Die erschreckenden Thesen eines großen Speaker Events


Oder: Wie nutze ich unglückliche junge Männer aus

„Wer reich ist, ist glücklich. Wer unglücklich ist, ist selbst schuld. Gebt mir Euer Geld und Ihr könnt alles erreichen.“, so oder so ähnlich hallte es aus all den vollen Vortragshallen. Ich war auf einem großen Founder und Speaker Event – einem der größten in Deutschland. Eine Veranstaltung voller Speaker und Coaches und Coaches von Coaches. Und ein Event voller junger Männer (und einiger Frauen), die mit ihrem Leben unzufrieden sind und davon träumen, eines Tages reich zu sein. 

Der Traum besteht tatsächlich auf den ersten Blick erstmal aus „reich sein“. Auf der Veranstaltung sprachen „bekannte“ Speaker. Und alle sagten in etwas das gleiche: „Du bist jung und arm? Selbst schuld! Du bist übergewichtig? Selbst schuld! Du bist unzufrieden? Selbst schuld!“ Und dann erzählten sie, wie man mit ihrem 10-Wochen-Online-Kurs in drei Monaten reich wird. Jeder könne das, wenn er oder sie nur wolle. Das war das Credo. Ich kam aus dem Staunen gar nicht wieder heraus.

Hier sechs Thesen, die mir immer wieder begneten:

1.  Finanzieller Reichtum ist das oberste Ziel

Wie kann es sein, dass ein so großer und wichtiger Teil der Generationen Y und Z offensichtlich ihr größtes Glück im finanziellen Reichtum suchen? Gerade in Zeiten der Berichterstattung über #FridaysforFuture und Co ist die Diskrepanz einfach so enorm, dass ich den Mund gar nicht mehr zu bekam. Ich bin nicht naiv genug, um zu glauben, dass Geld keine Rolle spielt – aber wie kann man seine gänzliche Identität und sein Glück auf finanziellen Reichtum beschränken?

Einige Speaker Events setzen finanziellen Reichtum als oberstes Ziel
Geld regiert die Welt – oder nicht?

2.  Alle können alles erreichen

Was mir auch wirklich Bauchschmerzen machte, war die Tatsache, dass die aller meisten der Zuschauer viel Geld für Kurse und Veranstaltungen dieser Art ausgeben. Und dass die sogenannten Coaches auch noch mit ihrem Reichtum prahlten. Dabei war so ersichtlich, dass die junge Zuhörerschaft wohl niemals zu diesem Reichtum kommen wird, sondern ganz im Gegenteil, zu mindestens teilweise wohl in finanzielle Schwierigkeiten kommt, wenn sie sich solche „Masterclasses“ buchen. In unserer Art des Zusammenlebens und in unserer Gesellschaft sind nun mal nicht allen die gleichen Chancen gegeben.

3.  Nimm Dir Sekten als Vorbild

Über 5000 Leute sahen den Speakern zu. Die Speaker riefen dazu auf, dass alle gleichzeitig die Augen schlossen, Geräusche machten, „I am Ready“ ausriefen, oder vor Freude trampelten. 5000 Menschen machten es ihnen nach. Im Gleichschritt. Mich erinnert das stark an das Vorgehen von Sekten und Regimen und macht mir Angst. Ein Zufall?

4.  Frauen brauchen wir nicht 

Auf dem zweitägigen Event sprachen genau null Frauen (mit Ausnahmen einer Roboterfrau, das würde ich jetzt aber nicht als positiv bezeichnen). Die Zielgruppe war zwar eher männlich, aber auch junge Frauen interessierten sich für die Themen. Und wer sich ein wenig mit Unternehmertum und Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzt, der oder die weiß, dass es durchaus auch viele weibliche Speaker aus dem Bereich gibt.

5.  Bildung ist sinnlos

Schule, Ausbildung und Universität sind sinnlos und Zeitverschwendung. Diese Aussage wurde gebetsartig immer wieder genannt. Ich sehe Bildung als eines der höchsten Güter. Doch klar: Wer gelernt hat zu reflektieren und kritisch zu denken, der wird den Coaches sein Geld nicht geben. Damit sind gebildete Menschen wohl das Feindbild ihres Businessplans.

6.  Denk nur an Dich

Es ist vollkommen irrelevant, inwiefern Dein Handeln Deine Mitmenschen und Umwelt beeinflusst, Hauptsache Du wirst reich. Denk nur an Dich, dann wirst Du glücklich. Während sich ein Redner mit einer Sänfte durch den Raum tragen ließ, musste ich an die global- und umweltpolitischen Probleme unserer Zeit denken und ich wurde richtig wütend. Wie war das nochmal mit der spätrömischen Dekadenz?

Mein Fazit

Ich habe zwei Tage auf dem Event verbracht, um mir ein Bild zu machen. Und seit diesen zwei Tagen, die nun schon einige Wochen zurück liegen, vergeht kein Tag, an dem ich nicht erstaunt zurückdenken. 

Die spezielle Veranstaltung, von der ich schreibe, bestand nicht nur aus mehreren Rednerbühnen, sondern auch einem großen Messeanteil. Hier repräsentierten sich viele bekannte und weniger bekannte Unternehmen. Zum Teil auch öffentliche Stellen. Mir ist es ein Rätsel, wie seriöse Unternehmen und Verwaltungen eine solche Veranstaltung fördern können und was sie sich davon erhoffen. 

Wenn so viele der vorwiegend jungen Männer von dieser egozentrischen Lebenseinstellung geprägt sind, wie sieht dann die Zukunft aus?

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