Die Zivilgesellschaft ist nicht immer gut

Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?
Service Learning – Die ultimative Lösung oder Glorifizierung sozialer Ungleichheit?

– Wieso wir uns beim Spenden und Engagieren manchmal mehr Gedanken machen sollten.

NGOs werden oft als Vertreter*innen der Zivilgesellschaft gesehen beziehungsweise mit dieser gleichgesetzt. Es heißt, sie erhöhen die Transparenz und Legitimität der Politik, bringen die nötige Expertise und Ressourcen mit und verbessern dadurch die Problemlösungskapazität der Regierungen. NGOs sollen also eine Demokratisierung der Politik unterstützen. Doch wer spricht eigentlich für wen in den NGOs? Und wer entscheidet, welche Stimmen aus der Zivilgesellschaft erhört werden?

Wie eine Organisation zu einer NGO wird

NGOs werden in der Literatur meist als Nichtregierungsorganisationen bezeichnet, die in den Bereich von Non-Profit- Organisationen fallen, dabei jedoch speziell humanitäre Ziele verfolgen oder öffentliches Interesse vertreten. Die Autorität von NGOs basiert auf normativen Kräften anstelle von demokratischer Repräsentation oder militärischer Macht. 

Ein kritischer Blick auf NGOs

Das klingt ja zunächst sehr positiv. Doch die Literatur bietet seit den 1990er Jahren auch vermehrt kritische Ansätze in Bezug auf die Stellung von NGOs in der internationalen Politik und die Machtverhältnisse, die durch NGOs repräsentiert werden. So wird davon ausgegangen, dass auch NGOs vor allem Partikularinteressen vertreten und um das eigene Überleben kämpfen.

Zurückzuführen ist dieses Argument unter anderem auf die Tatsache, dass der NGO-Begriff der UN sehr weit gefasst ist, weshalb viele Organisationen mit sehr unterschiedlichen Interessen darunterfallen. Auch existiert der Vorwurf, dass in globalen NGOs vor allem gebildete Menschen aus dem Mittelstand reicher Staaten arbeiten. NGOs seien auch nicht Teil eines dritten Sektors, sondern eng mit dem Staat und dem Markt verbunden. Dadurch reflektieren sie die gesellschaftlichen Ungleichheiten und bilden diese in ihrer Arbeit wieder ab. 

NGOs sind heterogen

Doch NGOs sind sehr heterogen und divers und arbeiten häufig auch über verschiedene Ebenen. Transnationale NGOs arbeiten oft eng mit lokalen Partnern zusammen, welche Projekte implementieren oder Informationen sammeln. Auch lokale NGOs sind in ihrer Arbeit auf den Einfluss und die Ressourcen von transnationalen Partnern angewiesen. Studien machen deutlich, dass es durchaus auch solche Machtbeziehungen zwischen internationalen und lokalen NGOs gibt, unter denen letztere leiden. Hierbei spiegeln die Beziehungen die Verhältnisse globaler Geopolitik wider: Demnach stülpen manche internationale Organisationen eigene Ideen und Konzepte auf die schwächeren lokalen Partner in Ländern des Globalen Südens[1] über. Diese sind auf Gelder und auf die Kontakte der internationalen NGO angewiesen. Ronaldo Munck (2002) und James Petras (1997) sind in diesem Zusammenhang besorgt über den eurozentrischen Charakter solcher Kooperationen, wenn internationale NGOs strukturelle Ungleichheiten in ihrer Arbeit ausblenden, Proteste und schließlich auch Stimmen der kleinen NGOs verklingen lassen und lediglich ihre eigene Stimme als international geltend darstellen. Auch existiert der Vorwurf, dass vor allem NGOs aus dem Globalen Süden die Interessen der Eliten der jeweiligen Staaten und Regionen vertreten, statt tatsächlich für marginalisierte Gruppen zu sprechen. Denn auch die Leiter*innen von NGOs gehören nicht zu den marginalisierten Gruppen, sondern sind selbst Teil der Elite. Gayatri Chakravorty Spivak beschreibt NGOs des Globalen Südens als koloniales Subjekt, welches zu einem „new domestic middle-class urban radical“ geformt wurde (vgl. Spivak 2004: 527). Nur städtische Eliten könnten Probleme so definieren, dass die nördlichen Eliten die Repräsentation und Partizipation anerkennen würden. Spivak macht deutlich, dass die Beachtung dieser Machtverhältnisse innerhalb der Zivilgesellschaft oft zu kurz käme. 

Was heißt eigentlich Repräsentation?

Wenn NGOs als Repräsentant*innen der Zivilgesellschaft gesehen werden, sollte auch der Begriff Repräsentation näher betrachtet werden. Spivak sieht Repräsentation als einen Prozess der Vertretung und Darstellung, wobei Vertretung für eine Form der politischen Repräsentation steht (demnach das Sprechen für andere beinhaltet), während Darstellen den Prozess des Feststellens kennzeichnet. Dabei sei wichtig zu beachten, dass bei jeglicher Form der Repräsentation die Subjekte der Repräsentation „imaginierte heterogene Subjekte“ sind und es keine tatsächlichen Referenten*innen gibt. Repräsentation ist immer auch Interpretation. Es geht nicht darum, wer spricht, sondern vor allem auch darum, wer erhört wird. In vielen Fällen scheitert eine Selbstdarstellung der Subalternen[2] daran, dass sie nicht erhört werden. Auf Grund dieses Scheiterns ist die Repräsentation durch Intellektuelle trotz der Gefahren unausweichlich. 

Ein weiterer Kritikpunkt ist quantitativer Natur: Untersuchungen zeigen, dass bei internationalen Klimaverhandlungen ein Großteil der NGOs aus dem sogenannten Globalen Norden kommt. Zudem stehen den NGOs des Globalen Nordens oftmals mehr materielle und ideelle Ressourcen zur Verfügung, sodass diese die internationale Klimapolitik qualitativ sowie quantitativ dominieren. 

Zivilgesellschaft ist nicht immer „gut“

Diese kritische Sichtweise steht im Kontrast zu den Forschungen, die NGOs als Vertreterinnen der Zivilgesellschaft sehen. Dabei stellt sich die Frage, was mit Zivilgesellschaft gemeint ist. Der Zivilgesellschaft wird im Diskurs oftmals zugeschrieben, die Probleme des Zusammenlebens in einer repräsentativen, pluralistischen und liberalen Demokratie zu lösen. Sie ist demnach weder Teil des Staates, noch des Marktes, noch lässt sie sich in der reinen Privatsphäre der Bürger*innen einordnen. Sie soll da greifen, wo Staat und Markt versagen. 

Seit den 1980er Jahren wurde die Zivilgesellschaft in der Forschung als vorwiegend gut, wertvoll und förderungswürdig gesehen. Die Geschichte lehrte jedoch, dass Akteure der Zivilgesellschaft nicht grundsätzlich anerkennungswürdig sind. So gab es etwa in der Weimarer Republik viele Organisationsformen, die nicht alle durch ein geteiltes, bürgerliches Ethos geprägt waren, sondern vielmehr kompromisslos für eigene ideologische Forderungen eintraten. Auch heute bezeichnen sich viele islamistische Organisationen selbst als Teil der Zivilgesellschaft und betreiben Krankenhäuser, Schulen und Hilfsprojekte. Gleichzeitig verfolgen sie aber durchaus auch militärische Zwecke. Hier stellt sich also die Frage, von welchen Akteuren allgemein gesprochen wird, wenn von der positiv konnotierten Zivilgesellschaft die Rede ist. Es wird deutlich, dass die Zivilgesellschaft im Diskurs oft normativ definiert wird als das, was sie sein soll. Dies führt dazu, dass nur ein bestimmter Teil der analytisch definierbaren Zivilgesellschaft auch als solche anerkannt wird. Eine Zivilgesellschaft braucht in ihrem normativen Verständnis ein gemeinsames Wertecluster. Dieses muss in einem demokratischen Verständnis auch demokratisch sein. Demnach kann es keine globale Zivilgesellschaft geben, da es keine global geteilten demokratischen Werte gibt. In demokratischen Staaten sind formell gesehen alle Bürger*innen mit den gleichen Rechten durch die Verfassung und Gesetze ausgestattet. Teile der internationalen Gesellschaft, insbesondere postkolonialer Staaten, haben reell gesehen jedoch nur begrenzten Zugang zu Bürgerrechten. Dadurch sind sie keine Mitglieder der Zivilgesellschaft und werden aus Sicht des Staates auch nicht als solche gesehen. Spivak sieht die Zivilgesellschaft als Erweiterung der globalen, hegemonialen Ordnung und betont die Rolle der (nicht gewählten) Eliten innerhalb der Zivilgesellschaft mit Zugang zu einer weitreichenden transnationalen Öffentlichkeit. Spivak merkt an, dass die nationale und internationale Zivilgesellschaft die Macht des Staates untergraben würde. Dies sei jedoch laut Nikita Dhawan „kein Plädoyer für einen Etatismus, sondern vielmehr für eine Wachsamkeit in Bezug auf die Verdrängung des Staates durch nichtstaatliche Akteure als treibende Kräfte der Gerechtigkeit.“ (Dhawan 2012: 10). 

Dieser Forschungsstrang versucht also darauf aufmerksam zu machen, dass NGOs, die für gesellschaftliche Gruppen sprechen und diese repräsentieren wollen, Gefahr laufen Machtverhältnisse zu konstruieren oder zu verfestigen. 

Was bedeutet das jetzt?

Ich selbst engagiere mich zivilgesellschaftlich seitdem ich denken kann und unterstütze in den vergangenen Jahren mehr NGOs als ich zählen könnte. Und doch möchte ich mit diesem Artikel dazu anregen, sich immer mal wieder Gedanken darüber zu machen, für wen und wie verschiedene „Vertreter*innen Zivilgesellschaft“ meinen zu sprechen. Und auch die Frage zu stellen, wer erhört wird und wer gegebenenfalls auch nicht erhört wird.

Gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, wo uns so viele Spendenanfragen per Post, Mail und Direktansprache erreichen: Machen Sie sich Gedanken darüber, an wen Sie spenden und was das für Auswirkungen auf die Gesellschaft, die Menschen und die Umwelt haben könnte.


[1] Mir ist bewusst, dass es sich bei den Bezeichnungen „Globaler Norden“ und „Globaler Süden“ um stark vereinfachende und geographisch falsche Termini handelt. In Rahmen dieser Arbeit sollen die Begriffe keine Verallgemeinerung der Menschen darstellen, sondern vielmehr auf die unterschiedlichen Erfahrungen mit Kolonialismus hindeuten (vgl. Glokal e.V. 2013: 8). Die Begriffe werden verwendet, um auf globale Ungleichheiten aufmerksam zu machen.


[2] Subalternität bezeichnet die Teile der Gesellschaft, die durch hegemoniale Praktiken ausgegrenzt werden (vgl. Spivak 1988).


Hier können Sie weiterlesen und meine Quellen nachvollziehen:

Beer, Christopher Todd; Bartley, Tim; Roberts, Wade T. (2012): NGOs: Between Advocacy, Service Provision, and Regulation. In: David Lēwî-Faur (Hg.): The Oxford handbook of governance. Oxford: Oxford Univ. Press, S. 326–338. 

Brand, Ulrich (2001): Nichtregierungsorganisationen und postfordistische Politik. Aspekte eines kritischen NGO-Begriffs. In: Achim Brunnengräber, Ansgar Klein und Heike Walk (Hg.): NGOs als Legitimationsressource. Zivilgesellschaftliche Partizipationsformen im Globalisierungsprozess. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 73–94. 

Brühl, Tanja (2003): Nichtregierungsorganisationen als Akteure internationaler Umweltverhandlungen. Ein Erklärungsmodell auf der Basis der situationsspezifischen Ressourcennachfrage. Zugl.: Frankfurt am Main, Univ., Diss., 2002. Frankfurt am Main u.a.: Campus-Verlag (Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, 42). 

Brühl, Tanja (2008): Mächtige Akteure? NGOs in der internationalen (Biodiversitäts-)Politik. In: Petra C. Gruber (Hg.): Nachhaltige Entwicklung und Global Governance. Verantwortung, Macht, Politik. Opladen: Budrich, S. 107–124. 

Brühl, Tanja (2010): Representing the People? NGOs in International Negotiations. In: Jens Steffek (Hg.): Evaluating transnational NGOs. Legitimacy, accountability, representation. 1. publ. Basingstoke: Palgrave Macmillan, S. 181–199. 

Brühl, Tanja; Gereke, Marika (2015): Der Beitrag von Non-State Actors zum Schutz der Umwelt. Eine kritische Analyse der Rolle von NGOs in der Klimapolitik. In: Z Außen Sicherheitspolitik 8 (S2), S. 677– 694. 

Buttigieg, J. A. (2005): The Contemporary Discourse on Civil Society. A Gramscian Critique. In: boundary 2 32 (1), S. 33–52. 

Carpenter, R. Charli (2010): Governing the global agenda. „Gatekeepers“ and „issue adoptions“ in transnational advocacy networks. In: Deborah D. Avant, Martha Finnemore und Susan K. Sell (Hg.): Who governs the globe? Cambridge: Cambridge University Press (Cambridge studies in international relations, 114), S. 202–237. 

Castro Varela, Marìa do Mar (2006): Postkoloniale feministische Theorie und soziale Gerechigkeit. In: Ursula Degener und Beate Rosenzweig (Hg.): Die Neuverhandlung sozialer Gerechtigkeit. Feministische Analysen und Perspektiven. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 97–114. 

Castro Varela, Marìa do Mar; Dhawan, Nikita (2004): Horizonte der Repräsentationspolitik. Taktiken der Intervention. In: Bettina Roß (Hg.): Migration, Geschlecht und Staatsbürgerschaft. Perspektiven für eine anti-rassistische und feministische Politik und Politikwissenschaft (Politik und Geschlecht, 16), S. 205–226. 

Dhawan, Nikita (2012): Postkoloniale Staaten, Zivilgesellschaft und Subalternität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 62 (44-45), S. 30–38. 

Dombrowski, Kathrin (2010): Filling the gap? An analysis of non-governmental organizations responses to participation and representation deficits in global climate governance. In: Int Environ Agreements 10 (4), S. 397–416. 

Gereke, Marika; Brühl, Tanja (2016): Demystifying the Transformative Power of NGOs. Unequal Representation of Northern and Southern Interests in International Climate Change Politics: Unveröffentlichtes Skript. 

Goudge, Paulette (2003): The Whiteness of Power. Racism in third world development and aid. London: Lawrence & Wishart. 

Lipschutz, Ronnie D. (2007): The Historical and Structural Origins of Global Civil Society. In: Globalizations 4 (2), S. 304–308. 

Martens, Kerstin (2006): NGOs in the United Nations system. Evaluating theoretical approaches. In: J. Int. Dev. 18 (5), S. 691–700. 

Munck, Ronaldo (2002): Global Civil Society: Myths and Prospects. In: Voluntas: International Journal of Voluntary and Nonprofit Organizations 13 (4), S. 349–361. 

Özmen, Elif (2016): Wer oder was ist die „Zivilgesellschaft“? Beiträge der Philosophie zum Verständnis eines vielfältigen Phänomens. Engagierte Hochschule. Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung. Hochschulzentrum Vöhlinschloss, 07.11.2016. Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=ffqoyvh5_tY, zuletzt geprüft am 13:07h, 19.03.2017. 

Petras, James (1997): Imperialism and NGOs in Latin America. In: Monthly Review 49 (7), S. 10–27. 

Rodríguez, Encarnación Gutiérrez (2008): Postkolonialismus: Subjektivität, Rassismus und Geschlecht. In: Ruth Becker, Beate Kortendiek und Barbara Budrich (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 2., erw. und aktualisierte Aufl. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (Geschlecht & Gesellschaft, 35), S. 267–275. 

Spivak, Gayatri Chakravorty (1988): Can the Subaltern Speak? In: Cary Nelson (Hg.): Marxism and the interpretation of culture. Urbana, Ill.: Univ. of Illinois Press, S. 271–313. 

Spivak, Gayatri Chakravorty (1999): A critique of postcolonial reason. Toward a history of the vanishing present. Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press. 

Spivak, Gayatri Chakravorty (2004): Righting Wrongs. In: The South Atlantic Quaterly 103 (2/3), S. 523– 581. 

Steffek, Jens (Hg.) (2010): Evaluating transnational NGOs. Legitimacy, accountability, representation. 1. publ. Basingstoke: Palgrave Macmillan. 

Steffek, Jens (2013): Explaining cooperation between IGOs and NGOs. Push factors, pull factors, and the policy cycle. In: Rev. Int. Stud. 39 (04), S. 993–1013. 

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