen Kindern? Wie werden sie in unser Bildungssystem integriert?

Zuwanderung ist der Motor für gesellschaftlichen Wandel und Innovation. Zuwanderung stellt einen Normalfall dar, keine Ausnahmesituation. Dies zeigt sich schon seit Generationen in den Klassenzimmern der Bundesrepublik, die noch nie monokulturell oder monoloinguell waren. Bevor es 2015 zu der sogenannten „Flüchtlingskrise“ kam (ein Begriff, der falscher kaum sein könnte), wurden die Themen Migration, Flucht und Asyl im Klassenzimmer jedoch nur selten thematisiert. Im Sommer 2015 änderte sich dies schlagartig und an den Schulen und Hochschulen wurden quasi über Nacht prestigeträchtige Formate und Projekte aus dem Boden gestampft. So vorbildlich die schnelle Reaktion auch war, es fehlte an Nachhaltigkeit, an Weitblick und auch an Zeit. Betrachtet man Forschungsgelder, die vor dem besagten Sommer in Arbeiten zu der Thematik flossen, muss recht lange gesucht werden. Die Themen Flucht und Asyl im Bildungsbereich wurden lange Zeit schlichtweg vergessen. Umso wichtiger ist es nun, langfristig zu denken – und das sowohl an den Schulen als auch an den Institutionen, die Lehrkräfte ausbilden, also auch an Universitäten. Dies funktioniert jedoch nur, wenn die Politik die Gelder dafür bereit stellt und sich für dieses Thema öffnet.

Integration kann nur durch Bildung gelingen. Zum einen ist natürlich der Spracherwerb zentral. Darüber hinaus sollen die Kinder, ob nun mit oder ohne Fluchtgeschichte, auch demokratische Grundwerte lernen und sich langfristig auch auf eine Berufsausbildung oder ein Studium vorbereiten. Diese drei Punkte zusammen bilden den Grundstein für eine gelingende gesellschaftliche Teilhabe!

Recht auf Bildung

Das Recht auf Bildung nachhaltig gewähren - Geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Schule

Das Recht auf Bildung nachhaltig gewähren
– Geflüchtete Kinder und Jugendliche in der Schule

Alle Bundesländer haben sich zum Aufbau eines inklusiven Schulsystems verpflichtet. Das bedeutet, dass alle Kinder gemeinsam lernen sollen. Wie soll das funktionieren, wenn Klassen immer heterogener werden? Wie soll das irakische Mädchen ohne Deutschkenntnisse gemeinsam mit dem Jungen aus dem Taunus lernen? Wie sollen alle Kinder trotzdem individuell gefördert werden? Ausreichend pädagogisches Personal, das sich regelmäßig fortbildet, ist eine Grundvoraussetzung. Doch dies kostet Geld.

Asylbewerber und –bewerberinnen sowie geduldete Menschen haben grundsätzlich und ohne Wartefrist das Recht, eine schulische Ausbildung aufzunehmen. Dies ist im Artikel 3 des Grundgesetzes, der UN-Kinderrechtskonvention und in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union als „Recht auf Bildung“ verankert.

Die Bundesländer haben verschiedene Ansätze, dieses „Recht auf Bildung“ umzusetzen. In einigen Gegenden kommen die geflüchteten Kinder und Jugendlichen direkt mit in die Regelklassen und bekommen zum Teil nur begleitenden Deutschunterricht. Im anderen Extrem werden extra Intensivklassen eröffnet, in denen die Kinder und Jugendliche zum Teil bis zu ihrem Schulabschluss exklusiv beschult werden. Mehr dazu findet sich in einer recht neuen Studie der Stiftung Mercator.

Chancen für die Zukunft

Etwas, was in der Debatte immer wieder vergessen wird, ist: Es gibt sie nicht, die „Flüchtlingskinder“. Die geflüchteten Menschen, die hier ankommen, bringen ganz unterschiedliche, individuelle Geschichten, Bildungsbiografien und sprachliche Fähigkeiten mit. Dies ist ja durchaus auch logisch, betrachtet man die vielen verschiedenen Herkunftsstaaten und Fluchtursachen. Der Blick auf geflüchtete Schüler und Schülerinnen darf nicht auf fehlende Sprachkenntnisse verkürzt werden! Ein defizitorientierter Ansatz ist falsch. Mehrsprachigkeit muss als Chance gesehen werden!

Die Bildungspolitik muss langfristig investieren, um diese Chance nutzen zu können. Denn es ist davon auszugehen, dass in Zukunft nicht weniger Menschen ihre Heimatländer verlassen müssen, sondern die Zahlen sogar steigen werden. Der Klimawandel schreitet voran und gilt als eine der Hauptfluchtursachen in naher Zukunft. Hinzu kommen bestehende und sich neu bildende Konfliktherde weltweit. Die Potenziale der zugewanderten Schülerinnen und Schüler müssen gefördert werden. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn alle Kinder Zugang zum Bildungssystem haben und inklusiv miteinander lernen können. Dafür brauchen die Bildungsinstitutionen ausreichend, stets fortgebildetes und gut ausgebildetes Fachpersonal, das für Diversität sensibilisiert ist.

Eine Podiumsdiskussion mit mir an der MBS Frankfurt zu dem Thema

Eine Podiumsdiskussion mit mir an der MBS Frankfurt zu dem Thema

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Lernen durch Verantwortung, Service Learning, offene Hochschulen – all diese Worte und Konzepte wirren zur Zeit durch deutsche Hochschulen und Universitäten. Es heißt, Service Learning würde das Demokratieverständnis der Studierenden verbessern und mehr Menschen zu zivilgesellschaftlichem Engagement motivieren. Doch was ist dran an der Zauberlösung Service Learning? Und was lässt sich kritisch sehen?

Die Ursprünge des Service Learning gehen zurück auf das didaktische Modell des Erfahrungslernens von John Dewey. In diesem wird davon ausgegangen, dass die Verknüpfung von theoretischem Wissen mit praktischen Erfahrungen und dem Lösen realer Probleme zu einem besonders intensiven Lerneffekt führen. Während das Konzept des Service Learning recht flexibel ist und unterschiedliche Varianten der Umsetzung vorstellbar sind, ist jedoch immer zentral, dass der theoretische Inhalt einer Lehrveranstaltung im Zuge einer Tätigkeit für das Gemeinwohl praktisch umgesetzt wird. Das bedeutet, dass es immer Kooperationen mit Engagementpartnern gibt und sowohl die Zusammenarbeit, als auch die gemachten Erfahrungen reflektiert werden. Es geht dabei nicht nur (wie etwa beim Praktikum) um die persönliche und berufliche Weiterentwicklung der Lernenden, sondern auch einen gemeinnützigen Dienst für andere Menschen. In verschiedenen Typen von Service-Learning Veranstaltungen, sind die Anteile unterschiedlich zu gewichten. Bestenfalls sind beide Parts gleich wichtig und halten sich die Waage.

Service Learning – die Akteure

Ein Service Learning-Projekt sollte demnach immer folgende Stationen beinhalten:

  1. Recherche (Suche nach realen Herausforderungen)
  2. Ideenentwicklung (in enger Zusammenarbeit mit dem Engagementpartner)
  3. Planung (begleitet durch Kompetenzgewinn im Rahmen des Seminars)
  4. Reflexion (im Seminar)
  5. Feedback (für alle Beteiligten)

Ein universitäres Service Learning-Projekt besteht aus mindestens drei Parteien: den Studierenden, den Dozent*innen und den Engagementpartnern. Begleitend zu der praktischen Tätigkeit der Studierenden soll an den Universitäten ein Seminar angeboten werden. In dem Seminar sollen wissenschaftliche Konzepte und Studien mit der praktischen Projektarbeit verbunden und Phasen der Reflexion angeregt werden. Die Engagementpartner helfen den Studierenden bei der Projektentwicklung, beraten und geben Feedback. Doch die Studierenden sind die aktiven Gestalter des Prozesses, führen Teamarbeiten durch, recherchieren selbstständig eine wissenschaftliche Basis und wenden ihr Konzept schließlich praktisch an. Für die Dozierenden ist es zentral, eine Vertrauensbasis zwischen Studierenden und den Engagementpartnern sowie eine wechselseitige Erwartungs- und Zielklarheit zu schaffen.

Die drei aktiven Parteien eines Service Learning-Projekts sowie die Hochschule profitieren unter anderem wie folgt von der Kooperation:

Hochschule Dozierende Studierende Engagementpartner
Profilschärfung durch Praxisbezug in der Lehre und Vermittlung von Schlüsselkompetenzen an Studierendeneue Impulse für Forschung und Lehre

Vernetzung der Universität, regionale Einbindung

 

Erweiterung des methodischen RepertoiresProfilierung des Portfolios

Verbesserung und Diversifizierung der Lehrqualität

Befähigung zum selbstgesteuerten Arbeiten und LernenEinblicke in Tätigkeitsfelder des zivilgesellschaftlichen Engagements

positive Wirkung auf gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein

interdisziplinäre Schlüsselkompetenzen

realer Bedarf wird gedeckt

personelle Unterstützung

wissenschaftliche Begleitung und Evaluation

Ein kritischer Blick auf Service Learning

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Die gängige Literatur zum Thema Service Learning offenbart eine Zweiteilung: ein traditioneller Ansatz, welcher den Service Aspekt ins Zentrum stellt ohne jedoch ein System der Ungleichheit mitzudenken, und ein kritischer Ansatz, welcher die Reflexion und Demontierung von struktureller Ungerechtigkeit fokussiert. Critical Service Learning hat demnach zum Ziel, Macht auf alle Beteiligten zu verteilen und somit Hierarchien zu vermeiden, authentische Beziehungen zu fördern und mit einer sozialen Perspektive zu arbeiten. Dabei ist das Ziel, das Machtsystem so zu beeinflussen, dass der Service-Aspekt langfristig überflüssig wird, da die Ungleichheiten abgebaut werden.

Critical Service Learning ist eine Antwort auf Stimmen, welche traditionelles Service Learning als „erzwungenes Ehrenamt“ kritisiert, das Hierarchien bestärkt und paternalistische Züge annimmt. So heißt es etwa:

„Unless facilitated with great care and consciousness, “service” can unwittingly become an exercise in patronization. In a society replete with hierarchical structures and patriarchal philosophies, service-learning’s potential danger is for it to become the very thing it seeks to eschew.” (Pompa 2002: 68)

Service Learning muss demnach politisch gedacht werden, um eine Glorifizierung von sozialer Ungleichheit zu vermeiden. Denn klassisches Service Learning unterstützt Ungleichheiten sowie sogenanntes Othering und hilft vor allem bereits privilegierten Studierenden (Aram Ziai definiert Othering als „die Konstruktion einer […] Gruppe als „anders“, die dazu dient, die Identität einer Wir-Gruppe davon abzugrenzen und so zu konstituieren und somit politische Ansprüche und Ausschlüsse zu rechtfertigen.“ (Ziai 2010: 404).  Das bedeutet, dass Studierende im Rahmen ihres Service Learning-Projektes nicht nur ihre Arbeit reflektieren müssen, sondern auch die Ursachen sozialer Probleme, die Service Learning erst notwendig und sinnvoll machen. Erst dann, so die Theorie, profitieren die Studierenden auch über das gute Gefühl, etwas gemacht zu haben, hinaus von Service Learning und ein Wandel für die Gesellschaft wird angeregt (vgl. Mitchell 2008: 51).

Praktisch bedeutet dies, dass klassisches Service Learning Studierende zum Beispiel dazu anregt, obdachlosen Familien Essen zur Verfügung zu stellen. Kritisches Service Learning geht jedoch einen Schritt weiter und fordert Studierende dazu auf, politische und wirtschaftliche Entscheidungen zu untersuchen, die dazu führen, dass Menschen obdachlos sind und Hunger leiden, und solche Entscheidungen schließlich zu beeinflussen. Eine „kulturelle Safari“ soll dadurch verhindert werden. Durch diese Analyse bekommen Studierende ein Verständnis für die Problemursachen und können dadurch ableiten, wie Probleme am besten angegangen werden können, statt nur Symptome zu bekämpfen.

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Critical Service Learning betont den Service-Aspekt besonders und kritisiert am klassischen Vorgehen, dass die Professionalisierung der Studierenden zu sehr im Fokus stünde. Wenn sozialer Wandel Ziel von kritischem Service Learning ist, bedeutet dies jedoch auch, dass vor allem solche Projekte umgesetzt werden sollen, die den Studierenden helfen, soziale Ungleichheit zu erkennen und daran zu arbeiten. Die Dozierenden müssen dabei unterstützend zur Seite stehen und Fragen aufstellen. Etwa: Wieso gibt es signifikante wirtschaftliche und soziale Unterschiede in unserer Gesellschaft? Wieso verlaufen die Bildungswege bestimmter sozialer Gruppen häufig weniger gut als die anderer sozialer Gruppen? Wieso müssen Menschen fliehen und was hat das mit unserem Wohlstand zu tun?

Doch der kritische Service Learning-Ansatz gilt als schwieriger umzusetzen als der traditionelle. So sollte nicht nur Kontakt zu klassischen Engagementpartnern bestehen, sondern auch kritischen Gruppen eine Stimme gegeben werden, die aktiv politisch arbeiten. Auch sind die positiven Einflüsse auf Studierende langfristiger und von daher schwieriger zu evaluieren. Die Studierenden sollen im Rahmen der Service Learning-Erfahrung ihre eigene Position und Sozialisierung in der Gesellschaft reflektieren. Durch ihre Projekt-Stellung als „Service-Leistende“ werden die Privilegien gegenüber den „Service-Empfangenden“ deutlich (sei es Alter, Bildung, Zeit, soziale Klasse o. ä.). Einhergehend mit der Selbstreflexion soll auch Macht im Allgemeinen reflektiert und kritisch betrachtet werden. Dabei soll nicht nur Diversität in dem Sinne mitgedacht werden, dass eine Gleichmachung von Unterschieden erfolgt, sondern vor allem auch auf unterschiedliche Privilegien, Chancen, Möglichkeiten und Zugänge zu Macht und somit bestehende Ungerechtigkeiten innerhalb einer Gesellschaft hingewiesen werden. Ein Othering im Sinne von einer Dichotomie von „uns“ und „den Anderen“ soll reflektiert und dekonstruiert werden. Dabei geht es darum, soziale Realitäten nicht durch Homogenisierung zu ignorieren, und trotzdem eine Begegnung auf Augenhöhe zu schaffen.

In dem immer begleitend stattfindenden Service Learning-Seminar soll eine theoretische Grundlage für diese Reflexion erarbeitet und praktische Unterstützung geschaffen werden. Das Seminar soll im Rahmen des kritischen Ansatzes zusammen mit Engagementpartnern und Vertretern der Zivilgesellschaft durchgeführt werden, um ihnen im Arbeitsprozess eine Stimme zu geben und die Reflexion zu ermöglichen. Durch weniger traditionelle Unterrichtsmethoden können Hierarchien aufgebrochen werden. Gleichzeitig soll das Seminar den Teilnehmenden einen Raum geben, sich gegenseitig kennen zu lernen. Sowohl für die Dozierenden, als auch für die Engagementpartner und Studierenden ist es wichtig zu wissen, wie der jeweilige Gegenpart aufgestellt ist und funktioniert. Das Seminar sollte so ausgerichtet sein, dass alle Beteiligten davon profitieren und keiner ausgeschlossen wird, etwa durch einen zu akademischen Sprachgebrauch. Auch hier ist die Begegnung auf Augenhöhe zentral. Eine gute Zusammenarbeit braucht jedoch Zeit, weshalb es für die Hochschule umso wichtiger ist, langfristige Kooperationen zu schaffen.

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

Also?

Service Learning ist ein Modewort und viele Hochschulen und Universitäten wollen sich momentan damit schmücken. Nachhaltige Projekte, die gesellschaftlich tatsächlich etwas bewegen sollen, kommen aber nicht umhin, sich die Kritik an Service Learning anzusehen und einen sensiblen Umgang mit Ungleichheiten, (globalen) Machtbeziehungen und Othering zu fördern. Da dies aber nicht nur mehr Zeit, sondern auch mehr Geld kostet, fällt es leider oft hinten runter. Ich hoffe, dass mehr Hochschulangehörige bestehende Projekte hinterfragen und neue Projekte kritisch begleiten. Nur dann kann Service Learning leisten, was es vorgibt: einen gesellschaftlichen Service und einen langfristigen Lerneffekt.

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Verwendete Quellen:

  • Ginwright, S. / Cammarota, J. 2002: New terrain in youth development: The promise of a social justice approach, Social Justice, 29(4), 82-95.
  • Mitchell, T. D. 2008: Traditional vs. Critical Service-Learning: Engaging the Literature to Differentiate Two Models, Michigan Journal of Community Service Learning, Spring 2008, pp.50-65.
  • Nationales Forum für Engagement und Partizipation (Hrsg.) 2013: Service Learning in der Lehrerbildung – Engagementförderung an der Schnittstelle von Hochschule und Schule, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V., Berlin.
  • Pompa, L. 2002: Service-learning as crucible: Reflections on immersion, context, power, and transformation, Michigan Journal of Community Service, Learning, 9(1), 67-76.
  • Reinders, H. 2016: Service Learning – Theoretische Überlegungen und empirische Studien zu Lernen durch Engagement, Beltz Juventa, Weinheim/Basel.
  • Sigmon, R. L. 1994: Serving to Learn, Learning to Serve – Linking Service  with  Learning, Council  for  Independent Colleges Report.
  • Speck, K. et al. 2012: Wirkungen von Service Learning in Deutschland – Stand der Forschung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
  • Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 2013: Sozial und engagiert – Das Programm „Mehr als Forschung und Lehre“.
  • Ziai, A. 2010: Postkoloniale Perspektiven auf „Entwicklung“, in: Peripherie Nr. 120, 30., Jg. 2010, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, S. 399-426.

Akademischer Elfenbeinturm oder innovative Talentschmiede? – Hochschulen der Zukunft

Akademischer Elfenbeinturm oder innovative Talentschmiede? – Hochschulen der Zukunft

Hochschulen und Universitäten beschreiben sich selbst gerne als Ort der Vordenker und innovativer Ideen. Doch prekäre Arbeitsbedingungen, Gelder, die an den falschen Stellen ausgegeben werden, und ein träger Verwaltungsapparat fördern oftmals eher Resignation als Innovation.

Das Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung“ versucht dies zu ändern und schreckt dabei auch vor Selbstkritik nicht zurück. Zweimal im Jahr treffen sich Angehörige von Hochschulen und Universitäten, die über neue Lehr- und Lernkonzepte nachdenken und versuchen, die alten, schwer fälligen Kolosse zu öffnen und zu modernisieren. Ein Weg zur Öffnung der Hochschulen führt dabei etwa über das Konzept des Service Learning.

Ich gehe jedes Mal gerne zu den Tagungen, denn sie machen Hoffnungen. Leider erlebe ich selbst jeden Tag, welch ein Kampf gegen Windmühlen es darstellt, wenn man sich für einen Typus Hochschule einsetzt, welcher ein Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung mitbringt. Für Hochschulen, die sich nicht nur um sich selbst drehen, sondern sich als Teil der Gesellschaft verstehen. Für Hochschulen, die wissen, dass Bildung nur mit Innovation und Modernität zukunftsweisend sein kann. Dazu gehört auch, dass sich Hochschulen und Universitäten für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt öffnen. Ich wünsche mir, dass Menschen mit Fluchthintergrund, die vorher im wissenschaftlichen Betrieb gearbeitet haben, auch in Deutschland die Chance bekommen, akademisch Fuß zu fassen. Ich wünsche mir, dass zivilgesellschaftliches Engagement von Studierenden gefördert und ein demokratische Bildung ein selbstverständlicher Teil der Hochschulbildung wird.

Ich träume noch immer von dieser Art von Hochschule, auch wenn ich jeden Tag von neuem frustrierende Erfahrungen machen muss. Umso wichtiger ist es aber, dran zu bleiben. Denn am Ende des Tages sind auch dicke Bretter, nur Bretter.

Flucht, Asyl, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Flucht, Asyl, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Donald Trump gibt sich gerade alle Mühe, den Anschein zu geben, dass seine Wahlversprechen umsetzbar sind. Natürlich mache ich mir Sorgen, so wie so viele Menschen auf der ganzen Welt. Der Punkt, der mir am allermeisten zu schaffen macht, ist, dass vier Jahre eine sehr lange Zeit sind, wenn man bedenkt, wie sehr wir gerade gegen die Zeit rennen. Der menschengemachte Klimawandel ist unabwendbar und doch besteht jetzt noch eine Chance, ihn in Grenzen zu halten. Wenn nun aber ein so großes Land wie die USA über vier Jahre lang den Klimawandel leugnet, dann raubt mir das den Schlaf.

Klimawandel bedeutet in unserer Zeit nicht nur verregnete Sommer und zu warme Winter. Er bedeutet für viele Menschen auch, dass sie ihre Heimat verlieren. Wenn wir schon im Jahr 2015 von einer „Flüchtlingskrise“ gesprochen haben, dann sollten wir uns in den kommenden Jahrzehnten warm anziehen. Immer wieder hört man in den Medien, dass die Menschen in den industrialisierten Staaten, also auch ich, Einfluss haben auf Fluchtgründe von vielen Millionen Menschen. Googelt man dies, erscheinen als erstes Artikel zum Thema Waffenexporte. Doch wie sieht es mit dem Klimawandel aus? Um mich ein wenig besser darüber zu informieren, wie Klimawandel und Migration zusammen hängen, las ich den Aufsatz „Migration and Climate Change“ von Etienne Piguet, Antoine Pécoud und Paul de Guchteneire.

Klimabedingte Migration ist demnach nicht – wie häufig angenommen – eine neue Erscheinung. Ganz im Gegenteil sorgten Klimaveränderungen schon immer dafür, dass Menschen ihre Heimat kurz- oder langfristig verlassen mussten. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Forschung in diesem Bereich aber größtenteils eingestellt, weil davon ausgegangen wurde, dass die Technik den Einfluss der Natur auf den Menschen stark einschränken würde. Erst in den 1990er, nachdem der erste offizielle IPCC-Bericht den Klimawandel bekannter machte, wurde wieder vermehrt in dem Bereich Klima-Migration geforscht.

Unwetter und Wirbelstürme sind anders als Dürren und der Meeresspiegelanstieg

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun? von Merle Becker

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Etienne Piguet, Antoine Pécoud und Paul de Guchteneire machten deutlich, dass schnell einsetzende Phänomene, wie etwa Unwetter und Wirbelstürme, eher zu einer kurzzeitigen Migration führen. In einigen Fällen kommt es sogar zu Pull-Effekten, da Menschen in die betroffenen Gebiete einwandern, um dort Hilfe zu leisten und weil Hilfsorganisationen neue Wirtschaftszweige ausbauen, die zu einer Arbeitsmigration führen. Von schnell einsetzenden Phänomenen sind viele Millionen Menschen jährlich betroffen und die Unwetter sind schwer vorhersagbar. Nur bei hoch frequentierten Phänomenen dieser Art kommt es zu einer langfristigen Abwanderung.

Dürren und Wüstenbildungen hingegen haben langsame Effekte und Auswirkungen, doch auch hier kommt es laut empirischer Studien selten zu Langzeit- und Fernmigration.

Der Meeresspiegelanstieg gilt als irreversibel und gestaltet sich linear. Für viele Menschen bedeutet die Auswanderung die einzige Möglichkeit, wenn sie vom Meeresspiegelanstieg betroffen sind. Es lässt sich sagen, dass es etwa 2,2 Prozent der Landflächen der Erde betrifft, auf welchen etwa 10,5 Prozent der Erdbevölkerung leben. Damit gilt der Meeresspiegelanstieg als größtes Problem in Bezug auf Langzeitmigration. Hier sieht man, wie viele Menschen ihre Heimat in Zukunft verlassen müssen!

Das Problem der Anpassung und Klimagerechtigkeit

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun? von Merle Becker

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Doch für Migration spielt nicht nur das sich wandelnde Klima eine Rolle, sondern auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen. Klimawandel wird demnach nur zu einer Bedrohung, wenn die weiteren Bedingungen keine gute Anpassung garantieren können. So kann in den Niederlanden etwa ein größerer und stärkerer Deich gebaut werden – dies ist jedoch in vielen ärmeren Staaten nicht so einfach möglich. Nicht alle Menschen haben Zugang zu den gleichen Anpassungs-Ressourcen. Dies zeigt sich nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch anhand von Gender- und Klassen-Unterschieden. Der gleiche Umweltfaktor kann demnach unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Menschen haben.

Vor allem die Staaten, die sich bestmöglich an die Folgen des Klimawandels anpassen können, weil sie die finanziellen Ressourcen dazu haben, sind meist für die Klimaveränderungen verantwortlich. Denn ihr heutiger Reichtum basiert auf der vorhergegangen Industrialisierung, die zu dem vermehrten und unkontrollierten Ausstoß von Treibhausgasen führte. An dieser Stelle möchte ich auf Darrel Moellendorf verweisen, der sich mit der Anpassung an den Klimawandel auseinander setzt – denn der Wandel ist bereits weit fortgeschritten und selbst bei vollständiger und sofortiger Beendigung des Ausstoßes von Treibhausgasen müsste die Weltbevölkerung noch mit gravierenden Folgen in naher und ferner Zukunft rechnen. Moellendorf selber schlägt verschiedene Möglichkeiten vor, wie eine möglicherweise gerechte Kostenaufteilung in Bezug auf die Anpassung an den Klimawandel und den Klimaschutz aussehen könnte.

Er stellt das „Polluter-Pays“-Prinzip vor. Dafür muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden, um zu sehen, welche Staaten besonders viele Treibhausgase ausgestoßen haben. In diesem Fall sollen die Schuldigen haften. Problematisch an dem Ansatz sei aber, dass es in dem Sinne keine Schuldigen gibt, da die Problematik von Treibhausgase erst um das Jahr 1990 bekannt wurde, als bereits 85 Prozent der heutigen Treibhausgase in der Atmosphäre waren. Damit kann man den Staaten und Menschen nicht vorwerfen, bewusst etwas Ungerechtes getan zu haben. Zudem sind viele der Menschen, die in den Verschmutzer-Staaten leben, nicht direkt als Verschmutzer und Verschmutzerinnen zu sehen, da sie viel zu jung sind und ihre Vorfahren für den Großteil der Treibhausgase verantwortlich sind.

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun? von Merle Becker

Flucht, Migration, Klimawandel – Und was haben wir damit zu tun?

Des Weiteren gibt es die Möglichkeit, dass die Staaten zahlen, die von dem Ausstoß der Treibhausgase profitiert haben, also die Industriestaaten. Doch auch dieser Ansatz ist problematisch, da den Staaten zum Zeitpunkt der Industrialisierung und danach nicht bewusst war und nicht bewusst sein konnte, dass der Ausstoß von Treibhausgase gefährlich und unfair sein würde.

Moellendorf plädiert für das „Die Wohlhabenden zahlen“-Prinzip. Diejenigen, denen es finanziell möglich ist, müssen demnach zahlen. Welche Staaten das sind, möchte er an dem Human Development Index festlegen. Laut Moellendorf ist dies das fairste Prinzip der Verantwortung, vor allem, weil die finanziell starken Staaten sich zu einem Großteil mit den Verschmutzer-Staaten und den Profitiert-Staaten decken.

Etienne Piguet, Antoine Pécoud und Paul de Guchteneire schlagen außerdem vor, dass die Aufnahme von vor dem Klima flüchtenden Menschen (sie werden auch „Klimaflüchtlinge“ genannt, was ich schwierig finde) als Teil der gerechten Verteilung der Folgen des Klimawandels aufgefasst werden soll. Denn auch in Bezug auf die Aufnahme von Migranten und Migrantinnen werden es vor allem die industrialisierten, reichen Staaten sein, die sich so anpassen können, dass ihre gesamte Bevölkerung geschützt ist. Genau diese Staaten müssen es sich also zukünftig zur Aufgabe machen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Finanzielle Unterstützung seitens der wohlhabenden Staaten kann zudem auch bei einer Binnenmigration in ärmeren Staaten erfolgen.

Fluchtgründe und der Westen

Diese etwas philosophische Herleitung zeigt mal wieder, dass die Fluchtgründe selten getrennt von unserem Leben bestehen. So oft geht es um Waffenexporte, dubiose Partnerschaften von westlichen Regierungen mit Diktatoren oder historische Grenzziehungen, wenn wir von der Verantwortung des Westens in Bezug auf Fluchtgründe sprechen. Aber auch unser alltägliches Leben, der Luxus, ein Auto zu besitzen, jeden Tag den Fernseher, den PC und das Radio anzuhaben, sich stets neue Jenas und alle zwei Jahre ein neues Handy zu kaufen – All dies hat gravierende Auswirkungen auf das Leben von Millionen von Menschen weltweit. Und genau deshalb stehen die Menschen in den industrialisierten Staaten in der Verantwortung, Menschen aufzunehmen, die in anderen Teilen der Welt nicht mehr in Würde leben können.

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Quellen:

Moellendorf, D. 2014: The Moral Challenge of Dangerous Climate Change: Values, Poverty, and Policy.

Piguet E. et al. 2011: Introduction: Migration and climate change. S. 1-33.

Das Journal Frankfurt wählt mich unter die Top 30 unter 30!

Das Journal Frankfurt wählt mich unter die Top 30 unter 30!

Ich fühle mich geehrt und freue mich sehr: Das Journal Frankfurt stellt mich bei den Top 30 unter 30 in Frankfurt an erste Stelle! Natürlich stehe ich da nur stellvertretend für alle die vielen Menschen, die sich bei aeWorldwide engagieren. Danke Euch – Ihr seid ein tolles Team!!

Merle Becker wird von dem Journal Frankfurt unter die 30 bedeutensten Frankfurter unter 30 gewählt. Danke an Harald Schröder Fotografie!

Merle Becker wird von dem Journal Frankfurt unter die 30 bedeutensten Frankfurter unter 30 gewählt. Danke an Harald Schröder Fotografie!

Das Journal Frankfurt schreibt auf facebook:
„Unsere Ausgabe 3/2017 widmet sich etlichen jungen Menschen in unserer Stadt, von denen wir noch viel hören werden. Oben etwa sehen Sie Merle Becker, die an der Goethe-Universität ein Projekt aufgebaut hat, das geflüchtete Akademiker mit Menschen von hierzulande vernetzt. Damit gehört sie für uns zu den Top 30 unter 30 in Frankfurt!“

Was hat die Flüchtlingspolitik mit Othering und Postkolonialismus zu tun?

Was hat die Flüchtlingspolitik mit Othering und Postkolonialismus zu tun?

– Und was macht eigentlich aeWorldwide?

Wenn wir über die sogenannten „Flüchtlinge“ sprechen, dann passiert etwas: Wir machen eine Gruppe auf! Wir definieren eine große Anzahl von Menschen unter einer Bezeichnung und schreiben ihnen damit sehr viel zu. Dabei wissen wir eigentlich ganz genau, dass die Gruppe der geflüchteten Menschen extrem heterogen ist. Wir wissen, dass weltweit Menschen unterschiedlichster Religion, Herkunftsstaaten, sozialer Hintergründe, Bildungsgrade und unterschiedlichsten Alters ankommen. Und trotzdem geben wir ihnen alle den gleichen Stempel: Flüchtling. In akademischen Diskursen nennt man dieses Vorgehen auch Othering.

Mit einer Kommilition sprach ich im November 2015 darüber, was die akademischen Theorien des Postkolonialismus damit zu tun haben und wie daraus die Organisation academic experience Worldwide e.V. entstanden ist, die wir gemeinsam gegründet haben.

Ich habe in dem Vortrag an der Hochschule Hamm-Lippstadt versucht, Othering zu erklären und aufzuzeigen, wieso es sich dabei und generell bei Postkolonialismus nicht nur um rein theoretische Ideen aus dem akademischen Elfenbeinturm handelt, sondern dass wir alle jeden Tag damit in Berührung kommen. Bevor Ihr jetzt also das Video anseht, lasst Euch nochmal kurz durch den Kopf gehen, was in Bezug auf folgende „Gruppen“ jeden Tag in den Medien und in Gesprächen für Bilder konstruiert werden:

  • Nordafrikaner (#Nafri)
  • Islam
  • Flüchtlinge
  • Afrika und Afrikaner sowie Afrikanerinnen

Wo seht Ihr sonst bei Euch im Alltag Othering? Wann müsst Ihr an Postkolonialismus denken?

Macht Erfolg träge? – Ein Vergleich von Benimmratgebern der 50er mit Germany’s Next Topmodel

Macht Erfolg träge? – Ein Vergleich von Benimmratgebern der 50er mit Germany’s Next Topmodel

Sexismus: Ein Vergleich von Germany's Next Topmodel mit Benimmratgebern der 50er Jahre

Sexismus, so glaubte man, ist heute kein Problem mehr.
Doch das ist ein Irrtum.
Der Unterschied zu früher: Viele Frauen machen bereitwillig mit
.“

Germany’s Next Topmodel mit Heidklum geht in die nächste Runde! Es werden wieder tausende junge Mädchen und Frauen vor den Fernseher sitzen. Wenn immer ich in den vergangenen Jahren mal in die Castingshow reinzappte, musste ich direkt an Benimmratgeber für Frauen der 50er und 60er Jahre denken. Ich fragte mich, ob die heutigen Medien von einem Rückschritt der Frauenemanzipation zurück zur Diskriminierung des frühen bis mittleren 20. Jahrhunderts zeugen.

Werden die Erfolge der 68er Generation von den jungen Frauen heute zunichte gemacht?

Noch in den 50er Jahren hieß es in Benimmbüchern, „daß […] meistens nichts Gutes dabei herauskommt, wenn ein Mädchen ‚alles weiß und alles kennt‘.“ (Oheim  1955:124). Im Zuge der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre konnte durch die Frauenbewegung viel für die Emanzipation erreicht werden und es wurde der Grundstein gelegt, für die Freiheit und Gleichheit, mit der die Frauen heute leben. Gleichzeitig lässt sich aber in den Medien eine gegenläufige Entwicklung erkennen. Junge Frauen träumen davon, eine Karriere als Model anzustreben. In TV-Casting-Shows stellen sie sich zur Schau und lassen sich auf ihr Gewicht und ihre Größe reduzieren und lernen, unkritisch den Aufgaben der Jury zu folgen.

Was heißt eigentlich „Geschlecht“?

Laut Butler ist geschlechtliche Identität nicht vorgegeben, sondern wird durch stilisierte sich wiederholende Akte beständig konstruiert. Dabei gibt es immer auch Abweichungen in den Wiederholungen (besonders weil es kein Original gibt), was die geschlechtliche Identität instabil macht. Nichtsdestotrotz bleibt sie jedoch in dem historisch konstituierten Rahmen. Es gäbe in der Natur keine Dichotomie von Geschlechtern, sondern sie sei menschengemacht. Von dem Moment an, in dem der Arzt der Mutter verkündet: „Es ist ein Junge/Es ist ein Mädchen!“ wird das Kind in die Dichotomie aufgenommen und muss die sozialen Anforderungen erfüllen, um akzeptiert zu werden (vgl. Butler 1988). Auch Raewyn Connell geht davon aus, dass das soziale Geschlecht prozesshaft konstituiert wird. Raewyn Connell sieht Gender in Relation zu einer übergeordneten Machtstruktur und einem Symbolismus der Differenz (vgl. Connell 2006).

Das Frauenbild und die Frauenbewegung im Wandel der Zeit

Im Zuge der Machtergreifung Hitlers und dem Beginn des NS-Staats wurde Deutschland zu einem reinen Männerstaat. Die Rolle der Hausfrau und Mutter wurde idealisiert und dem Mann untergeordnet. Bis zum Krieg zog das NS-Regime alle Register, um Frauen von der Arbeit fernzuhalten. Alle Erfolge, die die Frauenbewegung bis zur Weimarer Republik erzielt hatte, wurden damit zunichte gemacht (vgl. Benz 2006:21f). Alle bestehenden Frauenverbände wurden von dem NS-Regime entweder gleichgeschaltet, oder lösten sich vorher selber auf. Dies war vorerst das Ende einer eigenständigen Frauenbewegung in Deutschland (Nave-Herz 1997:42f). Die staatlichen Frauenorganisationen gingen nicht von Frauen aus sondern von Männern und waren rein politischer Natur. Nach Kriegsausbruch wurden Frauen jedoch wieder als Arbeitskräfte gebraucht und die Erwerbstätigkeit von Frauen stieg wieder an (Benz 2006:24).

Nach Kriegsende war das quantitative Verhältnis zwischen den Geschlechtern extrem verschoben, dadurch dass so viele Männer gefallen beziehungsweise in Kriegsgefangenschaft waren (Nave-Herz 1997:47). Dies führte zu einem „erzwungenen Matriarchat“, da Frauen in vielen Fällen zum Familienoberhaupt wurden und bei ihnen nun die Hauptbelastung in der Familie lag. Vor allen Dingen Frauen waren verantwortlich für den Wiederaufbau des Landes, was in deutlichen Widerspruch zu dem stand, was ihnen zuvor an Fähigkeiten zugesprochen wurde (Nave-Herz 1997:48). Doch schon in den frühen 1950er Jahren war ein deutlicher Rückschritt der Emanzipation zu vermerken. Männer kehrten aus der Kriegsgefangenschaft zurück und untergruben die neugewonnene Selbstständigkeit der Frauen wieder, indem sie sie in soziale und finanzielle Abhängigkeit brachte. Wieder einmal wurde die Rolle der Frau auf die der Hausfrau und Mutter reduziert (Sinus Sociovison 2007).

Ende der 60er Jahre ging mit der Studentenbewegung auch eine neue Frauenbewegung einher. Durch die außerparlamentarische Opposition während der großen Koalition ab 1966 wurden neue politische Themen angesprochen und von den Revolutionsbewegungen aufgenommen. Dazu gehörte auch, bürgerliche Werte zu hinterfragen und autoritäre Strukturen abzubauen (Nave-Herz 1997:54). Innerhalb der Studentenbunde kam es bald zu Problemen zwischen den Geschlechtern, weil die antiautoritär auftretenden Männer gegenüber ihren Kolleginnen nicht bereit waren, dass Patriarchat gänzlich abzulegen. Als Reaktion darauf gründeten sich neue Frauenvereine wie etwa der „Aktionsrat zu Befreiung der Frau“ aus Mitgliedern des Sozialistischen Studentenbundes (Nave-Herz 1997:54ff).  Durch die Erfolge der Frauenbewegung in den 70er Jahren waren immer mehr Frauen politisch engagiert und setzten sich vor allem in Friedensorganisationen ein. Feministinnen sahen das schon in den 80er Jahren als Gefahr, da Emanzipation dadurch zur Nebensache wurde und immer weniger Frauen sich in Frauenverbänden engagierten (Nave-Herz 1997:73).

Vergleich

Um nun herauszufinden, ob die Emanzipation der Frau in den letzten Jahrzehnten Rückschritte machte, möchte ich nun die Rolle der Frau in den Benimmratgebern der 50er und 60er Jahre mit der Rolle der Frau in der TV-Casting-Show Germany’s Next Topmodel vergleichen. Zwischen beiden Epochen liegt die Studentenbewegung und somit die Zeit der größten Erfolge der Frauenbewegung. Es sollte davon ausgegangen werden, dass sich die Rolle der Frau in der TV-Show insofern von der Frauenrolle in den Benimmratgebern unterscheidet, dass der Frau mehr Rechte zugesprochen werden – Oder ist dem nicht so?

Die Benimmratgeber der 50er Jahre

In den 50er Jahren fuhren Benimmratgeber große finanzielle Erfolge ein und erfreuten sich großer Beliebtheit. Bücher wie das „Einmaleins des guten Tons“, „Der gute Ton von heute“ oder das „ABC des guten Tons“ galten als Stütze im Alltag, gaben sie doch genau vor, wie man sich in welcher Situation zu verhalten hatte. Heute lassen sich die Bücher gut nutzen, um einen Einblick in die damalige Gesellschaft und die alltägliche Rollenverteilung zu bekommen.

Manierenratgeber gehören dabei zu der Gruppe der Sachbücher, weil es sowohl in belehrender als auch in unterhaltender Form leichtverständlich dem Leser ein Themengebiet nahebringt. Wichtig ist dabei, dass Ratgeber nicht nur Wissen im Allgemeinen behandeln, sondern vor allem verwendbares Wissen lehren (Höffer-Mehlmer 2000:155).

Den Geschlechtern wird in diesen Büchern deutlich eine Essenz zugeordnet. Es sei in der Natur der Frau, Zurückhaltung zu wahren und in der Natur des Mannes, aktiv den Alltag zu gestalten. Denn es wirke „nie schön, wenn die Frau […] der aktive Teil ist. […] immer ist für die Frau Zurückhaltung besser als Übereilung.“ (Oheim  1955:132).  Es heißt, Bekanntschaften dürften nicht auf der Straße gemacht werden. Erst wenn man zufällig in ein Gespräch käme, dürfte der Mann sich der Frau vorstellen – die Dame dürfte nicht die Aktive sein.

„Eine Dame wird einen Herrn weder auf der Straße noch im Lokal ansprechen, es sei denn, sie braucht eine Auskunft oder sie hat sonst einen triftigen Grund. Wenn sie es nur tut, um eine Bekanntschaft zu machen, stellt sie sich kein gutes Zeugnis aus.“ (Oheim 1955:120).

Diese Ratschläge spiegeln die Normativität wieder, indem es heißt, die Frau stelle sich kein gutes Zeugnis aus, wenn sie Bekanntschaften auf der Straße mache. Denn dann verhalte sie sich nicht nach der Norm, wie eine Frau sein sollte.

Auch dürfe die Dame nicht um den Herrn werben, denn es sei

„noch immer ist das schönste Recht der Frau, sich umwerben zu lassen, und ihre schönste Pflicht, in weiblicher Zurückhaltung nicht den ersten, sondern den zweiten Schritt zu tun […]. Die unverblümt auf Männerjagd ausgehende Frau ist noch abstoßender als der tollste Frauenjäger […].“ (Oheim  1955:121).

Der normative Essentialismus wird auch in den Ratschlägen für Ehepartner deutlich:

„Die Frau wählt, wenn sie klug ist, Zurückhaltung als Richtschnur ihres Handelns. Wenn sie klug ist, wird sie ferner den Mann, den sie liebt, nicht mit unnötigen Fragen nach seiner „Vergangenheit“ bedrängen […].“ (Oheim  1955:126).

Nicht erwähnt wird die Vergangenheit der Frau. Als passiver Charakter wird vorausgesetzt, dass es für sie keine Vergangenheit mit anderen Partnern gab. Zudem heißt es, „daß nämlich meistens nichts Gutes dabei herauskommt, wenn ein Mädchen ‚alles weiß und alles kennt‘.“ (Oheim  1955:124). Die Frau täte also sich selbst und ihrem Partner einen Gefallen, wenn sie nicht versuche, mehr zu wissen und zu kennen als der Ehemann.

Doch nicht nur was die Vergangenheit betrifft, soll die Frau ihrem Mann Freiheiten geben. Wenn sie ihren Ehemann nicht „lächerlich“ machen will, wird sie ihn

„ruhig allein ausgehen lassen, auch wenn der gesamte Damenflour seines Betriebes mit von der Partie ist. […] Sie wird ihn bei der Heimkehr nicht gekränkt oder feindselig, sondern mit heiterer Ruhe begrüßen, ihn nicht mißtrauisch ausfragen, aber für seine Erzählungen freundliches Interesse zeigen.“ (Oheim 1955:138).

Weiterhin werden die beiden Geschlechter semiotisch, also im Kontrast zueinander, definiert:

„[…] ‚er‘ ist ein scharmanter Vertreter seines Geschlechts: ritterlich, höflich, hilfsbereit und zuvorkommend […]. Und ‚sie‘, die Ehepartnerin, sieht reizend und gepflegt aus, wenn man ihr begegnet, ist heiter und unterhaltsam […].“ (Oheim  1955:133).

Noch Ende der 1960er Jahre heißt es, die Frau brächte von Natur aus ein Gefühl für Gemütlichkeit mit sich (Graudenz, Pappritz 1968:90). Eine emanzipatorische Entwicklung zeigt sich aber insofern, dass der Frau nicht mehr nachgesagt wird, sie suche sich einen Ehemann, weil sie als passiver Teil einen aktiven Gegenpart bräuchte, sondern wegen des „Drang[s] zur restlosen Ausschöpfung dieser Fähigkeiten.“ (Graudenz, Pappritz 1968:90). Mit Fähigkeiten sind in diesem Falle die hausfraulichen, organisatorischen und auch gefühlvollen Tätigkeiten gemeint.

Essentiell sei es ein „Ihnen naturgegebenes Bedürfnis, bei allem, was Sie tun und sagen, ein wenig das Herz mitsprechen zu lassen.“ (Graudenz, Pappritz 1968:93). Auch wird die Frau stets als das schöne Geschlecht dargestellt, dem dieser Aspekt auch sehr wichtig ist:

„Sie trachten nach einer Schönheit, die mehr ist als bloßes Ebenmaß. Sie sind nicht eitel – Sie haben nur den natürlichen Hang, Ihr Äußeres den Gesetzen der Ästhetik unterzuordnen, so wie Ihr Inneres jenen der Harmonie gehorcht.“ (Graudenz, Pappritz 1968:147)

Germany’s Next Topmodel

Die seit Januar 2006 regelmäßig auf ProSieben laufende Casting-Show Germany’s Next Topmodel ist eine Kopie der erfolgreichen US-Show America‘s Next Topmodel mit Tyra Banks. Die Kamera verfolgt jeden Schritt und Tritt der bis zu 20.000 Bewerberinnen pro Staffel und die Jury wählt diejenigen aus, die ihnen am meisten gefallen. Von den gut 10.000 Bewerberinnen sind bisher nur sehr wenige – an einer Hand abzählbar – berühmt geworden und geblieben. Auf ihrem Weg zum erhofften Ruhm müssen die „Mädchen“, wie Heidi Klum sie stets nennt, viele Aufgaben („Challenges“) bestehen. „Sie lernen, wie in einer Tanzschule der fünfziger Jahre, beim Gehen ein Buch auf dem Kopf zu balancieren; dann wieder müssen sie sich halb nackt fotografieren lassen, manchmal auch mit einem Elefanten.“ (Kalle 2010). Die Jury besteht stets aus Heidi Klum mit zwei Männern, welche fast jede Staffel wechseln (Kalle 2010).

„Germany’s next Topmodel gibt vor, einen Traum erfüllen zu können, den Traum vom Topmodel. Aber keine, die ProSieben bisher zu „Germany’s next Topmodel“ gekürt hat, ist heute Topmodel. Die Gewinnerinnen sind ProSieben-Gesichter, Markenbotschafterinnen des Senders und der Show geworden.“ (Kalle 2010)

 

Den Kandidatinnen von Germany’s Next Topmodel werden bestimme Rollen aufgedrängt. Die Frauen reden unkontrolliert, viel und vor allem über sehr intime Themen. Zudem sind sie eifersüchtig und zickig sowie sehr auf ihr Äußeres fixiert. Allesamt befinden sie sich in einem Status extremer Unsicherheit, wissen aber gleichzeitig um ihr gutes Aussehen und bezeichnen sich selber als Kämpfernatur. Die ewigen Streitereien werden von der Show geschickt in Szene gesetzt, genauso wie das Scheitern der Frauen bei den einzelnen „Challenges“ (Buß, Pilarczyk 2010).

 

„Der Hype um „Germany’s next Topmodel“ ist ungebrochen, das Interesse an der Sendung ist riesengroß. Vor allem daran, wie sich die Kandidatinnen hinter den Kulissen anzicken und vor den Kameras auf Heidis Wunsch zum Affen machen.“ (Miklis 2009)

 

Doch genau diese Balance zwischen Fremdschämen und sexuellem Voyeurismus macht die Show so erfolgreich – nicht die Suche nach einem neuen Topmodel (Miklis 2009). Um das Frauenbild etwas genauer erfassen zu können, wurde die erste Sendung der Staffel 2012 detaillierter betrachtet.

 

Schon zu Beginn spricht die Off-Stimme von den 50 schönsten Mädchen Deutschlands, die sich den spektakulärsten Herausforderungen stellen. Genauso willkürlich wie das Wort „Mädchen“ an dieser Stelle für erwachsene Frauen genutzt wird, ist auch das Adjektiv „schön“. Die Jury besteht aus zwei Männern, die beide Thomas heißen, sowie dem „Weltstar“ (so wird sie angekündigt) Heidi Klum. Dazu kommt noch ein männlicher Laufstegtrainer.

 

Einige der Frauen stellen sich in kurzen Videos zu Beginn selber vor. Dabei fallen unter anderem folgende Sätze: „Heidi, nimm mich weiter, denn ich bin verrückt!“, „Seit der ersten Staffel habe ich Laufen geübt.“, „Ich bin immer guter Laune.“ und auch „Ich bin hier, weil ich der Welt zeigen will, dass ich was draufhabe!“. Diese Aussagen geben gut wieder, was eine junge Frau heute an Charaktereigenschaften mitbringen muss, um als interessant und schön zu gelten. Sie sollte demnach verrückt, gut gelaunt, ehrgeizig und willensstark sein. Dazu kommen noch die gutgemeinten Ratschläge von Jury und mitgereisten Familienmitgliedern der Teilnehmerinnen: „Sei natürlich und hab Spaß!“ Außerdem sei es wichtig, aufzufallen und zu kämpfen. Die Kleidung sollte so getragen werden, dass man auf Anhieb die Figur der jungen Frau sehen und bewerten kann. Dabei geht einer der beiden Männer aus der Jury sogar soweit, dass er einem Mädchen die Hose vor Publikum auszieht („Das T-Shirt ist lang genug“) und auch keinen Protest zulässt.

 

Später sagt genau dieses Jury-Mitglied: „Was muss ein Mädchen haben? Eine tolle Ausstrahlung! Und was muss ein Mädchen noch haben? Es muss sich bewegen können!“ Kurz nach dieser Aussage stellt sich eine junge Frau vor, die über sich selbst sagt: „Ich bin halt nicht wie ein Mädchen.“ Sie sei nur mit Jungs unterwegs und spiele Fußball. Dies brächte ihr jedoch auch Vorteile, denn sie könne sich durch ihren männlichen Charakter sicher gut durchsetzen. Die Jury bewertet sie mit: „Die war wie ein Kerl!“ und „Da laufe ich ja weiblicher!“.

Heidi Klum sagt im Allgemeinen über die Teilnehmerinnen, sie habe eine gute Auswahl von unterschiedlichen Mädchen getroffen, die alle schlank, groß und mit Charakter seien. Dies lässt die Folgerung zu, dass auch der Charakter einer jungen Frau in der Show Germany’s Next Topmodel eine Rolle spielt. Dies täuscht jedoch. Wichtig für die Teilnehmerinnen ist Körperbeherrschung, Ausstrahlung, Disziplin, Stärke, Ausdauer und Unterordnung. Sobald sich eine schüchterne Teilnehmerin vorstellt, wird ihr geraten, selbstbewusster zu werden. Bei besonders von sich überzeugten Kandidatinnen heißt es, sie sollen sich ein wenig zurücknehmen. Es werden demnach keine verschiedenen Charaktere gesucht, sondern die Mädchen haben sich einem Normcharakter anzugleichen.

Die Einteilung in „weiblich“ und „männlich“ ist insgesamt stark normativ und semiotisch geprägt und von der Jury (die zu drei Vierteln männlich ist) vorgegeben. Interessant ist dabei besonders, dass zwei der Männer aus der Jury stark ihr weibliche Eigenschaften betonen, währen den „Mädchen“ das “männliche“ abgewöhnt werden soll. Die Dominanz der Männer wird besonders in der Szene deutlich, in der einer der beiden Thomas einer Kandidatin die Hose und das Oberteil auszieht. Auf Grund seiner Position als Jury-Mitglied nimmt er sich die Macht, derart in die Persönlichkeitsrechte des Mädchens einzugreifen.

Benimmratgeber der 50er und 60er = Germany’s Next Topmodel?

Vergleicht man die beiden Rollenbilder, die von den verschiedenen Medien zu unterschiedlichen Zeitpunkten geschaffen wurden, so fallen zunächst gravierende Unterschiede ins Auge. Oberflächlich sollen Frauen in der Casting-Show nicht mehr passiv und zurückhaltend auftreten, sondern von ihnen wird Kämpfergeist, Willensstärke, Ehrgeiz und Egozentrismus erwartet.

Während Frauen ihre Sexualität in den 50er und 60er Jahren noch nicht öffentlich ausleben und zeigen durften, so haben sie nun alle Möglichkeiten dazu. Selbstbestimmt stellen sich junge Frauen nun in den Medien dar und Sexualität ist überall und dauernd anwesend. Diese Hypersexualität wurde lange Zeit als Erfolg des Feminismus gesehen, führe jedoch auf lange Sicht nur zu einer stärkeren Ungleichheit (Thomann 2010). Dies wird auch in Germany’s Next Topmodel deutlich. Zwar treten die jungen Frauen als willensstarke Kämpferinnen auf, wenden dies jedoch nur gegen ihre Mitstreiterinnen an. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die jungen Frauen jegliche Persönlichkeitsrechte, ja sogar das Recht auf ihren eigenen Körper verlieren. Der maskulinen Obrigkeit (die Jury) dürfen sie nicht wiedersprechen und haben sich deren Wünschen zu beugen, selbst wenn diese in ihre Persönlichkeitsrechte eingreifen. Dies geht einher mit den Ratschlägen aus den Manierenbüchern, dass eine Frau den Mann nicht zu hinterfragen habe. Das bedeutet, dass die Kampfhaltung und der Ehrgeiz der jungen Frauen nur in Bezug auf andere Frauen gefördert wird. Nicht aber als Willensstärke gegenüber dem männlichen Geschlecht. Die Entscheidungsfreiheit, die heutzutage so oft genannt wird, wenn man den Umgang mit den jungen Frauen kritisiert, besteht insofern nicht, dass die Medien ein Bild der weiblichen Sexualität vorgeben, dem sich junge Frauen nur selten entziehen können (Thomann 2010). „Es werde ihnen vermittelt, „dass der Weg zur Selbstverwirklichung der Frau unvermeidlicherweise über die Perfektion ihres Körpers führt.“ (Thomann 2010). Hier zeigt sich ein deutlicher Kontrast zu den Benimmratgebern aus dem letzten Jahrhundert, in dem es noch hieß, dass eine Frau nach Schönheit trachten müsse, die mehr sei als bloßes Ebenmaß (Vgl. Graudenz, Pappritz 1968:147). Die Frauen waren demnach bezüglich ihres Äußeren selbstbestimmter als heute.

Die Erfolge der 68er Generation, Frauen beruflich gleichzustellen, ihnen sexuelle Eigenständigkeit zuzugestehen und sie vom Ehemann unabhängig werden zu lassen, wurden im Laufe der Zeit so ausgelegt, dass sie wieder den Männern zu Gute kamen. Weibliche Sexualität wurde nicht befreit, sondern lediglich ein männlich geschaffenes Idealbild der sexuellen Frau stark mediatisiert. Frauen lernen, ihr Aussehen und Verhalten permanent zu vergleichen und zu bewerten und dabei gegen die Konkurrentinnen anzukämpfen, um dem Mann zu gefallen.

Gleichzeitig fallen auch Parallelen zwischen den beiden Frauenbildern auf. Beide sind sehr normativ. Frauen müssen schön und emotional sein und sich gut darstellen und bewegen können. Dabei sollte sie immer gut gelaunt und unterhaltsam sein. Die Dichotomie der Geschlechter wird in beiden Fällen sehr deutlich. Es werden keine anderen geschlechtlichen Ausrichtungen (etwa weibliche Männer oder männliche Frauen) zugelassen, in den Benimmratgebern werden sie sogar gar nicht erwähnt. Bei Germany’s Next Topmodel soll den jungen Frauen alles „männliche“ ausgetrieben werden. In beiden Rollenbildern bestehen eine starke Körperfixierung und wenig Bezug auf individuelle Charaktereigenschaften. Wichtig sind nur die Unterschiede zum „Männlichen“. Dies führt in beiden Geschlechterdefinitionen zu einer Stärkung des männlichen Geschlechts und somit einer Dominanz über das weibliche Geschlecht. Frausein hat demnach nur etwas mit Gefühlsbetontheit, Schönheit, Passivität und Körperlichkeit zu tun, aber nichts mit Intelligenz, Aktivität und Individualität, was dem Mann vorenthalten ist.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Rolle der Frau heute eine andere ist, als die der 50er und 60er Jahre. Durch die Revolution der späten 60er und frühen 70er Jahre erhielt die Frau in Deutschland sehr viel mehr Chancen und Möglichkeiten. Dennoch wurde deutlich, dass genau diese Chancen oftmals so ausgelegt wurden, dass im Endeffekt immer noch die Männer die dominanten Akteure sind und die neuen Freiheiten der Frauen für sich auslegen. Überraschend ist, dass sich viele junge Frauen – getrieben von dem Druck der Medien – unkritisch und freiwillig dieser Entwicklung beugen.

Die Erfolge des Feminismus im Laufe der Zeit verliefen nie gradlinig und die Frauen hatten immer wieder mit Rückschritten zu kämpfen. Dennoch gingen die Bemühungen und Proteste weiter bis sie schließlich im Zuge der 68er Revolution vieles von dem erreichen konnten, für das über ein Jahrhundert lang gekämpft wurde. Die Generation nach den 68er wuchs mit einer bisher unbekannten Gleichheit und Freiheit der Frau auf. Diese positive Entwicklung barg die Gefahr, dass sich die Frauen der neuen Generation nicht mehr bewusst wahren, was Unterdrückung bedeuten kann. Feministische Gruppen wurden kleiner und weniger bedeutsam.

Die Analyse zeigt, dass das Rollenbild sich nicht insofern zurückgebildet hat, dass sich die Frau auf dem Stand der Frau der 50er Jahre befindet, sondern vielmehr, dass die Unterdrückung der Frau auf Basis der erkämpften Rechte voranschreitet.

Leider war es mir im Rahmen dieses Artikels nicht möglich, differenzierter auf die Verschiedenartigkeit von Frauen in unserem Kulturkreis einzugehen. Denn sowohl die Damen, die in den 50er und 60er Jahren die Benimmratgeber gelesen haben als auch die Teilnehmerinnen von Germany’s Next Topmodel sind vor allem sozial besser gestellte Bürger. Es wäre interessant, auch Frauen aus anderen Teilen der Gesellschaft betrachten zu können oder auch Frauen mit ‚Migrationshintergrund‘.

Gleichzeitig wird Germany’s Next Topmodel zwar von vielen deutschen Fernsehzuschauern gesehen und viele junge Mädchen identifizieren sich mit den Kandidatinnen, jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass wir mittlerweile eine weibliche Bundeskanzlerin haben und auch in anderen Bereichen der Gesellschaft der Kampf der Frauen seine Spuren hinterlassen hat. Das Bild des naiven, dünnen, schönen Model-Mädchens spiegelt nur einen Teil unserer vielfältigen Gesellschaft wider.

 

 

 

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Verwendete Quellen:

Benz, Wolfgang 2006: Die 101 wichtigsten Fragen – Das Dritte Reich, Nördlingen, Verlag C.H. Beck oHG.

Bild Zeitung Online Special (ohne Jahr): GNTM – Germany’s Next Topmodel, online unter: http://www.bild.de/themen/specials/germanys-next-topmodel/germanys-next-top-model-16877468.bild.html.

Buß, Christian Pilarczyk, Hannah 2010: Frauenklischees bei ProSieben – Heidis hässliche Erbinnen, Spiegel Online vom 14.01.2010, online unter: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,671696,00.html.

Butler, Judith 1988: Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory, in: Theatre Journal, Vol. 40, No. 4., S. 519-531, Baltimore, The Johns Hopkins University Press.

Connell, Robert W. 2006: Der gemachte Mann – Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Domarus, Max 1965: Hitler, Reden und Proklamationen, Würzburg, Süddeutscher Verlag.

Graudenz, Karlheinz; Pappritz, Erica 1968: Etikette neu, München, Südwest Verlag Neumann.

Höffer-Mehlmer, Markus 2000: Didaktik des Ratschlags – Zur Methodologie und Typologie von Ratgeber-Büchern, in: Faulstich, Peter et.al. (Hrsg.) 2001: Wissen und Lernen, didaktisches Handeln und Institutionalisierung Befunde und Perspektiven der Erwachsenenbildungsforschung, Bielefeld, Bertelsmann, online unter: http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-2740/tausch%20for%20miami/wissen_und_lernen.pdf#page=155.

Kalle, Matthias 2010: Germany’s next Topmodel – Ware Schönheit, auf Zeit Online vom 24.06.2010, online unter: http://www.zeit.de/2010/26/Medien-Castingshow-Topmodel/komplettansicht.

Luke, Christiane 2006: Das Frauenbild der 50er Jahre – Im Pettycoat am Nierentisch, Durchblick 4/2006, online unter: http://www.durchblick-siegen.de/themes/ds/pdf/04_06/seite46.pdf.

Miklis, Katharina 2009: „Germany’s next Topmodel“ –  Heidis Masche mit den „Mädchen, stern.de vom 12. Februar 2009, online unter: http://www.stern.de/lifestyle/leute/germanys-next-topmodel-heidis-masche-mit-den-maedchen-653922.html.

Nave-Herz, Rosemarie 1997: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung.

Oheim, Gertrud 1955: Einmaleins des guten Tons, Gütersloh, Bertelsmann Ratgeberverlag Reihnhard Mohn.

Sinus Sociovison 2007: 20 Jahre Frauen und Männer heute- Lebensentwürfe, Rollenbilder, Einstellungen zur Gleichstellung, im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Familie, online unter: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/sinus,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf.

Stein, Roger (Jahr unbekannt): Bürgerlicher Moralcodex und Frauenbild, online unter: http://www.dirnenlied.de/page20/page23/page23.html.

Thomann,  Jörg 2010: Die Rückkehr des Sexismus – Frauenquälen für die ganze Familie, FAZ online vom 08.02.2010, online unter: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/die-rueckkehr-des-sexismus-frauenquaelen-fuer-die-ganze-familie-1606051.html.

Widholm, Friederike (Jahr unbekannt): Die Stellung der Frau im Wandel der Zeit, online unter: http://www.kontinenz-stoma.at/fileadmin/bilder/Dokumente/Die_Stellung_der_Frau_im_Wandel_der_Zeit_Handout.pdf.

 

 

Durch’s Leben getobt: Das wilde Leben der Barbara Rütting

Durch’s Leben getobt: Das wilde Leben der Barbara Rütting

Seit einigen Jahren kenne ich Barbara Rütting. 2015 hatte ich die tolle Möglichkeit, sie auf der Frankfurter Buchmesse zu sprechen und ihr jede Menge Fragen zu ihrem aufregenden Leben zu stellen. 1927 geboren, erlebte sie den Krieg, heiratete früh und wurde schließlich eine international gefeierte Schauspielerin.
Doch lange hielt sie es in der Welt des Films nicht aus – Sie wollte sich vor allem für die Umwelt einsetzen. Heute ist sie eine beliebte Autorin von vegetarischen und veganen Kochbüchern, vertrat einige Jahre die Grünen im bayrischen Landtag und erschaffte einen Biobauernhof, auf welchem sie Workshops gab. Wenn das mal kein spannender Lebenslauf ist!

Wenn man sie heute trifft, kann man ihr das Alter gar nicht glauben. Sie strahlt eine wirklich bewundernswerte Jugend aus. Aber seht selbst:

Warchild: Im Gespräch mit Emmanuel Jal

Warchild: Im Gespräch mit Emmanuel Jal

Er ist ein gefeierter Rapper und Schauspieler: Emmanuel Jal verbindet amerikanischen Hip-Hop mit afrikanischen Klängen und wird dafür international gefeiert. Doch hinter Emmanuel Jal steht viel mehr als ein musikalisch begabter Mann: Er hat eine Geschichte zu erzählen, die es wert ist, gehört zu werden. Schon in jungen Jahren wurde er als Kindersoldat ausgebeutet, lebte schließlich in den Slums von Nairobi und schaffte es dann mit seiner bedeutenden Musik zu internationaler Bekanntheit. Heute singt er zusammen mit Nelly Furtado, Alicia Keys und Peter Gabriel. Außerdem war er weltweit in den Kinos an der Seite von Reese Witherspoon zu sehen.
Im Sommer 2014 hatte ich die wunderbare Möglichkeit, den Musiker und Friedensaktivisten Emmanuel Jal zu interviewen.

Meinen Artikel über das Leben von Emmanuel Jal findet Ihr hier.

Vom Sollen zum Tun – Merle Becker zum Umgang miteinander

Vom Sollen zum Tun – Merle Becker zum Umgang miteinander

Im Sommer 2015 hatte ich, Merle Becker, als Gründerin von academic experience Worldwide e.V. die wunderbare Möglichkeit, einen Pecha Kucha-Vortrag zum Thema „Sinn und Unsinn“ zu halten. Für mich war klar, dass es dabei nur um den Sinn und Unsinn von stereotypen Denken und Vorurteilen gehen konnte. Und hier bezog ich mich explizit auf die Arbeit mit geflüchteten Menschen, also auf die sogenannte „Flüchtlingshilfe“. Denn: Bilder und Sprache werden zu Macht. Menschen, die vorher Ärzte waren, Mütter, Freunde, Künstler und Lehrer, werden hier ihrer Menschlichkeit beraubt und zu „Flüchtlingen“ gemacht. Um jemanden auf Augenhöhe zu begegnen, braucht es nicht viel mehr als Empathie. Wir sollten uns allen bewusst sein, dass unsere privilegierte Situation auf Glück zurückzuführen ist und nicht auf Talent oder Können.
Aber, hören Sie sich den kurzen Vortrag am besten selbst an. Und lasst mir Eure Meinung in den Kommentaren zurück!