Dinge, die die Welt nicht braucht. Oder: Was ist nachhaltiger Konsum?

Ein volles Bücherregal. PC: Marisa Sias auf Pixabay
Wir bereichern uns, andere leiden darunter. Fortschritt und Wachstum suggerieren, dass wir immer härter, besser, schneller, stärker werden müssen. Aber ist stetes Wachstum wirklich so erstrebenswert?

Wir leben über unsere Verhältnisse. Die menschliche Nachfrage nach den irdischen Ressourcen übersteigt das Angebot. Diese Übernutzung hat bekannte Folgen: abgeholzte Regenwälder, Verschmutzung von Böden und Gewässern, dezimierte Fischbestände und Artenvielfalt sowie Wasserknappheit in vielen Ländern. Insbesondere reiche Länder sind für Klimakatastrophen und Armut verantwortlich. Durch die globale Beschaffenheit von Lieferketten beziehungsweise Wertschöpfungsketten wirkt sich unser Konsum im Globalen Norden auch auf Menschen und Ökologie im Globalen Süden aus. Ein neues T-Shirt für 5 €, neue Sneaker für 30 €? Nehmen wir! Auf Kosten anderer!

Glückshormone beim Konsum

„Leider“ begeistert uns Einkaufen kurzfristig, setzt sogar Glücksstoffe frei und macht somit Spaß. Das Belohnungssystem wird angeregt und wir sind zufrieden. Doch was passiert langfristig? 
Nachhaltig glücklich macht materieller Konsum nicht. Wir vergleichen uns mit anderen. Dadurch entsteht Neid und daraus schließlich Konkurrenzdruck. Werbung, Social Media und der Kapitalismus wecken ständig neue Bedürfnisse. Uns wird signalisiert, wenn wir so aussehen, wenn wir das neue Handy haben, dann sind wir vollkommen zufrieden. Wir generieren soziale Anerkennung durch sozialen Status. Wir versprechen uns bewusst und unbewusst Zugehörigkeit, Anerkennung oder Abgrenzung. Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher wir durch Besitz und Geld unseren Wohlstand zur Schau stellen. 

Die Hypothese: Erfolg = Geld = Besitz = Glück!

So kann jeder sehen, was für erfolgreiche Menschen wir doch sind.

Was bedeutet nachhaltiger Konsum?

In Abgrenzung dazu wird immer mehr zu nachhaltigem Konsum aufgerufen. Insbesondere bedeutet das, dass wir bewusst konsumieren. Nicht aus Langeweile, als Aufmunterung oder aufgrund von Schnäppchen oder Angeboten, sondern nur aus dem wirklichen Bedürfnis heraus, dass wir die Winterschuhe, das Tablet oder den Kochtopf wirklich brauchen. Natürlich lässt sich das auf jeglichen Bereich ausweiten. Müssen wir sieben Mal die Woche und am besten noch morgens, mittags und abends Fleisch zu uns nehmen? Klares Nein. Das schadet nicht nur der Umwelt, den Tieren, sondern auch uns und unserer Gesundheit. Ok, also kaufen wir fair, biologisch, saisonal und regional und möglichst gebrauchte Dinge in Second-Hand-Läden ein, dann ist doch alles in Ordnung.

Wirklich?

Bewusster Verzicht: Brauche ich das? 

Fest steht: Wir dürfen nicht so weiter machen wie bisher. Wir sollten bewusst konsumieren und insgesamt weniger verbrauchen. Das gilt auch für nachhaltig produzierte Güter! Sind die Winterschuhe vom letzten Jahr noch gut? Oder benötigen sie nur eine neue Sohle? Davon mal abgesehen, dass es auch eine Kostenfrage ist – wie wäre es, wenn wir lieber ausgesuchte, qualitativ hochwertige, anstatt viele günstige und billig produzierte Gegenstände hätten? Und noch eine andere Frage: Müssen wir all die Teile, die wir auch nur ein paar Mal im Jahr benötigen, auch besitzen? Ist es wirklich nötig, dass mein Bücherregal voll ist mit tollen Büchern, die ich allerdings zugegebenermaßen maximal zweimal lese? Eine Anmeldung in der Bücherei wäre sicher sinnvoller! Insbesondere solche Dinge, von denen wir nicht mal wissen, dass sie sich in unserem Besitz befinden, werden wir nicht vermissen. Und auch das kann ich nicht über alle meine Bücher sagen…

Wer weniger besitzt, hat mehr Platz, Zeit und auch Geld! Nicht umsonst ist Minimalismus in aller Munde. Welche Dinge sind überflüssig? Dieses Bewusstsein ist der ständige Begleiter.

Menschen in einem Einkaufszentrum. PC: Steve Buissinne auf Pixabay

Die Dinge, die wir wirklich mögen, behalten wir, die anderen kommen weg. Und ja, es geht um wirklich jeden Gegenstand. Töpfe, Stifte, Handtücher. Wir sollten uns jeden einzelnen Gegenstand anschauen und uns genau diese Frage stellen. Um nicht wieder Unmengen neuer Dinge anzuhäufen, kann man eine simple Regel anwenden: Kommt ein neues Teil, muss ein altes gehen.

Wohin mit den Dingen?

Und was mache ich dann mit dem ganzen Zeug? Nur in den seltensten Fällen ist die Mülltonne der richtige Weg. Hier ein paar Ideen:

  • Gibt es Verschenkläden, Sozialkaufhäuser oder Ähnliches in deiner Nähe? Häufig können selbst Dekomaterialien, Bücher und DVDs weggebracht und manchmal auch abgeholt werden.
  • Facebook-Gruppen, um Dinge zu verschenken, gibt es auch fast in jeder Stadt. 
  • Auch Flohmärkte, Kleiderkreisel oder Ebay-Kleinanzeigen sind gute Möglichkeiten. Informiere Dich, wie Deine Stadt aufgestellt ist!
  • Wichtig ist es auch, sich zu informieren, wo zum Beispiel defekte Elektrogeräte fachgerecht entsorgt werden, damit die wichtigen Rohstoffe noch weiter genutzt werden können.

Wie bleibe ich bei dem Lebensstil?

Es gibt tolle Möglichkeiten, weiterhin ein gutes Leben zu führen. Inzwischen gibt es viele Sharing-Communities oder auch Angebote in Geschäften. Es gibt Carsharing oder die geliehene Bohrmaschine von der Nachbarin, dem Vater oder aus dem Baumarkt. An Möglichkeiten mangelt es nicht. 

Haben das Lieblings-T-Shirt, die schöne graue Hose und das Paar Schuhe ein Loch? Ab zum Fachgeschäft, welches gerne repariert. Oder Du nähst es selbst.

Zudem gibt es in vielen Städten Repair-Cafés sowie spezielle Reparaturwerkstätten für beispielsweise Fahrräder, Computer oder Lampen. Dort findet man nicht nur das nötige Werkzeug, günstige Ersatzteile, sondern auch noch eine Beratung oder mündliche Anleitung obendrauf. So lernst du sogar noch neue Menschen kennen. Du bist kein „Menschentyp“? Youtube ist voll mit Reparaturanleitungen aller Art. 

Der Gewinn

Wir können unsere Zeit nicht vermehren, nur verdichten. Daraus resultiert ein Beschleunigungszwang, die Zeit vergeht schneller und ist knapper. Also lasst uns unsere kostbare Zeit nutzen und mehr Dinge mit unserer Familie und unseren Freunden machen. Lasst uns Geld in Erlebnisse investieren, denn nur die machen nachhaltig glücklich. 

Ein weiterer Gewinn: weniger Sorgen. Wer weniger hat, kann weniger verlieren. Wir müssen uns nicht um unser Auto sorgen, gegen das Chaos ankämpfen und sind freier. 

Und bringt genau das nicht Glück und Zufriedenheit? 


Quellen

  • WWF International (2014): Living Planet Report 2014- Kurzfassung.
  • Paech, N. (2019): Befreiung vom Überfluss-Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, 11. Aufl., oekom verlag: München

Über die Autorin

Iris Büßelmann ist Ökotrophologin, Masterstudentin im Fachbereich Ernährungs- und Verbraucherökonomie und Hebamme. Sie engagiert sich für einen bewussten und fairen Umgang mit unserer Umwelt. Nachhaltige Ernährung ist ihre Herzensangelegenheit. Seit April 2020 unterstützt sie Merle Becker bei Wertschatz Kommunikation.

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